Von Lisa Erdmann und Annett Meiritz
Hamburg - Flüchtlinge, misshandelte Frauen und Kinder, Demonstranten in Haft: Amnesty International, die weltweit größte Menschenrechtsorganisation, ist immer dort, wo es brennt. Jetzt muss der Non-Profit-Verein ein Feuer im eigenen Hause löschen.
An der Spitze der deutschen Sektion mit Sitz in Berlin ist ein heftiger Streit um Geschäftsführerin Monika Lüke entbrannt. Der Amnesty-Vorstand will sich nach nur zwei Jahren von der 42-Jährigen trennen.
Der Beschluss kommt für die 114.000 Mitglieder und Unterstützer in Deutschland überraschend. Eben noch, Ende Mai, hatte man mit viel Prominenz das 50-jährige Bestehen gefeiert. Plötzlich wird Lüke von ihren Aufgaben freigestellt, "mit sofortiger Wirkung".
Grund sei das "zunehmend gestörte Vertrauensverhältnis", erklärt das Amnesty-Büro. "Eine weitere Zusammenarbeit mit ihr erscheint uns nicht mehr möglich." Die Entscheidung im Vorstand sei einstimmig gefallen.
"Geburt ist keine Krankheit"
In der Frage, wie es zum Zerwürfnis kam, steht Aussage gegen Aussage. Lüke, die vor kurzem ein Baby bekommen hat, schrieb am Mittwoch eine wütende Rundmail an die Mitglieder von Amnesty International Deutschland. In dieser bezeichnete sie ihre Freistellung mitten im Mutterschutz als "rechtlich unhaltbar". Sie fühle sich überrumpelt und sei "entsetzt".
Ihr werde vorgeworfen, eine umstrittene Mitarbeiterin eingestellt und eine externe Beratungsfirma ungewünscht angeheuert zu haben, schreibt Lüke. Auch ihre Öffentlichkeitsarbeit werde kritisiert. Lüke selbst vermutet jedoch, dass der Grund in Wahrheit ein anderer ist: ihre Schwangerschaft und die Geburt von Tochter Mathilda Anfang Mai.
"Es ging einzig um den Umstand, dass ich Generalsekretärin bin, dies ernst nehme und trotzdem Mutter werde", prangert die 42-Jährige an. Jedoch werde ihre Arbeit für Amnesty "durch meine Mutterschaft weder beendet noch beeinträchtigt. Für mich ist eine Geburt keine Krankheit."
"Sie war vorgewarnt"
Amnesty-Vorstandssprecher Keßler weist die Vorwürfe gegenüber SPIEGEL ONLINE als "falsch" zurück. Über konkrete Gründe für den Rauswurf schweigt er, zum Schutz der Arbeitnehmerin, wie er sagt. "Es gab unterschiedliche Vorstellungen über die Rollenverteilung von Vorstand und Generalsekretärin", mehr dürfe er nicht sagen.
Bislang gebe es keine Kündigung, sondern nur eine Freistellung, sagt Keßler. Man versuche jetzt, den bestehenden Fünf-Jahres-Vertrag einvernehmlich zu lösen. Aber warum rückte man damit so kurz nach der Geburt raus? "Wir konnten ihr die Nachricht ja wohl unmöglich während der Schwangerschaft überbringen", sagt Keßler.
Allerdings sei man durch "bereits länger anhaltende Probleme" gezwungen gewesen, Lüke so schnell wie möglich freizustellen. Die Entscheidung sei intern schon viel früher gefallen. "Aber erst als wir uns sicher sein konnten, Mutter und Kind sind gesund, haben wir uns entschlossen, das Verhältnis zu beenden."
Von Überrumpeln könne aber keine Rede sein: "Es gab viele, viele Gespräche", sagt Keßler, trotzdem habe sich die Zusammenarbeit nicht verbessert. "Sie war vorgewarnt."
Frühe Gerüchte über Streit
Dass Lüke den Job der Generalsekretärin bekam, hatte 2009 viele verwundert. Die promovierte Juristin hatte für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit ( GTZ) in Kenia und Kambodscha gearbeitet, eine Weile auch als Beraterin der britischen Regierung. Den meisten Mitgliedern war sie trotzdem kein Begriff. Und als Nachfolgerin für Barbara Lochbihler, die den Job immerhin zehn Jahre inne hatte, wünschten sich viele eher jemanden mit einem prominenten Namen aus der Politik.
Bereits nach Lükes Amtsantritt hatte es die ersten Gerüchte über Streit im Berliner Generalsekretariat gegeben. Der "tageszeitung" zufolge wurde aus Mitarbeiterkreisen immer wieder von heftigen Konflikten berichtet. Streitpunkt war offenbar die Frage von Umstrukturierungen.
Thematisch öffnete sich die NGO unter Lükes Führung. Für besonderes Aufsehen sorgte schon kurz nach ihrem Amtsantritt die Kampagne gegen Polizeigewalt in Deutschland. Bis dahin hatte die Organisation hauptsächlich mit dem Anprangern von Menschenrechtsverletzungen im Ausland auf sich aufmerksam gemacht.
Amnesty-Anhänger sind verwirrt
Sie selbst bezeichnete sich einmal in einem Interview als eher ungeduldigen Menschen. "Für mich ist Tempo was wichtiges", sagte sie der "tageszeitung". Im aktuellen Fall dürfte ihr aber eine andere Eigenschaft stärker helfen. Dem "Zeit-Magazin" sagte sie einst: "Es ist gut, dass ich Juristin bin, denn ich streite gern."
Juristisch ist es für Arbeitgeber extrem schwierig, sich von einer Mitarbeiterin zu trennen, die gerade ein Kind bekommen hat. Anwälte werden nun über eine mögliche Auflösung des Arbeitsvertrags und die Höhe der Abfindung verhandeln müssen, Lükes Jahresgehalt beträgt 80.000 Euro.
Doch selbst wenn sich beide Seiten schnell einigen sollten, könnte Amnesty einen Imageschaden davontragen. Die Organisation lebt vom Vertrauen ihrer Mitglieder - und deren Spenden: Im Jahr 2010 sammelte Amnesty Deutschland knapp 16 Millionen Euro.
In der deutschen Amnesty-Gemeinde geht es zurzeit hoch her. Gründungsmitglied Wolfgang Piepenstock warf dem Vorstand am Donnerstag "miserables Timing" vor. Heftige Debatten über den Umgang mit der Generalsekretärin werden auch bei der Jahresversammlung erwartet, die am Samstag in Köln beginnt. Dabei muss sich auch der Vorstand neu zur Wahl stellen.
Lüke wollte dazu eigentlich als einfaches Mitglied anreisen, mit ihrem Mann und der einmonatigen Tochter. Jetzt hat sie sich entschieden, nach Brandenburg aufs Land zu fahren.
mit Material der dpa
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