Mittler zwischen Welten Ex-SPIEGEL-Chefredakteur Gaus gestorben

Günter Gaus ist tot. Der Publizist, frühere Ständige Vertreter der Bundesrepublik in der DDR und Chefredakteur des SPIEGEL starb nach langer Krankheit im Alter von 74 Jahren.


Günter Gaus: "Bekanntester Hinterkopf Deutschlands"
DDP

Günter Gaus: "Bekanntester Hinterkopf Deutschlands"

Hamburg - Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zeigte sich vom Tode Günter Gaus' betroffen. Er sei ein "ein großer Journalist und Publizist, ein enger Vertrauter und Weggefährte von Willy Brandt und ein geschickter Diplomat als Leiter der Ständigen Vertretung in Ostberlin gewesen", sagte der Kanzler. Gaus habe "zu den wenigen Grenzgängern gehört, die sich in ganz unterschiedlichen Wirkungsbereichen Respekt und Anerkennung erworben haben". Schröder fügte hinzu: "Seine kritische und mahnende Stimme wird uns fehlen."

Gaus war einer der einflussreichsten Mittler zwischen den deutschen Staaten. Sein Amt als erster Bonner Missionschef in Berlin (1974-1981) nannte der Verstorbene einmal den "faszinierendsten Job, den ich je hatte und den ich mir vorstellen kann".

In Ost-Berlin vertrat Gaus die von Willy Brandt und Egon Bahr initiierte Entspannungspolitik. Gaus war sich der Mühen und der Ausdauer bewusst, die seine Arbeit in Ost-Berlin erforderte. "Wer das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten verbessern will, der braucht einen langen Atem", sagte er einmal. Nach 1981 war Gaus ein paar Monate Wissenschaftssenator in Berlin.

Das Haus der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der Hannoverschen Straße in Ost-Berlin wurde damals zu einem Ort deutsch-deutscher Begegnungen. Viele DDR-Bürger knüpften große Hoffnungen an sie. Kaum jemand habe die DDR so gut gekannt wie der ehemalige Chefunterhändler, schrieben ihm Weggefährten zu seinem 70. Geburtstag vor vier Jahren ins Stammbuch. Und kaum jemand habe sie so sehr vermisst. Nach dem Fall der Mauer entwickelte sich Gaus zum Pessimisten.

Steile Karriere als Journalist

Vor seiner Zeit in Ost-Berlin hatte der gebürtige Braunschweiger eine steile Karriere als Journalist hinter sich. Nach einem abgebrochenen Studium der Geschichte und Germanistik arbeitete Gaus zunächst beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL (1958-1961). Danach wechselte er für vier Jahre zur "Süddeutschen Zeitung" und trat beim SPIEGEL 1969 für wiederum vier Jahre als Chefredakteur an.

Von 1963 an avancierte Gaus zum "bekanntesten Hinterkopf Deutschlands". In der damals vom ZDF ausgestrahlten Sendung "Zur Person" schuf Gaus einen neuen Stil des fernsehgerechten Interviews: Er fragte seine Gäste so geschickt, dass sie sich selbst porträtierten und oft mehr sagten, als sie eigentlich wollten.

In den vergangenen Jahren arbeitete der zuletzt in Reinbeck bei Hamburg lebende Gaus als Journalist und Schriftsteller. Seit 1990 produzierte der ORB (später RBB) wieder seine Erfolgsserie "Zur Person". Im Jahr 2001 trat Gaus nach fast 30-jähriger Mitgliedschaft aus der SPD aus. Als Grund nannte er die Art der Solidarität Deutschlands mit den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September.



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