Möllemann FDP scheut Staatsakt-Frage

Die Frage, ob es einen Staatsakt für Jürgen Möllemann geben wird, ist weiterhin offen. Die FDP machte nach dem ersten Vorpreschen von Parteichef Westerwelle einen Rückzieher und stellte keinen offiziellen Antrag. Die Familie warf führenden Partei-Mitgliedern in ihrer Todesanzeige Niedertracht vor.




Trauer um Möllemann: Plakat am Flugplatz Lohmühle in Marl, dem Ort von Möllemanns Tod
AP

Trauer um Möllemann: Plakat am Flugplatz Lohmühle in Marl, dem Ort von Möllemanns Tod

Berlin - Dem Bundespräsidialamt lag nach Auskunft eines Sprechers noch kein Vorschlag vor, auf dessen Grundlage Bundespräsident Johannes Rau einen Staatsakt anordnen könnte. Es sei jahrzehntelange Praxis, dass beim Tod von Politikern die politischen Freunde, die Familie, der Deutsche Bundestag und die Bundesregierung dem Bundespräsidenten einen gemeinsamen Vorschlag unterbreiteten. Daraufhin treffe dieser eine Entscheidung.

Die FDP-Spitze hat keinen Antrag für einen Staatsakt zu Ehren ihres ehemaligen Spitzenpolitikers Jürgen Möllemann gestellt. Parteisprecher Martin Kothé erklärte, die Parteiführung habe lediglich im Kanzleramt sondiert, ob von Seiten des Staates eine offizielle Todesfeier für den am vergangenen Donnerstag in den Tod gestürzten 57-Jährigen geplant sei. FDP-Chef Guido Westerwelle hatte zuvor bei der Bundesregierung einen Staatsakt für Möllemann angeregt. Das gilt nun offenbar nicht mehr: Die FDP, sagte Kothé, werde sich einer öffentliche Ehrung des Toten "nicht in den Weg stellen".

FDP reagiert nicht auf Vorwürfe der Familie

Zu den öffentlich geäußerten Vorwürfen, die Parteispitze habe mit ihren Angriffen Möllemann in die Verzweiflung getrieben, reagierte die FDP nicht. Unabhängig von dieser Debatte habe Westerwelle nicht geplant, an der Beerdigung Möllemanns teilzunehmen, hieß es. Offiziell wird in der FDP betont, dass "bei allen Differenzen in der jetzigen Situation die Verdienste Möllemanns im Vordergrund stehen". Bei allen Fragen der offiziellen Würdigung Möllemanns müssten die Belange der Familie berücksichtigt werden.

Guido Westerwelle: FDP will Staatsakt "nicht im Wege stehen"
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Guido Westerwelle: FDP will Staatsakt "nicht im Wege stehen"

Die Familie Möllemann erhob in einer in mehreren Tageszeitungen erschienen Todesanzeige schwere Vorwürfe. "Werden uns diejenigen Rechenschaft geben, die auf niederträchtige Weise versucht haben, sowohl den Menschen Jürgen Möllemann wie auch sein politisches Lebenswerk zu zerstören, für das er mehr als 30 Jahre leidenschaftlich mit Herz und Seele gekämpft hat?", schrieben die Witwe Carola Möllemann-Appelhoff und die drei Töchter Maike, Esther und Anja wörtlich.

Die Worte richten sich nach den Worten eines Möllemann-Vertrauten an die FDP-Führung. "Das geht in Richtung Bundes- und Landesspitze der FDP", sagte der Vorsitzende des FDP-Bezirksverbandes Münsterland, Heinz-Wilhelm Steinmeier. Gemeint seien unter anderem Guido Westerwelle und der neue NRW-FDP-Chef Andreas Pinkwart. "Wer unmittelbar vor dem Tod Möllemanns von 'diesem Kerl aus Münster' gesprochen hat, darf sich nicht wundern, wenn die Witwe so reagiert", sagte Steinmeier.

Carola Möllemann-Appelhoff ließ am Pfingstwochenende die Beileidsbriefe von Guido Westerwelle, FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt, Generalsekretärin Cornelia Pieper sowie des nordrhein-westfälischen FDP-Landesvorstandes ungeöffnet zurückgehen.

Todesanzeigen für Möllemann

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse kondolierte unterdessen der Witwe. In dem Schreiben betonte Thierse, die Kritik an Möllemann in den letzten Monaten dürfe "nicht darüber hinweg täuschen, dass er sich mit seiner jahrzehntelangen politischen Arbeit sehr viel Anerkennung erworben hat". Er fügte hinzu: "Der Deutsche Bundestag wird ein ehrendes Andenken an Jürgen W. Möllemann bewahren."

In mehreren Tageszeitungen in Nordrhein-Westfalen erschienen weitere Todesanzeigen für Möllemann. Die Anzeigen kamen von der Bundesregierung, der nordrhein-westfälischen FDP-Landtagsfraktion, dem Landesverband der Liberalen, dem FDP-Kreisverband Münster sowie der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, deren Präsident Möllemann lange Jahre war. "Die Freien Demokraten in Nordrhein-Westfalen werden Jürgen W. Möllemann ein ehrendes Andenken bewahren", hieß es in der von FDP-Landeschef Andreas Pinkwart gezeichneten Traueranzeige.

Möllemann wird am Freitag im engsten Familienkreis in Münster beigesetzt. Uwe Tönningsen, ein Freund der Familie, berichtete, vor der Beerdigung um 11 Uhr könne die Bevölkerung vor dem aufgebahrten Sarg Abschied von Möllemann nehmen.

Neue Erkenntnisse zur Absturzursache

Bei der Ermittlung der Ursache für Möllemanns Absturz ist die Staatsanwaltschaft Essen möglicherweise einen wesentlichen Schritt weiter gekommen. Nach Auskunft von Polizeisprecher Volker Ernst-Peper vom Dienstag wurde in der Nähe des Rollfeldes auf dem Flugplatz Loemühle bei Marl ein Trennkissen gefunden, das zu einer Fallschirmausrüstung gehört. Ob es sich um das bislang vermisste Trennkissen Möllemanns handele, könne allerdings noch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit gesagt werden.

Der Fundort des Trennkissens war nach den Worten des Polizeisprechers etwa 400 Meter vom Aufprallort Möllemanns entfernt. Dies sei jedoch nicht ungewöhnlich, da das Trennkissen nur etwa so groß sei wie eine Zigarettenschachtel und beim Fall entsprechend abgetrieben sein könnte. Das nur mit einem Klettverschluss an der Kleidung des Springers befestigte Trennkissen dient laut Ernst-Peper dazu, den Hauptfallschirm des Springers zu lösen, falls es Schwierigkeiten mit dem Fallschirm geben sollte. Der Hauptschirm war bereits am vergangenen Freitag rund 600 Meter vom Fundort der Leiche Möllemanns entdeckt worden.

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