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Aigners Wechsel nach Bayern: Aufstieg mit Risiko

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CSU-Politikerin Ilse Aigner: Die neue Seehoferin? Die neue Seehoferin? Fotos
DPA

Ade Berlin, willkommen in Bayern: Mit ihrem Wechsel in die Landespolitik steht die scheidende Agrarministerin Ilse Aigner vor einem Karrieresprung. Die CSU-Frau könnte Ministerpräsident Horst Seehofer beerben. Doch der Plan birgt Risiken.

Berlin/München - "A gscheiter Fendt", sagt Ilse Aigner und betrachtet den Traktor anerkennend. Die Allgäuer Traditionsmarke wurde zwar schon vor Jahren an einen amerikanischen Landmaschinenhersteller verkauft. Die Herstellung läuft aber weiter in Bayern. Und Industrieprodukte aus dem Freistaat zu loben, das hat noch keinem bayerischen Politiker geschadet.

Die CSU-Frau weiß um die Wirkung der richtigen Tonlage - und wie man sympathische Bilder mit Regionalkolorit verbreitet: Zu einer Almtour im Chiemgau trägt Aigner Outdoor-Hemd, Dreiviertelhosen und lederne Bergstiefel. An ihren Handgelenken baumeln Wanderstöcke, sie hat einen Rucksack umgeschnallt.

Ilse Aigner passt gut rein in das Panorama aus Forstwegen, Kuhweiden und Alpenblick. Besser als ins hektische, baustellenverschandelte Berlin, mit dem sie oft fremdelte. Nach der bayerischen Landtagswahl am 15. September verabschiedet sich Aigner aus Angela Merkels Kabinett, nach fünf Jahren im Verbraucherministerium zieht es sie zurück in die Heimat.

"Ich fühle Wehmut"

Dass ein Bundesminister freiwillig in die Landespolitik geht, kommt selten vor. Für Aigner ist dieser Schritt die bessere Wahl. Als "Ankündigungsministerin" wurde sie verspottet, als machtlose Zehn-Punkte-Planerin bei Lebensmittelkrisen und Giftskandalen kritisiert, in der "Heute Show" war sie Stammgast als Satireobjekt. "Ich fühle Wehmut. Bereut habe ich meine Entscheidung aber in keinem Moment", sagt Aigner über ihren Abschied.

Allein die Nachricht ihres Wechsels genügte bislang, um die 48-Jährige als potentielle Nachfolgerin von CSU-Parteichef und Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) ins Spiel zu bringen. Aber ist Aigners Plan B, die Entscheidung für Bayern, eine sichere Nummer für ihre Karriere?

Folgendes spricht dafür:

  • Seehofer wird Aigner im Fall eines Wahlsiegs einen attraktiven Posten anbieten müssen. Er selbst holte die unverheiratete und kinderlose Parteikollegin nach Bayern. Sie soll das Image einer neuen, entspießerten CSU mit aufbauen. Er verspreche sich von ihr "ein Stück Zukunft", sagt Seehofer über seine Entscheidung.
  • Die Chancen, dass Aigner Seehofer in ein paar Jahren beerben wird, stehen gut: Als gebürtige Oberbayerin stammt sie aus dem Kernland der CSU. Der andere Favorit, Finanzminister Markus Söder (CSU), kommt aus Franken, was für viele im Freistaat nicht sonderlich viel mit Bayern zu tun hat. Aigners Verhältnis zu Seehofer gilt als unbelastet, der Ministerpräsident spricht meist sehr wohlwollend über "die Ilse".

Folgendes könnte Aigner gefährlich werden:

  • Postengarantien gibt es beim wankelmütigen Seehofer für niemanden. Unvergessen ist dessen Tadel für Söder, den er erst zum Kronprinzen heranzüchtete und dem er dann attestierte, "von Ehrgeiz zerfressen" zu sein. Gut möglich, dass Seehofer irgendwann auch über Aigner herzieht. Im ZDF-Sommerinterview wollte sich Seehofer demonstrativ nicht festlegen. In Sachen Nachfolgeregelung sei alles "völlig offen", betonte er.
  • Auch könnte die Rivalität zwischen Aigner und Söder auf Dauer am Image der Strahlefrau kratzen. Beide werden nach der Landtagswahl wohl um den Fraktionsvorsitz im Landtag konkurrieren. Dort braucht man nach der peinlichen Vetternaffäre einen Neustart. Der Posten gilt als ideale Ausgangsposition, um sich für höhere Aufgaben warmzulaufen.
  • Und auch wenn Aigner offiziell "keinen Konkurrenzkampf" sieht - Spitzen kann sie sich schon jetzt nicht verkneifen. Natürlich wolle Söder Ministerpräsident werden, plauderte sie im Studio von Markus Lanz. Das habe Söder "sicher nicht gefallen, aber das verträgt er schon", kommentierte Aigner die Sendung später vor Journalisten. Wenn es hart auf hart kommt und Posten zu verteilen sind, wird Aigner das Bild vom Ehrgeizling Söder und ihrer eigenen Selbstlosigkeit kaum aufrechterhalten können.

Bewährungsprobe am 15. September

Bei ihrer Sommertour durch die Republik wurde Aigner immer wieder nach ihren Ambitionen gefragt. "Ich weiß nicht, wie mein erster Arbeitstag aussehen wird", sagt sie dann gern. In der Öffentlichkeit tritt sie gelassen auf, sie sei "ein abwägender Typ", sagt Aigner über sich selbst. Als bei ihrer Almbegehung von der Milchkönigin über die Bierkönigin bis zur Weidenrechtskommission alle Ehrengäste einzeln begrüßt werden, wartet Aigner geduldig daneben und lächelt.

Geduld ist eine Eigenschaft, die der CSU-Politikerin in Bayern zugute kommen könnte: Seehofer will nämlich am liebsten bis 2018 weiterregieren.

Aigners nächster großer Test steht allerdings schon in wenigen Wochen an. Als Chefin des wichtigen Bezirksverbands Oberbayern, den sie seit 2011 anführt, muss sie am Wahlabend gute Zahlen präsentieren. Bei der letzten Landtagswahl verloren die Christsozialen dort mehr als 20 Prozent der Stimmen. Es war das schlechteste Ergebnis aller Zeiten.

Ein gutes Abschneiden würde sie zur strahlenden Siegerin machen. Ein Desaster wie 2008 würde ihren Heimkehrerbonus schmälern. Der Wahlabend in Bayern ist also nicht nur eine Bewährungsprobe für die CSU und Seehofer, sondern auch für Aigner.


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1. Finanzausglich
Ratzbär 30.08.2013
Zitat von sysopDPAAdé Berlin, willkommen in Bayern: Mit ihrem Wechsel in die Landespolitik steht die scheidende Agrarministerin Ilse Aigner vor einem Karrieresprung. Die CSU-Frau könnte Ministerpräsident Horst Seehofer beerben. Doch der Plan birgt Risiken. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/moegliche-seehofer-nachfolgerin-aigner-der-karriere-check-a-918196.html
Na, dann können wir ja die Uhr stellen, wann Bayern wieder zum Empfängerland wird, weil außer "Aktionsplänen" nichts mehr geht ... ^^
2. Demokratie wird zur reinen Show-Veranstaltung
lupulus 30.08.2013
Eigentlich sollten in der Demokratie erst die Inhalte, d.h. die Sachfragen diskutiert werden und dann kommt die Machtfrage. Von ersteren hört man in den Medien immer weniger, es wird nur über wer mit wem, wer wann und wo gegen wen sein könnte, und hier im Artikel Spekulationen bis ins Jahr 2018! Zur Macht gehören Beziehungen und Repräsentation klar, aber viele Medien begeben sich in Ihrer Berichterstattung auf das Niveau von Yellow Press, so auch dieser hier. Für die wichtige Funktion der kritischen Begleitung von Politik, zur Information und zur Meinungsbildung erhoffe ich mir mehr als nur Show.
3. Schreck in der Morgenstunde
Europa! 30.08.2013
Zitat von sysopDPAAdé Berlin, willkommen in Bayern: Mit ihrem Wechsel in die Landespolitik steht die scheidende Agrarministerin Ilse Aigner vor einem Karrieresprung. Die CSU-Frau könnte Ministerpräsident Horst Seehofer beerben. Doch der Plan birgt Risiken. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/moegliche-seehofer-nachfolgerin-aigner-der-karriere-check-a-918196.html
Als Eintracht-Fan habe ich schon gelesen: "Aigners Wechsel ZU Bayern". Das wäre echt eine schlechte Nachricht gewesen. Aber so kann ich Frau Aigner nur alles Gute wünschen.
4. Was hat die Dame denn so geleistet? Nichts?
mummiscii 30.08.2013
Ist das nicht die Frau, die den Verbraucher schützen sollte? Noch immer werden Firmen, die vergammelte oder vergiftete Nahrungsmittel vertreiben und verkaufen nicht beim Namen genannt. Das halte ich für kriminell. Das zumindest ist aber ihr Verdienst. Super! Man kann sich nach etlichen Skandalen noch immer nicht wirksam vor dieser Mafia schützen. Das allein zeigt doch, für wen die Dame arbeitet.
5. Wadenbeisser
tulius-rex 30.08.2013
Da siind doch noch die Wadenbeisser Söder und Dobrindt mit den selbstgebastelten Heiligenscheinen. Ob die einer Dame den Vortritt lassen?
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