Mittweida Die dubiose Geschichte vom eingeritzten Hakenkreuz

Der Fall löste Entsetzen aus: Im sächsischen Mittweida hätten Rechtsradikale ein Mädchen überfallen, der 17-Jährigen ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt. Nun gibt es erhebliche Zweifel an der Geschichte. Möglicherweise gab es gar keinen Überfall.

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Hamburg/Mittweida - Die Pressemitteilung der Polizei vom 23. November lautete so: Polizei sucht Zeugen zu rechtsextremistischem Übergriff - eine 17-jährige Jugendliche habe vor einem Supermarkt in Mittweida vier junge Männer bemerkt, die ein Kind herumschubsten. Die Zeugin habe sich eingemischt, "daraufhin ließen sie von dem Kind ab, griffen die Jugendliche an und rissen sie zu Boden. Drei der Tatverdächtigen hielten nun die 17-Jährige fest, während der vierte ihr mit einem skalpellartigen Gegenstand ein ca. 5 cm großes Hakenkreuz in die Haut im Hüftbereich ritzte. Der Versuch der Täter, in die Wange des Opfers eine Sigrune zu ritzen, scheiterte an dessen Gegenwehr. Anschließend ließen die Täter von der Jugendlichen ab, so dass sie flüchten konnte", heißt es in der Pressemitteilung der Polizei.

Straßenszene im sächsischen Mittweida: Was geschah in der Kreisstadt?
DPA

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Das Kind sei geflüchtet, doch die Kriminalpolizei habe seine Identität herausgefunden: "Dabei handelt es sich um ein sechsjähriges Spätaussiedlermädchen, das den von der 17-Jährigen geschilderten Hergang bestätigte", heißt es in dem Bericht weiter.

SPIEGEL ONLINE berichtete über den Fall - denn ein Polizeisprecher hatte einen Betrug ausgeschlossen. Frank Fischer erklärte damals SPIEGEL ONLINE : "Die rechtsmedizinischen Gutachten haben ergeben, dass man sich die Verletzungen der 17-Jährigen nicht selbst beibringen kann."

Heute stellt sich die Situation anders dar: Gegen die 17-Jährige wird wegen des Verdachts des Vortäuschens einer Straftat ermittelt, bestätigt Bernd Vogel, Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Chemnitz. "Es gibt hinreichende Ansatzpunkte", sagte er SPIEGEL ONLINE. Die Ermittler berufen sich auf zwei voneinander unabhängige Gutachten rechtsmedizinischer Institute. Beide kommen zu dem Ergebnis: Eine Selbstverletzung der jungen Frau kann nicht mehr ausgeschlossen werden. Allerdings, das betont Vogel, liefen auch die Ermittlungen gegen die vermeintlichen Täter weiter.

Als die Öffentlichkeit am 23. November von dem Vorfall benachrichtigt wurde, habe keines der Gutachten vorgelegen, sagt Oberstaatsanwalt Vogel. Wie konnte die Polizei also behaupten, eine Selbstverletzung sei ausgeschlossen? "Offensichtlich ein Übermittlungsfehler", sagt Vogel. So stellt es auch die zuständige Polizeidirektion Chemnitz dar. "Das war damals der Informationsstand", sagte Sprecher Fischer SPIEGEL ONLINE. "Das war so verstanden worden." Er spricht von einem möglichen "innerbetrieblichen Übermittlungsfehler der Polizei".

Oberstaatsanwalt Vogel zufolge gibt es auch Zweifel an der Vorgeschichte des Vorfalls: Das sechsjährige Mädchen - angeblich das erste Opfer der vier Männer - war nach Vogels Angaben "gar nicht vor Ort", es kann also keinen Übergriff auf das Kind gegeben haben. Möglicherweise habe die Sechsjährige auf Suggestivfragen entsprechend geantwortet, obwohl bei der Befragung eine Psychologin anwesend war, sagt Vogel.

Mittweida ist ein Zentrum rechtsextremistischer Gewalt

Der Vorfall hatte auch deshalb für besonderes Aufsehen gesorgt, weil nach Angaben der 17-Jährigen mehrere Menschen den Übergriff verfolgten. Polizei und Stadtverwaltung appellierten daraufhin an Zeugen in Mittweida. Vergeblich. Möglicherweise ist jetzt klar, weshalb.

Mittweidas Bürgermeister Matthias Damm wollte sich angesichts der laufenden Ermittlungen nicht zu der neuen Sachlage äußern. Erst gestern hatte der CDU-Politiker eine neue Stelle für Extremismusbekämpfung in seinem Rathaus eingerichtet.

Dass Politik und Ermittler üblicherweise sehr vorsichtig bei derartigen Fällen geworden sind, liegt an Erfahrungen aus der Vergangenheit. So hatten sich angebliche Hakenkreuz-Ritzereien, die vermeintliche Opfer bei der Polizei anzeigten, schon in der Vergangenheit als Schwindel herausgestellt. Am 29. Dezember 2002 war die 14-jährige Tochter eines Kubaners auf einer Wache im brandenburgischen Guben erschienen, weil ihr angeblich Neonazis ein Hakenkreuz in die Wange geschnitten hätten. Zunächst glaubten ihr die Beamten, dann gestand das Mädchen, die Geschichte erfunden zu haben.

1994 hatte in Halle ein im Rollstuhl sitzendes Mädchen behauptet, dass Skinheads ihr ein Hakenkreuz in die Wange geritzt hätten. Tags darauf demonstrierten mehr als 10.000 Menschen gegen rechtsextreme Gewalt. Wenig später räumte das Mädchen auch hier ein, die Tat nur vorgetäuscht zu haben. Kurz darauf berichtete eine Berliner Antifa-Gruppe, Neonazis hätten in der S-Bahn einer 20-Jährigen ein Hakenkreuz in den Bauch geritzt. Die Ermittlungen der Polizei blieben ohne Ergebnis.

Man dürfe jetzt nicht vorverurteilen, sagt Oberstaatsanwalt Vogel. Aber angesichts der rechtsextremistischen Szene in Mittweida sei die Situation für die 17-Jährige sicher nicht angenehmer geworden.

Das westsächsische Mittweida ist eines der rechtsextremistischen Zentren des Freistaats. Seit Jahren sorgt hier die Gruppierung "Sturm 34" für Aufregung. Im April war die Neonazi-Gruppe verboten worden, die rechtsextremistischen Übergriffe gingen danach zurück. Die Ermittlungen gegen die vermeintlichen Szene-Mitglieder wegen des Hakenkreuz-Überfalls waren bislang allerdings erfolglos gewesen: Ein Verdächtiger hatte laut Staatsanwaltschaft ein Alibi.

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