Misshandlungsaffäre "Mixa darf nicht das Bauernopfer für alle anderen sein"

Sie befehdeten sich jahrzehntelang: Claudia Roth nannte Bischof Mixa "durchgeknallt" und rückte ihn in die Nähe von Pol Pot, das Augsburger Bistum verglich ihre Äußerungen mit Nazi-Hetze. Im Interview erklärt die Grünen-Chefin, warum sie den Rücktritt Mixas für nicht ausreichend hält.

Grünen-Chefin Roth: "Der Rücktritt von Bischof Mixa war absolut überfällig"
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Grünen-Chefin Roth: "Der Rücktritt von Bischof Mixa war absolut überfällig"


SPIEGEL ONLINE: Sind Sie traurig über den Rücktritt von Bischof Walter Mixa?

Claudia Roth: Natürlich nicht. Das ist eine hinterlistige Frage - weil sie unterstellt ja, dass ich froh über die Auseinandersetzung mit diesem "Gegner" in meinem Wahlkreis Augsburg gewesen wäre. Im Ernst: Der Rücktritt war absolut überfällig. Und ich hoffe wirklich sehnlichst, dass damit auch ein Neubeginn im Bistum Augsburg und in der Deutschen Bischofskonferenz möglich ist. Also mit anderen Positionen und einem anderen Umgang mit Konflikten.

SPIEGEL ONLINE: Warum war Ihre Auseinandersetzung mit Mixa so heftig?

Roth: Das hatte nie mit persönlichen Animositäten von meiner Seite zu tun, sondern mit dem polarisierenden Verhalten und den entsprechenden Positionen Mixas - und zwar schon bevor er nach Augsburg kam. Bereits als Militärbischof hat Mixa sich als erzkonservativ geriert, und das auf eine sehr laute Weise. Er ist immer als politisch kämpfender Bischof aufgetreten, also musste sich Mixa auch über entsprechende Reaktionen nicht wundern. Besonders viele Konflikte mit mir - stellvertretend für viele Grüne - gab es wegen seiner Vorstellungen zur Rolle der Frau, aber auch zu gleichgeschlechtlichen Lebensformen.

SPIEGEL ONLINE: Was ändert der Mixas Rücktritt konkret?

Roth: Das ist der Anfang dessen, was eine Änderung in der katholischen Kirche in Deutschland sein könnte. Natürlich wird das nicht ausreichen, obwohl sein Rücktritt sicher im Sinne von vielen katholischen Gläubigen und Geistlichen ist. Die Verfehlungen, über die seit Wochen berichtet wird, müssen weiter mit großem Nachdruck aufgeklärt werden. Mixa darf nicht das Bauernopfer für alle anderen sein.

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Ausgburger Bischof: Die Verfehlungen des Walter Mixa

SPIEGEL ONLINE: Die Vorwürfe in Augsburg richten sich ja nicht nur gegen den Bischof, sondern gegen das "System Mixa". Was muss noch passieren?

Roth: Ich hoffe sehr, dass man in Augsburg endlich die Kraft findet, wieder ein liberaleres Bistum zu schaffen. Immerhin ist das die Stadt des Religionsfriedens! Die katholische Kirche kann dort nicht weiter so tun, als würde sie über allen anderen stehen. Natürlich steht das erzreaktionär geprägte Umfeld von Herrn Mixa einem Aufbruch im Wege. Das Bistum hat, daran erinnere ich mich aus meiner eigenen Kindheit und Jugend, durch den damaligen Bischof Stimpfle eine finstere Tradition: Damals wurde beispielsweise noch Exorzismus praktiziert. Daran hat Mixa nach einer liberaleren Episode wieder angeknüpft. Das müssen die Augsburger Katholiken nun zurückdrehen.

SPIEGEL ONLINE: Das Verhältnis der Grünen zur katholischen Kirche hat sich in den vergangenen Jahren entspannt, trotz einer Figur wie Bischof Mixa. Wird es jetzt noch enger werden?

Roth: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es gibt klare Differenzen zwischen uns, gerade in der Familienpolitik. Und so etwas wie "mulier taceat in ecclesia" - die Frau muss in der Kirche schweigen -, das passt definitiv nicht zu unserem Frauenbild. Und das wissen unsere katholischen Gesprächspartner auch, die wir ja auf vielen Ebenen haben. Viele Grüne, die bei "Kirche von unten" sind, drängen zudem auf die Demokratisierung der katholischen Kirche. Aber oft sind wir auch sehr nah beieinander, wie in der Flüchtlingspolitik oder dem Umweltschutz. Klar ist: Die Kirche ist eine sehr wichtige Institution, mit der auch wir Grünen oft kooperieren. Und sie ist unverzichtbar als Träger und Bindeglied dieser Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Bestimmte Kreise werden Bischof Mixa nun zum Märtyrer erheben, der dem Zeitgeist die Stirn geboten hat. Was sagen sie denen?

Roth: Es würde wenig nützen, wenn ich denen widersprechen würde. Die sind nicht vom Gegenteil zu überzeugen. Aber die große Mehrheit scheint es doch anders zu sehen, sie lässt auch einem Bischof nicht mehr alles durchgehen. Viele Katholiken fühlten sich von einem wie Mixa schon lange nicht mehr repräsentiert. Und nun mussten sie feststellen, dass er auch seinen eigenen Moralvorstellungen nicht standhält. Dieser Bischof hat seine Glaubwürdigkeit genauso verloren wie seine Autorität.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die katholische Kirche vor Jahren verlassen. Werden Sie nach Mixas Abgang wieder eintreten?

Roth: Ich bin damals - mit Billigung meiner katholischen und sehr gläubigen Großmutter - ausgetreten. Sie hatte Verständnis dafür, dass für mich die Kirche keine moralische Glaubwürdigkeit mehr hatte und ich mich als junge Frau in ihr nicht wiederfand. Priesterverbot für Frauen, Zölibat, der Umgang mit den Themen Verhütung oder Homosexualität - daran hat sich doch nichts geändert. Es muss außer dem Rücktritt von Mixa noch vieles geschehen, bevor ich mit einem Wiedereintritt liebäugele.

Das Interview führte Florian Gathmann

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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mursilli 23.04.2010
1. Es wäre das Beste!
Zitat von sysopSie befehdeten sich jahrzehntelang: Claudia Roth nannte Bischof Mixa "durchgeknallt" und rückte ihn in die Nähe von Pol Pot, das Augsburger Bistum verglich ihre Äußerungen mit Nazi-Hetze. Im Interview erklärt die Grünen-Chefin, warum sie den Mixa-Rücktritt für nicht ausreichend hält. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,690673,00.html
Und so etwas wie "mulier taceat in ecclesia" - die Frau muss in der Kirche schweigen - Es wäre das Beste, was uns im Fall Roth passieren könnte.
Silver Surfer, 23.04.2010
2. Frau Roth mal wieder
Sie sollte mal ganz kleine Brötchen backen Ich erinnere nur mal an die Grupenne der Schwulen und Päderasten in Ihrer eigegen Partei und den Roten Dany An Mixa und die Kirche traut Sie sich ran weil Sie da nichts zu beführchten hat. Was ist aber mit den anderen ? Schweigen im Walde. Die Frau ist eine Heuchlerin par Exelenz die nichts anderes will al Ihr verquerstes Weltbild anderen aufzudrücken.Was ist den mit der Kaderschmiede wie die Odenwaldschule ?Kommt da noch was ? Ach nein das sind ja Brüder im GeisteGenau daselbe wie mit den Moslemischen Kindershändern Die sind ja auch Grün
schnee_wolf 23.04.2010
3. Vor der eigenen Tür kehren
Ich weiß nicht, ob ausgerechnet eine Claudia Roth als Mitglied des Beirats der Humanistischen Union als Kronzeuge gegen Bischof Mixa geeignet ist. Vielleicht sollte Roth sich gerade im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen den Bischof erstmal zu dem ungeklärten Verhältnis der HU zur Pädophilie äußern.
autocrator 23.04.2010
4. Wird nicht
Zitat: "Priesterverbot für Frauen, Zölibat, der Umgang mit den Themen Verhütung oder Homosexualität - daran hat sich doch nichts geändert. Es muss außer dem Rücktritt von Mixa noch vieles geschehen, bevor [...]". nicht zu vergessen ... das edelsteinbesetzte ringlein, gewand aus seide und brokat, besten wein aus güldenem pokal ... vom steuerzahler bezahltes bischofgehalt ... auch sonst leben die priesterlein alles andere als schlecht ... während sie gleichzeitig eiseskalt zusehen, wie jeden tag (!) 20.000 kinder weltweit an hunger und nicht trinkbarem wasser krepieren! - und erklären das dann auch noch zu "gottes fügung" .... dieses pack ist durch und durch korrumpiert, bigottisch und verlogen. und daran wird sich auch nichts ändern. (und für die ewigen relativisten unter und: ausnahmen wie ein Franziskus oder von mir aus eine Mutter Theresa .... sind genau das: die regel bestätigende ausnahmen, ... weniger als ein tropfen auf den heißen stein. )
gloton7, 23.04.2010
5. Gratuliere Claudia
Zitat von sysopSie befehdeten sich jahrzehntelang: Claudia Roth nannte Bischof Mixa "durchgeknallt" und rückte ihn in die Nähe von Pol Pot, das Augsburger Bistum verglich ihre Äußerungen mit Nazi-Hetze. Im Interview erklärt die Grünen-Chefin, warum sie den Mixa-Rücktritt für nicht ausreichend hält. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,690673,00.html
Claudia, diesmal hast Du mir aus der Seele gesprochen! Fangen wir an, darüber nachzudenken, wie wir die katholische Kirche von innen reformieren. Nur dann sind wir es wert, Christen genannt zu werden. Diejenigen, die für die Wahrheit aufstehen: Keine Prügel, keinen Mißbrauch, demokratische Strukturen, Abschaffung des Zölibates, Toleranz zu den anderen Religionen und ein großes Fest der Religionen am 08.08.2010!
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