Möllemanns Absturz "Die Frage Freitod oder Unglück bleibt offen"

Es scheint, als würde Jürgen Möllemanns Tod ein ewiges Rätsel bleiben. Eine Manipulation durch Fremdeinwirkung sei ausgeschlossen, erklärte die Staatsanwaltschaft zum Abschluss ihrer Ermittlungen. Doch ob es Selbstmord oder ein Unglück war, konnte sie nicht beantworten.




Auch intensive Spurensuchen am Ort des Geschehens brachte kaum Aufschluss
AP

Auch intensive Spurensuchen am Ort des Geschehens brachte kaum Aufschluss

Recklinghausen - Zumindest zwei Erkenntnisse stehen fest: Möllemann löste den Hauptschirm in 1000 Meter Höhe selbst. Auch das Sicherheitssystem, das den Reserveschirm spätestens in 225 Meter automatisch öffnet, sei nicht eingeschaltet gewesen, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Reinicke nach Abschluss der Ermittlungen.

Laut einem Gutachten der Bundesgrenzschutzeinheit GSG 9 sei das gesamte Fallschirmsystem intakt gewesen, berichtete Reinicke. Es gebe auch keinerlei Hinweise auf eine Manipulation durch Dritte.

"Dennoch ist laut Gutachter ein Unglück nicht vollständig auszuschließen", sagte der Vertreter der Essener Staatsanwaltschaft. So habe Möllemann möglicherweise das Einschalten des Sicherheitssystems vergessen, weil er in Gedanken zu sehr mit den laufenden Durchsuchungen der Staatsanwaltschaft in seinen Büro und Privaträumen beschäftigt war.

Es sei aber auch möglich, dass der Politiker den Hauptschirm gelöst habe, weil er in Luftturbulenzen geraten sei. Anschließend sei er möglicherweise in eine Art Starre verfallen. Nach den Zeugenaussagen und dem Ergebnis der Obduktion hatte Möllemann die stabile Freifallerposition eingenommen und bis zum Aufschlag beibehalten.

"Der Sachverständige hat sich nicht dazu äußern wollen, wie wahrscheinlich ein solcher Unglücksfall ist", sagte Reinicke.

Möglichweise bleibt die Ursache für immer ungeklärt

Nur ein Abschiedsbrief könnte Aufklärung bringen
DDP

Nur ein Abschiedsbrief könnte Aufklärung bringen

Laut Polizei hatte Möllemann vor dem Absturz gegenüber Freunden und Bekannten in keiner Weise eine Selbstmordabsicht erkennen lassen. Einige Zeugen hätten im Gegenteil berichtet, dass der Politiker in sehr guter Verfassung gewesen sei. Reinicke: "Wenn sich nicht noch ein Abschiedsbrief findet, bleibt die Frage Unfall oder Freitod offen für immer."

Möllemann war am 5. Juni bei einem Fallschirmsprung aus 4000 Metern ums Leben gekommen. Unmittelbar vor dem Sprung hatten die Staatsanwaltschaften in Münster und Düsseldorf im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Möllemann wegen Steuerhinterziehung, Verstoß gegen das Parteiengesetz, Betrug und Untreue mit einer Großrazzia begonnen.

Durchsucht wurden insgesamt 25 Büro- und Wohnräume, aber auch Geldinstitute an 13 Orten im Bundesgebiet sowie in Luxemburg, Spanien und Lichtenstein. Schnell war nach dem Tod des Politikers der Verdacht aufgekommen, dass es sich um Selbstmord handelt.

Der ehemalige Vizekanzler hatte die FDP im März nach monatelangem Streit verlassen und den Schritt damals mit einer "Hetz-und Treibjagd" der Parteiführung begründet. Parteichef Guido Westerwelle hatte Möllemann wegen dessen israel-kritischen Flugblatts für die Niederlage der Liberalen bei der Bundestagswahl im September 2002 verantwortlich gemacht.

Zudem hatte die Parteiführung auch im Zusammenhang mit der Finanzierung des Flugblatts und Unregelmäßigkeiten in Rechenschaftsberichten der FDP in Nordrhein-Westfalen Vorwürfe erhoben, die zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft führten. Der Streit hatte die Liberalen an den Rand der Spaltung getrieben.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.