S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Was verschweigt Joschka Fischer?

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Hat Joschka Fischer über seine Vergangenheit gelogen? Eine Recherche des "Stern" deutet darauf hin. Das Magazin hat einen Zeugen ausfindig gemacht, der dem ehemaligen Außenminister eine Mitverantwortung für den Anschlag auf einen Polizisten im Mai 1976 gibt.

Dass es Vergangenheiten gibt, die nie vergehen wollen, ist eine Erkenntnis, aus der keine Generation so viel Nutzen gezogen hat wie die Achtundsechziger. Die Väter und Großväter gezwungen zu haben, sich auch den verdrängten Teilen der eigenen Geschichte zu stellen, gehört zu den Gründungsmythen der Bewegung. Aus diesem Aufklärungs- und Ausforschungselan bezog sie einen wesentlichen Teil ihres moralischen Kredits - wobei es sich karrieretechnisch wunderbar fügte, dass man umgehend die Posten der Diskreditierten für sich reklamieren konnte.

Leider macht das Alter vor niemandem halt. Weil jede Gegenwart irgendwann Vergangenheit ist, trifft die Vergangenheitsbewältigung irgendwann auch die Leute, die eben noch damit beschäftigt waren, anderen den Spiegel vorzuhalten. Dabei zeigt sich, dass Aufklärung nie einfach ist, wenn sie einen selber betrifft. Man kann das einen moralischen blinden Fleck nennen. Man kann auch, wie der aktuelle "Stern", von einer "guten deutschen Tradition" des Schweigens sprechen.

Es wird viele erstaunen, aber das Magazin präsentiert zum Beweis nicht einen bekannten Wirtschaftsführer oder Politiker, der nach dem "Dritten Reich" Karriere machte. Der "Stern" führt für die These, dass auch die Generation der Achtundsechziger das Vergessen und Verklären beherrscht, einen Mann an, von dem es die Leser am wenigsten vermuten würden: den ehemaligen Außenminister und Vorzeige-Grünen Joschka Fischer.

"Das hat nicht meiner Haltung und Überzeugung entsprochen"

Die verdrängte Tat liegt in diesem Fall 37 Jahre zurück. Am 10. Mai 1976 zogen rund tausend Demonstranten durch Frankfurt, um ihrer Wut über den Tod der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof Ausdruck zu verleihen, die tags zuvor in ihrer Zelle erhängt aufgefunden worden war. Fischer, das muss man vielleicht hinzufügen, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Mann im Dreiteiler, der dem großen Publikum die Welt erklärte, sondern Anführer einer Gruppe Linksradikaler, die sich "Putzgruppe" nannte und in der Szene für ihre Militanz bewundert wurde.

Als der Demonstrationszug am Roßmarkt im Zentrum der Stadt angekommen war, drehten sich plötzlich etwa 40 Demonstranten um und schleuderten auf ein nachfolgendes Polizeiauto Molotow-Cocktails. Der Fahrer des Wagens, ein 23-jähriger Polizeiobermeister, konnte nicht mehr rechtzeitig entkommen und ging in Flammen auf. Nur großem Glück und medizinischer Kunst ist es zu verdanken, dass er überlebte. 60 Prozent seiner Haut waren verbrannt, das Gesicht blieb vom Feuer verschont.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Geschichte Schlagzeilen macht. Schon Anfang 2001 war sie kurz Thema, ausgelöst durch eine Fotosequenz, die zeigte, wie Fischer mit ein paar Kumpels auf einen Polizisten einprügelte. Aber Steine und Faustschläge sind etwas ganz anderes als Molotow-Cocktails. Fischer hat deshalb stets bestritten, an dem Anschlag beteiligt gewesen zu sein, und zwar nicht nur im Konkreten, sondern auch im Ideellen.

So antwortete er im "Stern" vom 4. Januar 2001 auf die Frage "Sie haben sich in der Szene der Straßenkämpfer auch nicht dafür eingesetzt, Molotow-Cocktails zu werfen?" mit der Versicherung: "Nein, diese Aktionen sind spontan geschehen." Und auf die Frage "Können Sie denn ausschließen, dass Sie für Molotow-Cocktails waren?", erklärte er im SPIEGEL vom 8. Januar 2001 nochmals: "Das hat nicht meiner Haltung und Überzeugung entsprochen. Insoweit kann ich das ausschließen."

"Ist das gut oder böse?"

Der "Stern"-Autor Arno Luik hat nun einen Zeugen ausfindig gemacht, der bezeugt, was viele immer schon vermutet haben: dass Fischer eben doch eine zentrale Rolle bei den Vorbereitungen zu dem verhängnisvollen Tag gespielt habe. Am Abend des 9. Mai 1976 hatte man sich im Bockenheim-Zentrum im Frankfurter Norden getroffen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Die Stimmung war aufgeladen, vorne stand Fischer als eine Art Versammlungsleiter.

Schon 1998 hatte einer der damals Beteiligten zu Protokoll gegeben, dass Fischer, entgegen seiner eigenen Darstellung, keineswegs vom Einsatz der Brandbomben abgeraten hatte, im Gegenteil. Luiks' Zeuge geht nun deutlich weiter. "Wehrt euch, nehmt die Mollis", so eine Stimmung habe geherrscht, und Fischer "hat die Leute regelrecht ermuntert, er hat die Stimmung aufgeheizt". Es sei an jenem Abend auch ganz offen diskutiert worden, "wie man das am besten mit den Mollis macht: 'Flasche mit Benzin füllen, Tuch rein, anzünden, warten, dann schmeißen.' So einen Abend vergisst man nicht! Das kann man nicht vergessen!"

Der Mann, den Luik präsentiert, ist nicht irgendwer: Er heißt Michael Schwelien und hat jahrelang als Reporter für die "Zeit" gearbeitet. Er weiß also, Wahrheit und Dichtung zu unterscheiden. Wenn Schwelien recht hat, dann hätte Fischer nicht nur die Medien belogen, die ihn dazu befragten, sondern auch im Bundestag die Unwahrheit gesagt, als er in einer aktuellen Stunde am 17. Januar 2001 erklärte: "Ich habe niemals Molotow-Cocktails geworfen, und ich habe auch nicht dazu aufgerufen, Molotow-Cocktails zu werfen."

Warum der ehemalige "Zeit"-Redakteur und Fischer-Bekannte so lange geschwiegen hat? Luik erklärt es mit dem Gesetz der "Omertà". Wer einmal in den Dunstkreis der Putzgruppe eingetaucht war, konnte sich darauf verlassen, dass die anderen die Klappe hielten. Die Ermittlungen wegen des Anschlags auf den Frankfurter Polizisten zielten auf den Vorwurf des versuchten Mordes, so eine Tat verjährt nicht. Das mag auch erklären, warum sich der ehemalige Außenminister und Vizekanzler der Bundesrepublik nie zu einem Gespräch mit dem verbrannten Polizisten bereit befand, der den Staat schon schützte, als Fischer noch die Revolution anführte.

Wenn es um die eigene Vergangenheit geht, scheint Fischers Aufklärungsbereitschaft inzwischen bei null angelangt sein. Alle Anfragen des "Sterns" zu seiner Rolle in jenen Tagen im Mai hat er bis heute unbeantwortet gelassen. Dafür zitiert das Magazin aus einem Gespräch, das der Star-Grüne vor zwei Jahren der Kundenzeitschrift der Deutschen Bank Private Wealth Management zum Thema Werte gab: "Der Wertekanon, der mich geprägt hat, den gibt es so nicht. Die entscheidende Frage ist, dass man den Kindern mitgibt: Ist das gut oder böse?"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 316 Beiträge
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    Seite 1    
1. "Vorzeige-Grüner"
Zenturio.Aerobus 04.04.2013
"....den ehemaligen Außenminister und Vorzeige-Grünen Joschka Fischer." Was hat denn Fischer zu einem "Vorzeige-Grünen" gemacht? Die Tatsache, dass er deutsche Soldaten in völlig sinnfreie Kriegseinsätze geschickt hat? Meiner Ansicht nach gehört der Typ in Handschellen nach Den Haag.
2. Der Glorienschein von Herrn Fischer
sukowsky, 04.04.2013
Der Glorienschein von Herrn Fischer bekommt nun arge Schmutzflecken, das wird ihn nicht recht sein.
3. Wenn das nicht aus dieser Ecke gekommen wäre,...
gersco 04.04.2013
...hätte ich mir Sorgen gemacht. Ansonsten warte ich in diesem Fall auf etwaig noch kommende Beweise oder Abschlüsse und spekuliere nicht in einer vorgegebenen, quellenmäßigen "richtigen" Richtung.
4.
gog-magog 04.04.2013
Zitat von sysopHat Joschka Fischer über seine Vergangenheit gelogen? Eine Recherche des "Stern" deutet darauf hin. Das Magazin hat einen Zeugen ausfindig gemacht, der dem ehemaligen Außenminister eine Mitverantwortung für den Anschlag auf einen Polizisten im Mai 1976 gibt. Mitschuld an Anschlag: Vorwürfe gegen Joschka Fischer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/mitschuld-an-anschlag-vorwuerfe-gegen-joschka-fischer-a-892435.html)
Der zentrale Satz dieses schlecht recherchierten Pamphlet lautet doch "Wenn Schwelien Recht hat, dann hätte Fischer ...gelogen". Tja, wenn... Dagegen spricht zumindest, dass behauptet wird, Fischer sei der Anführer der Putztruppe gewesen, was er ja nachweislich nicht war. Also, wieder so ein unausgegorener, schlecht geschriebener Kinder-Artikel eines notorischen Linkenhassers, der selbst nie dabei war und gerne glaubt, was Leute behaupten, die auch nie dabei waren, oder der "Omerta" unterworfen waren. Da lachen doch die Hühner, meine Damen und Herren.
5.
PSEI 04.04.2013
"...hat jahrelang als Reporter für die "Zeit" gearbeitet. Er weiß also, Wahrheit und Dichtung zu unterscheiden." Das ist leider ein sehr unrealistischer zusammenhang, den sie da basteln...
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