Freund-Feind-Denken Kontaktschuld

Darf man als SPIEGEL-Redakteur an einer Geburtstagsfeier teilnehmen, zu der auch Menschen mit rechter oder sogar rechtsradikaler Gesinnung eingeladen sind?

Matthias Matussek (Archivbild)
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Matthias Matussek (Archivbild)

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Einmal war ich in London auf einer Party, wo auch Astrid Proll zu Gast war. Proll, die zu den Mitbegründern der RAF gehörte, saß wegen Brandstiftung, Raubüberfall und Urkundenfälschung insgesamt fast vier Jahre im Gefängnis. 1979 wurde sie aus der Haft entlassen.

Auch mit Bommi Baumann war ich schon auf einer Party. Diese wurde in Berlin vom SPIEGEL veranstaltet. Baumann verbrachte wegen der Beteiligung an einem Banküberfall und einem Bombenanschlag fünf Jahre hinter Gittern. Er war eine der zentralen Figuren der linksradikalen Szene in Berlin und Mitbegründer der Bewegung 2. Juni. Nach den Maßstäben, die heute an die Zusammensetzung von Partys gestellt werden, wäre meine Teilnahme nicht mehr möglich.

Nachbarn, Brüder, Kollegen - und Rechte

Am Samstag war ich wieder auf einer Feier. Ein Freund von mir, mein langjähriger Kollege Matthias Matussek, hatte anlässlich seines 65. Geburtstages zu sich nach Hause eingeladen. Ich kenne Matussek seit 30 Jahren. Wir haben fast zeitgleich beim SPIEGEL angefangen. Unsere Söhne sind gleich alt, ein paar Mal waren wir mit den Familien gemeinsam im Urlaub.

Wäre ich klug, würde ich sagen: Ich war unvorsichtig. Ich hätte fragen sollen, wer außer mir kommt, wenn Matussek Geburtstag feiert. Zu den Gästen gehörten neben Nachbarn aus dem Haus, seinen Brüdern und einer Reihe von Weggefährten, die ihn schon kannten, als er noch beim "Stern" war, auch mehrere Publizisten und Autoren, die man der neuen Rechten zuordnen muss.

Einer der Eingeladenen ist als Aktivist der Identitären Bewegung bekannt, wie ich im Nachhinein erfahren habe. 2013 wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung zu siebeneinhalb Monaten auf Bewährung verurteilt, weil er einen linken Jugendlichen mit einem Totschläger traktiert hatte. Ich kannte den Mann nicht. Ich habe mit ihm kein Wort gewechselt, weil es zu viele Gäste gab, die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Jetzt heißt es, ich hätte mit Neonazis gefeiert.

Du hättest damit rechnen müssen

Darf man als Redakteur des SPIEGEL an einer Feier teilnehmen, zu der auch Menschen eingeladen sind, die rechts oder vielleicht sogar rechtsradikal sind?

Der ZDF-Moderator Jan Böhmermann hat dazu geschrieben, dass sich aus der Teilnahme Fragen nach den journalistischen und ethischen Standards des SPIEGEL ergäben. In einem Fragenkatalog verlangte er von meiner Chefredaktion Auskunft, ob sie vorab Kenntnis von der Zusammenkunft gehabt habe und wie sie es bewerte, wenn Redaktionsmitglieder "mit Neonazis Party machen". Zur Sicherheit gingen die Fragen am Montag noch einmal per Rundmail rum.

Ich glaube auch, dass sich Fragen ergeben, nur andere. Macht man sich mit der Meinung der Umstehenden gemein, wenn man auf den Gastgeber einen Toast ausbringt, wäre eine. Oder: Fraternisiert man bereits mit Rechten, wenn man am Büfett steht, statt Reißaus zu nehmen? Das ist ja der Vorwurf: Wer mit solchen Leuten auf einer Geburtstagsfeier zusammenstehe, normalisiere rechtes Denken und trage es damit in die bürgerliche Mitte.

Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, dann ist jeder Kontakt, und sei er noch so zufällig, ein Schuldbeleg. Im Prinzip reicht es schon, dass man sitzen bleibt, wenn einer mit der falschen Gesinnung an den Tisch tritt. Der Umstand, dass man erst im Nachhinein belehrt wurde, mit wem man es zu tun hatte, ist dabei kein hinreichendes Entlastungsargument. Du hättest damit rechnen müssen, dass der Gastgeber zweifelhaften Umgang pflegt, heißt es dann.

Die Bruchstelle der Freundschaft

Es gibt einen Punkt, an dem man nicht mehr mit jemandem befreundet sein will. Auch langjährige Freundschaften haben eine Bruchstelle. Manchmal entwickeln sich Menschen, die man lange kennt, in eine Richtung, die sie einem für immer entfremdet. Ich halte Matussek für einen Wirrkopf. Ich habe ihn politisch nie ernst genommen. Wer in nüchternem Zustand in der Hamburger Innenstadt auf Bierkisten steigt, um die Zuhörer zum Aufstand aufzurufen, ist bestenfalls ein Bajazzo, im schlimmsten Fall ist er reif für die Klapsmühle.

Aber die Entscheidung, ob man deswegen einem Freund die Freundschaft aufkündigt, ist eine private Angelegenheit, und nichts, worüber die Öffentlichkeit Aufklärung einzufordern das Recht hat. Beziehungsweise: Sie kann die Distanzierung verlangen, aber dann bewegt man sich nicht mehr in einer freiheitlichen Gesellschaft, die aus gutem Grund auf die Trennung von privatem und öffentlichem Raum Wert legt, sondern in einer, in der Fernsehspaßmacher, Journalisten oder andere Repräsentanten der besorgten Öffentlichkeit als Joseph-McCarthy-Wiedergänger den Ton angeben.

Das Denken der Segregation verlangt nach rigiden Entscheidungen. Sein Ziel ist die Isolation des Menschen, der als Gegner identifiziert wurde. Freundschaft, Familie, Loyalität - das alles steht dabei im Weg. Wer sich darauf beruft, er habe zu einem alten Freund gehalten, muss sich dessen Meinung zurechnen lassen. Wer erklärt, ein näherer Kontakt bedeute nicht, dass man die Positionen des anderen teile, dem wird erwidert, dass der Augenschein entscheidend sei.

Wie groß muss die Angst sein?

Man darf sich nicht täuschen lassen. Die Verdächtigungen und Denunziationen haben Konsequenzen. Zu den Gästen der Hamburger Geburtstagsfeier gehörte der ARD-Moderator Reinhold Beckmann. Beckmann sang ein Lied von Bob Dylan, "Things have changed", in einer deutschen Übersetzung. Am Sonntagmorgen, knapp zwölf Stunden nachdem er die Party verlassen hatte, veröffentlichte Beckmann auf Facebook eine Erklärung, in der er sich dafür entschuldigte, an der Feier teilgenommen zu haben.

Er habe sich verlaufen, schrieb er darin. Das Lied sei als "vergiftetes Geschenk" gemeint gewesen, er habe damit seine Widerworte gegen den Irrweg seines Freundes zum Ausdruck bringen wollen. Aber das sei ein Fehler gewesen: "Ich hätte dort nicht hingehen sollen." Es handelte sich um eine öffentliche Lossagung, einen Kotau.

Beckmann hat alles erreicht, was man als Moderator erreichen kann. Er hat über 15 Jahre in der ARD eine Talkshow gehabt, die seinen Namen trug. Er war zwischenzeitlich eines der bekanntesten Gesichter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Was muss ein Mann wie er fürchten, dass er sich so klein macht? Wie groß muss die Angst sein, wenn selbst ein erfolgreicher ARD-Moderator in die Knie geht?

Ich habe mich an dem Abend bei Matussek länger mit Beckmann unterhalten. Er erzählte mir von seinem Vater, der von einem Tag auf den anderen im Ort gemieden wurde, weil er mit seinem Futtermittelbetrieb in die Insolvenz gegangen war. Beckmann berichtete, wie die Leute im Dorf hinter seinem Rücken getuschelt und mit dem Finger auf ihn gezeigt hätten: "Ist das nicht der Sohn vom Beckmann?" Bankrott zu erklären, galt damals noch als Schande. Die ganze Familie durchlebte, was es heißt, wenn man von allen geschnitten wird. Dies sei ihm eine Lehre fürs Leben gewesen, sagte Beckmann, auch deshalb sei er zur Geburtstagsfeier seines alten Freundes gekommen.

Die Verdopplung der eigenen Meinung

Heute ist es eine Geburtstagsfeier, bei der man gesehen wurde, morgen eine Beerdigung. Die Feindschaft geht über den Tod hinaus, auch darüber sollte man sich nicht täuschen. Wir haben das alles schon einmal erlebt. Als die RAF-Terroristen Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Andreas Baader zu Grabe getragen wurden, notierte man die Namen aller Trauergäste, die sich zur Beerdigung eingefunden hatten. Damals sprach man von Sympathisanten, der Begriff von der "Normalisierung" gesellschaftsfeindlichen Denkens war noch nicht erfunden. Gemeint war dasselbe.

Der gefährlichste Mensch, den Jan Böhmermann kennt, ist vermutlich Katrin Göring-Eckardt. Böhmermann trifft garantiert nur auf Personen, die so ähnlich denken wie er. Mich hat die Verdopplung meiner Meinung nie interessiert. Ich habe mir aus gutem Grund ein Gewerbe ausgesucht, in dem es zu den Arbeitsbedingungen gehört, dass man auf Menschen stößt, denen andere nicht einmal die Hand geben würden.

Ich habe einen sehr weiten Freundes- und Bekanntenkreis. Zu meinen Freunden zählen Menschen, die weit links stehen. Es sind Anarchisten darunter, die von einem Leben ohne Staat träumen, Feministinnen, die morgen das Genderparadies errichten würden, wenn man sie denn ließe. Ich bin sogar mit Leuten befreundet, die in ihrem Leben Berufen nachgegangen sind, über die manche nicht reden können, ohne zu erröten.

Am Montag hat sich der ehemalige Außenminister der Bundesrepublik Deutschland zu Wort gemeldet. Sein Thema war nicht die aktuelle Entwicklung in Iran oder der Brexit, sein Thema war eine Geburtstagsfeier in Hamburg. "Ich finde: Die bürgerlichen Eliten sollten für Demokratie einstehen, anstatt an ihr zu sägen!", schrieb er. "Der Fall #Matussek ist dafür ein weiteres Negativbeispiel."

Was die Verteidigung bürgerlicher Freiheitsrechte angeht, bin ich dezidiert anderer Ansicht als Sigmar Gabriel. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der die Frage, ob man an der Geburtstagsparty eines Freundes teilnimmt, zur Mutprobe wird. Ich glaube, und sei es zu meinem eigenen Trost, dass die meisten Menschen in Deutschland darüber so denken wie ich.

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insgesamt 408 Beiträge
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Seite 1
YoRequerrosATorres 14.03.2019
1. Ach liebe Leute, chillt mal...
..und nehmt Euch doch nicht so ernst. Wir tun das doch auch nicht....
kuechenchef 14.03.2019
2.
Wenn man auf eine Party kommt, auf die der Gastgeber ein paar Neonazis eingeladen hat, dann geht man halt wieder, wenn man sich in der Gesellschaft dieser nicht wohl fühlt. Wenn nicht, bleibt man. Ist doch gar nicht so schwer. Daß das dann auf einen zurückfällt, daß man sich in Gesellschaft solcher Menschen wohlfühlt, das hat man sich dann aber bitte selbst zuzuschreiben. Sich da mit einem "Ich hab nix gegen Ausländer, ein guter Freund ist von mir ist sogar Türke", oder hier eben "Ich hab soooo viele Freunde, da sind sogar ein paar richtig Linke dabei!" freikaufen zu wollen, das ist dann halt...naja...Fleischhauer halt.
wo_st 14.03.2019
3.
Eine eigene Meinung zu haben, und dies auch zu vertreten, ist in unserer Wertegesellschaft nicht mehr möglich. Man hat sich absolut anzupassen oder man ist ein Aussätziger. Lebt damit.
deepbrain 14.03.2019
4.
Hat der Herr Fleischhauer nicht auch eine scharfzüngige Rede (O-Ton Matussek) gehalten? Über den Inhalt und die Reaktionen hätte ich gerne mehr erfahren. Dann könnte man auch einschätzen, wie sich Fleischhauer zu den Identitären und Co verhalten hat. Und dann wüsste man auch eher, ob es eine Party eines Freundes (aka Wirrkopf) war oder doch eher rechtes networking.
redfish 14.03.2019
5. Fassungslos
Vorab: ich stimme Herrn Fleischhauer zu 100% zu. Es macht mich nur noch fassungslos. Wenn ich also heute bei einer Geburtstagsfeier eines Nachbarn bin, der eine rechte Gesinnung hat und natürlich unter anderem auch gleichgesinnte Gäste eingeladen hat, dann muss ich damit rechnen,:von linken Denunzianten überall denunziert zu werden... willkommen im 3. Reich, nur diesmal von links!
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