Misshandlungen bei der Bundeswehr: Ekelrituale unterm Edelweiß

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Die Gebirgsjäger leben einen bizarren "Hochzugkult" aus: Neulinge werden mit Alkohol abgefüllt, müssen rohe Leber essen, sich nackt demütigen lassen. Die brachiale Kameradschaftspraxis löst Empörung aus - doch in Wahrheit sind unappetitliche Rituale in der Bundeswehr keine Seltenheit.

Berlin - Für Karl-Theodor zu Guttenberg war es "eine ganz wichtige Zeit in meinem jungen Leben". Nur mit den "besten Erinnerungen" blickt der CSU-Politiker darauf zurück. "Ich habe Kameradschaft kennengelernt, wie ich sie in dieser Form noch nicht kannte."

So schwärmte der heutige Verteidigungsminister vor nicht allzu langer Zeit in einem "Stern"-Interview über seine Zeit bei der Bundeswehr. Guttenberg ist Unteroffizier der Reserve, seinen Grundwehrdienst leistete er in Mittenwald, beim Gebirgsjägerbataillon 233.

Ausgerechnet.

Denn gerade das Gebirgsjägerbataillon 233 kommt nun in die Schlagzeilen. Ein ehemaliger Wehpflichtiger hat sich beim Wehrbeauftragten des Bundestages über menschenunwürdige Rituale bei der Einheit beklagt. Von einem bizarren "Hochzugkult" berichtete der Soldat: Vorgesetzte des Hochgebirgsjägerzuges hätten ihn im Sommer 2009 zum sogenannten "Fuxtest" gezwungen. Er habe Alkohol trinken und Rollmöpse mit Frischhefe und rohe Schweineleber essen müssen - bis zum Erbrechen.

"Erniedrigend und herabwürdigend" sei das gewesen, schreibt der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) in einem Brief an die Obleute der Fraktionen im Verteidigungsausschuss. Doch das Ganze, so stellt sich heraus, ist kein Einzelfall.

In Robbes Schreiben an die Verteidigungsexperten des Parlaments heißt es nicht nur, dass die Vorwürfe wohl "im Wesentlichen" zuträfen. Offenbar haben sich die schikanösen Rituale des "Hochzugkults" schon seit Ende der achtziger Jahre herausgebildet und immer weiter gesteigert.

Das bestätigte am Mittwoch auch die Bundeswehr. Der Sprecher der für die Gebirgsjäger zuständigen zehnten Panzerdivison in Sigmaringen, Peter Wozniak, sprach von zunächst relativ harmlosen Initiationsritualen, die sich zu einer "exzessiven Geschichte" entwickelt hätten. "Es wurde weitestgehend durch mindestens einen Soldaten bestätigt, dass viele der Angaben wahr sind", sagte auch der Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 233, Fred Siems.

Vier Soldaten unter Verdacht

Nach seinen Worten ermittelt die Bundeswehr seit dem 4. Februar disziplinarrechtlich. Etwa die Hälfte der derzeit 24 Soldaten des Hochgebirgsjägerzugs in Mittenwald sei bereits vernommen worden. Vier Soldaten werden namentlich beschuldigt. "Diese vier sind natürlich zunächst einmal Gegenstand der Ermittlungen", sagte Oberstleutnant Siems. Eventuelle Straftaten wolle man zur Verfolgung an die Staatsanwaltschaft abgeben. Dort hieß es am Mittwoch, man prüfe, ob es sich um strafrechtlich relevante Vergehen handelt.

Unklar ist, ob Vorgesetzte von den Praktiken wussten. Siems versicherte, die Vorfälle im Juni 2009 seien außerhalb der Dienstzeit, nicht in der Kaserne, sondern "in freiem Gelände" und nicht in Uniform geschehen. Vorgesetzte hätten nichts gewusst. Der betroffene Soldat hat dem Wehrbeauftragten aber anderes berichtet: Die Vorgesetzten hätten davon gewusst, seien jedoch nicht eingeschritten.

Guttenberg wies am Mittwoch darauf hin, dass er während seiner Zeit in Mittenwald Anfang der Neunziger nicht beim Hochgebirgsjägerzug war. "Ich hatte von solchen Praktiken keine Kenntnis", sagte er der "Sächsischen Zeitung". Der Minister versprach umgehende Aufklärung.

Mittenwalder Gebirgsjäger auch bei Totenkopf-Skandal dabei

Die Gebirgsjäger sind eine hochalpine Elitetruppe, spezialisiert auf den Einsatz in schwierigstem Gelände und unter schlechten Wetterverhältnissen. 6500 Männer und Frauen gehören dazu, alle besonders fit und sportlich. Dem Brigadestab im bayerischen Bad Reichenhall sind sieben Bataillone an fünf Standorten unterstellt. Zentrale Ausbildungseinrichtung ist die Gebirgs- und Winterkampfschule im bayerischen Mittenwald.

Dort sind unter dem Edelweiß-Logo der Gebirgsjäger rund tausend Soldaten stationiert, von denen Kommandeur Siems sicher ist, dass "die Masse einen vernünftigen Dienst durchführt". Dennoch ist es nicht das erste Mal, dass einige aus der Mittenwalder Truppe unangenehm auffallen.

Soldaten des Bataillons waren auch beim Skandal um die Totenkopf-Fotos aus Afghanistan dabei. 2006 waren Bilder aufgetaucht, auf denen Bundeswehrsoldaten in Uniform in obszöner Weise mit Totenschädeln posierten. Die Aufnahmen sollen auf einer Patrouillenfahrt nahe Kabul drei Jahre zuvor entstanden sein. Die Staatsanwälte stellten ein Verfahren wegen Schändung der Totenruhe später ein.

Auch Soldaten aus anderen Bundeswehrstandorten sorgten für Empörung. 2006 wurden obszöne Praktiken der Fallschirmjäger im pfälzischen Zweibrücken bekannt. Soldaten steckten einem Kameraden Obst zwischen die nackten Pobacken und schlugen mit einem Paddel darauf. Zwei Jahre zuvor schockierten Misshandlungen von Ausbildern im westfälischen Coesfeld die Öffentlichkeit. Rekruten wurden bei einem Geisel- und Verhörtraining gefesselt, getreten, geschlagen und mit Stromstößen traktiert.

Würstchen wieder aus dem Magen gezogen

Dass ein bisweilen entwürdigender Umgang in der Bundeswehr keine Seltenheit ist, belegen die jährlich vorgelegten Berichte des Wehrbeauftragten. Im Bericht 2008 ist von "verbalen Entgleisungen", "Kränkungen" und "entwürdigenden Behandlungen" die Rede. In Ausbildungseinheiten herrsche oft ein "unangemessener Umgangston und überzogene Härte".

Beschrieben wird das Beispiel eines Stabsunteroffiziers, der einen Rekruten bei einer Feier auforderte, in eine Weinflasche zu urinieren. Als der sich weigerte, urinierte der Vorgesetzte selbst in die Flasche, füllte sie mit Wein auf und reichte sie einem ahnungslosen Rekruten weiter.

Auch unappetitliche Einführungsrituale wie die der Gebirgsjäger sind keine ausgesprochene Seltenheit. Noch immer wird bei der Marine die sogenannte Äquatortaufe praktiziert. Im Internet sind Beschreibungen nachzulesen, wie ein "Getaufter" den Zeh eines Vorgesetzten ablecken muss, der mit einer Mischung aus "Wagenschmiere, Fischpaste, faulen Eiern, Kaffeesatz und was es sonst noch an Widerwärtigkeiten auf einem Schiff zu finden gibt" eingeschmiert ist.

Auf manchem Schiff mussten Rekruten Essen schlucken, an denen ein Faden befestigt ist. Anschließend wird das Essen, zum Beispiel Würstchen, am Faden wieder aus dem Magen gezogen.

"Wer nicht mitmacht, ist ein Loser"

Ein SPIEGEL-ONLINE-Leser beschreibt seine Aufnahme als Unteroffizier in den achtziger Jahren. Er habe zunächst kalte Spaghetti mit Marmelade essen, dann eine Maß Bier in einem Zug trinken müssen - in dem Bier habe ein echtes Kuhauge geschwommen. "Danach ordentlich Schnaps, und die Kotzerei war ausgelöst", schreibt der Leser. "Die Vorgesetzten waren bei diesem Ritual anwesend und haben sich tüchtig amüsiert." Heute bereut er, dass er sich die Demütigung gefallen lassen hat.

Doch kann sich ein junger Soldat solchen Qualen überhaupt entziehen? "Der Soldat hat den Test freiwillig mitgemacht", sagte der Mittenwalder Kommandeur Siems zum konkreten Fall. Soll heißen: Er sei nicht körperlich dazu gezwungen worden.

Allerdings räumt Siems einen gewissen Gruppenzwang ein. Auch Truppenpsychologen weisen bei derartigen Eskalationen auf die Gruppendynamik hin. Auf der einen Seite schaukelten sich die Peiniger gegenseitig hoch, auf der anderen gebe es für den Gepeinigten kaum ein Entkommen, weil er Angst habe, als Schwächling dazustehen.

Der SPIEGEL-ONLINE-Leser schreibt: "Wer nicht mitmacht, ist auf ewig der Loser."

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Forum - Skandal um Demütigungen - mangelnde Kontrolle bei der Bundeswehr?
insgesamt 906 Beiträge
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1. Wer weiß?
Brand-Redner 10.02.2010
Zitat von sysopRohe Schweineleber und Alkohol bis zum Erbrechen - Rekruten in Mittenwald mussten sich offenbar entwürdigenden Ritualen unterziehen. Auch in Coesfeld wurden junge Soldaten von ihren Ausbildern gedemütigt und misshandelt. Muss die Bundeswehr stärker kontrolliert werden?
Was wissen wir Zivilisten schon! Vielleicht gehörte das Ganze zum eigentlich geheimen Überlebenstraining, wie es in Afghanistan oder einem anderen, demnächst zu befreienden Land angewendet werden soll? - Ja, ganz sicher täte etwas mehr parlamentarische Kontrolle gut, was aber nun nicht erst diese Episode hier bewiesen hat. Insofern glaube ich nicht, dass es zu Änderungen kommt.
2. Einfach....
Knütterer, 10.02.2010
Zitat von sysopRohe Schweineleber und Alkohol bis zum Erbrechen - Rekruten in Mittenwald mussten sich offenbar entwürdigenden Ritualen unterziehen. Auch in Coesfeld wurden junge Soldaten von ihren Ausbildern gedemütigt und misshandelt. Muss die Bundeswehr stärker kontrolliert werden?
... eine Riesensauerei, die Beteiligten und Mitwisser gehören allesamt angeklagt und bestraft!
3.
Hans58 10.02.2010
Zitat von sysopRohe Schweineleber und Alkohol bis zum Erbrechen - Rekruten in Mittenwald mussten sich offenbar entwürdigenden Ritualen unterziehen. Auch in Coesfeld wurden junge Soldaten von ihren Ausbildern gedemütigt und misshandelt. Muss die Bundeswehr stärker kontrolliert werden?
Nochmal das Thema? http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=4988885&postcount=1 Der Vergleich zwischen Mittenwald und Coesfeld hinkt. In Mittenwald haben sich Grundwehrdienstleistende ("Wehrpflichitge") (angeblich) untereinander "entwürdigend" behandelt. Vorgesetzte waren nach bisherigen Erkenntnissen nicht unmittelbar beteiligt. Und warum hat sich der W 9 nicht während seiner Dienstzeit an den Wehrbeauftragten gewandt, warum hat er nicht von seinem Beschwerderecht nach der Wehrbeschwerdeordnung Gebrauch gemacht? Was die Frage nach der stärkeren Kontrolle der Bw betrifft: die Bw wird kontrolliert, dafür sorgen unzählige Mechanismen. Wenn die versagen, sind das bei mehr als 200.000 Menschen, die einer täglichen Kontrolle unterliegen, Einzelfälle. Diesen gilt es nachzugehen, zu ermitteln und zu ahnden.
4.
M@ESW, 10.02.2010
Zitat von Knütterer... eine Riesensauerei, die Beteiligten und Mitwisser gehören allesamt angeklagt und bestraft!
Typisches Jungsverhalten
5. gibts ja gar nicht
rotfux 10.02.2010
So etwas kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen und muss deswegen einfach unwahr sein. Unsere tapferen Recken der Bundeswehr, ein Verbund junger, hochintelligenter, zukunftsorientierter, verantwortungsbewusster Männer, würde so etwas doch nie dulden. Oder sollten böse Zungen am Ende doch recht behalten, dass es sich hierbei um eine eher vorzeitliche Verklärung der Tatsache handelt, dass die besagte Truppe in Wirklichkeit ein Haufen geistig ziemlich eingeschränkter, tumber Proleten ist, der sich am dumpfen Bombenangriff auf 2 mit Atombomben zu vergleichenden Tanklastern plus 150 sehr sehr gefährlichen Zivilisten genauso ergötzen kann, wie am Abfüllen ihresgleichen mit Schweineleber und Alkohol bis zum erbrechen? Diesbezüglich empfehle ich ein bisschen mehr Scheineleber und Alkohol und ein bisschen weniger Bomben und schon wären alle glücklich und das Problem bald von selbst gelöst. Dran, drauf, drüber!
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Skandale bei der Bundeswehr
Die unappetitlichen Aufnahmerituale bei den Gebirgsjägern im oberbayerischen Mittenwald erinnern an frühere Bundeswehr-Skandale.
Zweibrücken 2006
Berichte über obszöne Praktiken in einem Fallschirmjäger-Bataillon im pfälzischen Zweibrücken sorgen für Aufsehen. So wurde einem Mann bei einer Feier 2005 Obst zwischen die entblößten Pobacken gesteckt und mit einem Paddel darauf geschlagen. Im Juni 2008 verurteilt das Amtsgericht Zweibrücken einen Hauptmann zu 2000 Euro Geldstrafe, weil er das "entwürdigende Verhalten" seiner Untergebenen geduldet habe.
Afghanistan 2006
Im Jahr 2006 tauchen Bilder auf, auf denen Bundeswehrsoldaten in Uniform in obszöner Weise mit Totenschädeln posieren. Die Aufnahmen sollen auf einer Patrouillenfahrt nahe Kabul drei Jahre zuvor entstanden sein. Die Staatsanwaltschaften stellen Verfahren wegen Schändung der Totenruhe später jedoch ein.
Coesfeld 2004
Misshandlungen in einer Ausbildungskompanie im westfälischen Coesfeld schockieren die Öffentlichkeit. Um das Verhalten bei Geiselnahmen zu trainieren, wurden Rekruten in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne bei "Verhören" gefesselt, getreten, geschlagen und mit Stromstößen traktiert. Später werden mehrere Ausbilder zu Bewährungsstrafen verurteilt.
Hammelburg 1996
Auf dem Truppenübungsplatz im bayerischen Hammelburg drehen Gebirgsjäger ein Video mit Hinrichtungs- und Vergewaltigungsszenen. Ein Soldat zeigt den Hitlergruß. Später gelangt das Band in den Besitz eines TV-Senders, der einige brutale Szenen ausstrahlt. 1998 stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. Der Film stelle keine Verherrlichung oder Verharmlosung von Gewalttätigkeiten dar. Rechtsextremistische Tendenzen seien nicht erkennbar.

Gebirgsjäger der Bundeswehr
Für den Kampf in schwierigem Gelände unterhält die Bundeswehr eine Gebirgsjägertruppe. Die insgesamt rund 6500 Soldaten sind körperlich besonders fit, können klettern und skifahren. Sie sind für den Einsatz unter extremen Witterungs- und Geländebedingungen ausgebildet und ausgerüstet. Als Einsatzgebiete kommen neben dem Gebirge auch Wüste und arktisches Gelände infrage.
Organisation
Die Spezialtruppe ist in verschiedene Einheiten unterteilt. Standort des Brigadestabes ist Bad Reichenhall in Bayern. Dem Großverband sind sieben Bataillone an fünf bayerischen Standorten unterstellt. Zentrale Ausbildungseinrichtung ist die Gebirgs- und Winterkampfschule im bayerischen Mittenwald. Mit der Jäger- und Fallschirmjägertruppe bilden die Gebirgsjäger die Infanterietruppen.
Ausrüstung
Die Soldaten müssen sich zu Fuß, auf Skiern oder mit Geländefahrzeugen in schwierigem Terrain behaupten. Zur Ausrüstung der Männer gehören Hand-, Flächenfeuer- und Panzerabwehrwaffen sowie Fernmeldegeräte. Bei Bedarf werden «Mulis» (Maultiere) als Transportmittel eingesetzt.
Einsätze
Mehrfach wurden die Spezialisten in Auslandseinsätze geschickt. So war das Gebirgsjägerbataillon 233 im Rahmen der internationalen Schutztruppe Isaf in Afghanistan und als Teil der Friedenstruppe KFOR im Kosovo. Zur Aufgabe der Soldaten gehört auch die Rettung aus Bergnot
Fotostrecke
25 deutsche Kriegsbilder: Gefangen in der Gefechtszone