Mögliche Gauck-Konkurrentin Klarsfeld: Die Kandidatin, die den Kanzler ohrfeigte

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In Frankreich wird Beate Klarsfeld verehrt, in Deutschland gilt die Nazi-Jägerin wegen ihrer Kiesinger-Ohrfeige bei vielen als verpönt. Doch nun erwägt die Linkspartei, sie als Präsidentschaftskandidatin gegen Gauck aufzustellen. Wer ist die 73-Jährige?

Beate Klarsfeld: Nazijägerin und mögliche Gauck-Gegnerin Fotos
dapd

Berlin/Paris - In der Rue La Boétie, im Herzen von Paris, herrscht gute Laune dieser Tage. Beate Klarsfeld, 73, die hier im 8. Arrondissement der französischen Hauptstadt mit ihrem Mann Serge ihr Büro hat, ist zwar ohnehin ein fröhlicher Mensch. Aber es gibt da eine Sache, die Klarsfeld seit vielen Jahren zu schaffen macht: Während man sie in Frankreich verehrt und hoch dekorierte, versagt ihr die alte Heimat die Anerkennung. Wegen einer Ohrfeige.

Dass die Linkspartei nun erwägt, mit ihr ins Rennen um Schloss Bellevue zu ziehen, ist deshalb eine späte Genugtuung. "Wenn mich die Linke am Montag zu ihrer Kandidatin küren sollte, nähme ich das an", sagte Klarsfeld am Freitag.

Bundespräsidentenkandidatin Beate Klarsfeld - das klänge doch viel besser als Bundesverdienstkreuzträgerin Klarsfeld.

Mehrfach hatte man sie in der Vergangenheit für diese Ehrung vorgeschlagen, doch ohne Erfolg. Erst vor wenigen Wochen wurde sie abermals von der Vorschlagsliste gestrichen.

Dabei ist sie eine Frau, die in der ganzen Welt als Nazi-Jägerin berühmt ist. "Beate, Sie verkörpern die Gerechtigkeit", sagte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, als er Klarsfeld im vergangenen Herbst zum Kommandeur des Nationalen Verdienstordens ernannte. Und Menachem Begin soll ihr als israelischer Ministerpräsident einst versichert haben, sie sei die erste Deutsche, der er die Hand schüttele. Zwei Spielfilme gibt es über ihr Leben, als Beate Klarsfeld sind Hollywood-Größe Farrah Fawcett und Franka Potente zu bewundern.

Die Frau, die Kiesinger ohrfeigte

Doch in Deutschland ist sie in erster Linie als jene Frau verschrien, die einen Bundeskanzler ohrfeigte. Bald 45 Jahre ist es nun her: 7. November 1968, CDU-Parteitag in Berlin, eine junge Frau besteigt plötzlich das Podium, ruft "Nazi, Nazi" - und schlägt Kanzler Kurt Georg Kiesinger ins Gesicht. Klarsfeld wird zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Später wird die Strafe verkürzt und zur Bewährung ausgesetzt.

"Es musste eine Ohrfeige sein", sagte sie 2005 in einem "taz"-Interview. "Hätte ich zu anderen Mitteln gegriffen, hätte es nie diese historische Wirkung gehabt." Tatsächlich führte die Attacke auf Kiesinger zu heftigen Debatten um dessen Vergangenheit im Dritten Reich. Für die 68er wurde Klarsfeld mit ihrer Aktion zu einer Symbolfigur, für die breite Öffentlichkeit galt sie allerdings nun als eine Art Persona non grata.

"Ich habe nicht studiert, ich bin eine einfache Bürgerin. Aber eines Tages habe ich gefühlt, dass ich dies für Deutschland und um die Ehre Deutschlands zu retten, tun müsste." So hat Beate Klarsfeld die Kiesinger-Ohrfeige im Prozess gerechtfertigt.

Zu dieser Zeit lebte sie schon lange nicht mehr in Deutschland. In Köln geboren, war die junge Beate Auguste Künzel - so ihr Mädchenname - 1960 als Au-Pair-Mädchen nach Paris gegangen und hatte dort den Jurastudenten Serge Klarsfeld kennen gelernt. 1963 heirateten die beiden, sie bekamen zwei Kinder. Serge Klarsfeld, ein französischer Jude, hatte während der deutschen Besatzung mit ansehen müssen, wie die Nazis seinen Vater mitnahmen, der dann in Auschwitz starb. Beate Klarsfeld berichtet, wie der Pfarrer bei der Trauung sagte: "Sie sind eine deutsch-französische Ehe, Sie müssen daraus etwas machen."

Die Mission der Klarsfelds: Nazis jagen

Das taten sie. Gemeinsam machte es sich das Paar zur Aufgabe, untergetauchte Nazis aufzuspüren und sie vor Gericht zu bringen. Beispielsweise den früheren Pariser Gestapo-Chef Kurt Lischka, dem schließlich 1980 in Köln der Prozess gemacht wurde. "Der Hartnäckigkeit des Moralisten Serge K. und seiner Frau Beate war es zu verdanken, dass die Taten von Lischka und Kumpanen überhaupt wahrgenommen wurden", schrieb damals der SPIEGEL.

Dass der in Bolivien untergetauchte Klaus Barbie - als Klaus Altmann Chef der Gestapo in Lyon - 1983 in Frankreich inhaftiert und vier Jahre später zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, daran hatten die Klarsfelds ebenfalls großen Anteil. Genau wie am Prozess gegen den SS-Obersturmführer Alois Brunner, der als verantwortlich für die Ermordung von 130.000 Juden gilt. Er wurde in Paris 2001 in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt.

Orden und Auszeichnungen stapeln sich im Büro des Nazijäger-Paars. Dass noch ein Bundesverdienstkreuz dazukommt, darauf hat Beate Klarsfeld keine große Hoffnung mehr. "Na, ob das noch mal was wird", sagte sie zuletzt nach der erneuten Absage aus Deutschland. Und lachte dabei. Wenn sie in ihrer Muttersprache redet, klingt inzwischen ein französischer Einschlag durch. "Aber ich zähle immer noch auf Deutsch", sagt Beate Klarsfeld, "und meine Enkelin nennt mich Omi."

Klarsfeld ist nicht nur die "Nestbeschmutzerin"

Die fehlende Anerkennung in ihrer Heimat habe nicht nur mit der Ohrfeige zu tun, glaubt Klarsfeld. Sie gelte wegen ihrer Jagd auf Nazis eben vielen Deutschen als Nestbeschmutzerin. Das mag sein. Aber die Vorbehalte dürften auch mit etwas anderem zu tun haben. "Man kann diesen Kampf nicht mit Blumen führen", lautet ein Zitat von Klarsfeld. Auf die "taz"-Frage, "Sie hätten auch Mord für Ihr Anliegen in Kauf genommen?", lautete ihre Antwort: "Ja. Da hätten sich welche gefunden..."

So weit kam es nie. Aber gegen Gesetze hat Beate Klarsfeld beim Kampf für ihre gerechte Sache immer wieder verstoßen. Ein gescheiterter Entführungsversuch von Gestapo-Mann Lischka brachte ihr 1971 eine erneute Haftstrafe auf Bewährung ein. Und 1992 organisierte sie mit ihrem Mann eine Demonstration in Rostock, bei der Mitglieder einer militanten jüdischen Organisation einige von der Polizei Festgenommene mit Gewalt befreiten. Den darauf folgenden Anschlag auf das Goethe-Institut in Paris rechtfertigte sie als legitim.

Nun also könnte die Linke mit ihr als Bundespräsidentenkandidatin antreten. Das wäre angesichts der breiten Mehrheit für Joachim Gauck aussichtslos, aber das ficht Beate Klarsfeld nicht an. Ohnehin würde sie keinen "Anti-Gauck"-Wahlkampf führen. "Das will ich nicht, auf gar keinen Fall" sagte Klarsfeld dem "Tagesspiegel". Gauck und sie seien durch "gegenseitige Anerkennung" verbunden.

Die Linke dagegen würde mit der Personalie Klarsfeld natürlich den Kandidaten Gauck und seine Unterstützer ärgern. Dass man von Kanzlerin Angela Merkel nicht in die Suche nach einem Nachfolger von Christian Wulff als Bundespräsident eingebunden wurde, wurmt die Linkspartei enorm. Und nun also auch noch der Kommunisten-Fresser Gauck - das wirkt wie eine doppelte Provokation.

Mit Klarsfeld, so die Idee der Linken-Führung, könnte man nun vielleicht sogar ein bisschen bei Rot-Grün wildern. Gerade unter den Grünen gibt es ja offene Vorbehalte gegen Gauck, beispielsweise bei den Bundestagsabgeordneten Memet Kilic und Christian Ströbele. Und auch wenn Daniel Cohn-Bendit, Chef der Grünen-Fraktion im Europaparlament, vehement abrät - die Nominierung der zweifellos verdienten Klarsfeld wäre "unsinnig, sie wäre als Bundespräsidentin absolut unvorstellbar" - sagt Kilic: "Ich würde mir die Dame erst mal genau anschauen."

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insgesamt 75 Beiträge
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    Seite 1    
1. ein gutes Zeichen
katerramus 26.02.2012
Zitat von sysopdapdIn Frankreich wird Beate Klarsfeld verehrt, in Deutschland gilt die Nazi-Jägerin wegen ihrer Kiesinger-Ohrfeige bei vielen als verpönt. Doch nun erwägt die Linkspartei, sie als Präsidentschaftskandidatin gegen Gauck aufzustellen. Wer ist die 73-Jährige? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,817108,00.html
Ich halte es für ein wichtiges Zeichen, dass Frau Klarsfeld nominiert wird. Zum einen wäre es eine späte Anerkennung ihrer Leistung und zum anderen ein wichtiges Zeichen in Zeiten neuen rechten Terrorismus.
2. Zumindest
chico 76 26.02.2012
Zitat von sysopdapdIn Frankreich wird Beate Klarsfeld verehrt, in Deutschland gilt die Nazi-Jägerin wegen ihrer Kiesinger-Ohrfeige bei vielen als verpönt. Doch nun erwägt die Linkspartei, sie als Präsidentschaftskandidatin gegen Gauck aufzustellen. Wer ist die 73-Jährige? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,817108,00.html
eine honorige, bewundernswerte Gegenkandidatin, der nicht der Makel des Opportunismus anhaftet. Sie hätte zwar keine Chance gewählt zu werden, aber dem "Neuen" könnte gezeigt werden, dass er nicht nur von den LINKEn abgelehnt wird.So mancher CDU - ler würde ins Grübeln kommen, wie er abstimmt.
3. Unmögliche Entscheidung
paretooptimal 26.02.2012
Es wäre zeitgemäßer, wenn sich die LINKE einen Kandidaten aussuchen würde, der nicht in der Vergangenheit lebt und ansonsten sich nicht um die Belange in Deutschland hervorgetan hat.
4. Klarsfeld
flieder2 26.02.2012
Nein, sie ist keine Nestbeschmutzerin! Aber: Sie haette mit ihrem Engagement den Aufbau des Nachkriegsdeutschland gestoert. Woher sollten denn 1945 oder 1955 faehige Politiker her kommen? Da ist es (nicht schoen!) aber doch mal verstaendlich, dass der ein oder andere Mitlaeufer auf einem neuen Posten gelandet ist. Lasst doch endlich diese Idiologie, kramt euren Verstand hervor: So viele faehige Maenner gab es im Nachkriegsdeutschland nicht mehr und wenn jemand faehig gewesen waere, hat er vielleicht fuer sich entschieden: Ich will mit Politik nichts mehr am Hut haben. Ich will ein friedliches Leben leben und mich auf andere Art und Weise einsetzen, dass Kriege und das damit verbundene Elend nie, nie wieder geschieht. Ich verurteile Frau Klarsfeld nicht, sie hat sich der Jagd nach Altnazis verschrieben, hat Herrn Kiesinger blossgestellt, neudeutsch: geoutet. Nur: Eine Ohrfeige haette es nicht sein muessen. Aber, sie ist halt ein Kind ihrer Zeit. Ihr Anliegen in Ehren, als BP im modernen Deutschland hat sie sich damit nicht qualifiziert.
5.
slimp86 26.02.2012
Oh man oh man ... Eine Frau die 73 Jahre alt ist ... tritt gegen einen Mann an, der 73 Jahre alt ist ... Wieso gibt man das Amt nicht gleich einfach dem ältesten Menschen von Deutschland mit über 100 Jahren auf dem Buckel. Gibt zwar eine Ü40 Regel für das Amt aber eine U(nter)55 Regel würde auch nicht schaden
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Vom Kandidaten zum Präsidenten
Wer wählt den Bundespräsidenten?
Die Bundesversammlung, die sich aus den Abgeordneten des Bundestages und einer gleichen Zahl von Wahlmännern beziehungsweise -frauen aus den Ländern zusammensetzt. Letztere werden von den Länderparlamenten entsprechend den jeweiligen politischen Stärkeverhältnissen gewählt. Derzeit gehören dem Parlament 620 Abgeordnete an. Die Bundesversammlung umfasst somit 1240 Wahlleute.
Wie wird gewählt?
Das Staatsoberhaupt wird geheim und ohne vorherige Aussprache gewählt. Gewählt ist, wer die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Die Wiederwahl ist einmal möglich. Wählbar ist jeder Deutsche, sofern er das 40. Lebensjahr vollendet hat. Sollte kein Bewerber im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen, reicht im dritten Wahlgang die relative Mehrheit. Drei Mal waren bislang drei Wahlgänge erforderlich: 1969 bei Gustav Heinemann, 1994 bei Roman Herzog und 2010 bei Christian Wulff.
Wann wird gewählt?
Laut Gesetz muss die Bundesversammlung spätestens 30 Tage vor dem Ende der Amtszeit des Bundespräsidenten zusammentreten. Sollte eine Amtszeit verfrüht enden muss die Bundesversammlung spätestens dreißig Tage später den Nachfolger wählen. Als spätester Termin für die Neuwahl kommt somit der 18. März in Frage. Einberufen wird die Versammlung vom Bundestagspräsidenten.
Wer hat die Mehrheit?
Die parteipolitische Mehrheit der Bundesversammlung muss nicht identisch sein mit den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. Nach Berechnungen des Portals wahlrecht.de hätte Schwarz-Gelb derzeit nur eine Mehrheit von zwei bis vier Stimmen in der Bundesversammlung. Da SPD und Grüne mit im Boot sind, gilt die Wahl von Joachim Gauck als sicher.