Missbrauch in der Kirche Das Schweigen der Hirten

Die deutschen Bischöfe versprachen den Sex-Opfern von Priestern Schutz und Hilfe. Die Realität sieht anders aus: Vertagen, verschweigen, verhöhnen.

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Regensburg - Gerade war die Debatte um den sexuellen Missbrauch durch Priester über die katholische Kirche hinweggefegt, da gaben sich Deutschlands Bischöfe zerknirscht und reumütig. Fortan gelte "die Fürsorge der Kirche zuerst dem Opfer" schrieben sie in Leitlinien zum Umgang mit der Sünde. Den Betroffenen werde "menschliche, therapeutische und pastorale Hilfe" angeboten. Den Opfern solle bei der "Überwindung von Irritationen, Sprachlosigkeit und Trauer" von "kompetenten Ombudsmännern" (Kardinal Karl Lehmann) geholfen werden.

So weit die Theorie, verabschiedet von der Bischofskonferenz im September vergangenen Jahres, nachdem der SPIEGEL (29/02) die Folgen der Missbrauchsfälle thematisiert hatte. Die Realität erleben derzeit Kinder und Eltern in der Oberpfalz: Auf sie wirken die hehren Ansätze der Leitlinien wie Hohn. Sie fühlen sich, kaum wird der erste Missbrauchsfall nach der angeblichen Zeitenwende verhandelt, alleingelassen wie zu dunkelsten Skandalzeiten.

Der Umgang mit den Verfehlungen des Pfarrers Franz K., der in drei Gemeinden der Oberpfalz in mindestens 45 Fällen zwölf Ministranten und Kommunionskinder sexuell missbraucht haben soll, hätten eigentlich zur Bewährungsprobe für das neue, angeblich opferorientierte System werden müssen. Der Fall wurde im August publik, ein paar Wochen später wurden die Leitlinien verabschiedet. Doch im Bistum Regensburg schweigen die Hirten. Es gab kein Gespräch mit den Eltern und Opfern, keinen Beistand für die Anzeigensteller gegen Anfeindungen aus der Gemeinde, keine persönliche Entschuldigung. Briefe der Eltern wurden nicht beantwortet, es gibt keine Meldung nach Rom, ja nicht einmal eine kirchliche Voruntersuchung.

Pfarrer K., Ministranten bei einer Messe in Georgenberg-Oberpfalz: "Seit wann legt sich denn ein Sumpf selbst trocken?"

Pfarrer K., Ministranten bei einer Messe in Georgenberg-Oberpfalz: "Seit wann legt sich denn ein Sumpf selbst trocken?"

Jetzt wird offensichtlich, dass es ein Fehler der Bischofskonferenz war, auf eine vom jeweiligen Bistum unabhängige Untersuchungskommission zu verzichten. Der Fall K. zeigt, dass bei einer Klärung durch das Bistum selbst wieder die alten Mechanismen greifen. Denn Bischof Gerhard Ludwig Müller, erst im November berufen, schweigt zu der Erblast; Generalvikar Wilhelm Gegenfurtner traute sich nicht selbst in die Gemeinden. Er riet den Opfern im Bistumsblatt, sich unter anderem doch an die Caritas zu wenden. Doch ausgerechnet einer betroffenen Mutter, die Anzeige erstattet hatte, wollte eben diese kirchliche Einrichtung die Weiterbeschäftigung zum Jahreswechsel verweigern.

Ombudsmann Anton Wilhelm, seit November im Amt, nennt den Vorgang, der sich seit August hinzieht, "einen Altfall", für den er noch nicht zuständig sei. Und Domdekan Franz Xaver Hirsch, vom Bistum als Mediator eingesetzt, ist befangen. Schon 1993 gab es eindeutige Vorwürfe gegen K., der damals aber stillschweigend versetzt und sogar noch vom Kaplan zum Pfarrer befördert wurde - von Franz Hirsch.

Gegen das unchristliche Totschweigen wollen sich die Eltern am 5. Februar, wenn vor dem Amtsgericht Weiden der Prozess gegen Franz K. beginnt, mit öffentlichen Protesten wehren. Die Siershahner "Initiative gegen Gewalt und Missbrauch an Kindern und Jugendlichen" und einige kritische Kirchengruppen organisieren dort eine Mahnwache (www.initiative-gegen-gewalt.de). Diese "Verhöhnung der Opfer", sagt ein Vater, sei nicht hinzunehmen. Und die Mutter eines missbrauchten Ministranten klagt: "Seit wann legt sich denn ein Sumpf selbst trocken?"



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