Möllemanns Todessprung Das Rätsel um den Reserveschirm

Bestürzung, Ungläubigkeit und viele Fragen nach dem Tod von Jürgen W. Möllemann. Ist der FDP-Politiker freiwillig von seinem Flugzeug aus in den Tod gesprungen? Die Automatik, die den Ersatzfallschirm öffnet, war offenbar ausgeschaltet. Die Staatsanwaltschaft schließt einen Selbstmord nicht aus, ein Abschiedsbrief wurde nicht gefunden.

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Tot: Jürgen Möllemann
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Tot: Jürgen Möllemann

Münster - "Ich weiß, dass manche es gerne sähen, wenn sich mein Fallschirm einmal nicht öffnen würde", hatte Möllemann erst vor wenigen Monaten scherzhaft gesagt. Damals kämpfte der ehemalige FDP-Spitzenpolitiker gegen seinen drohenden Ausschluss aus der FDP. Dass er dabei die Ursache seines Todes vorweggenommen hat, hat keiner geahnt - außer vielleicht er selbst. Denn ob der tödliche Fallschirmsprung ein Unfall, Fremdverschulden oder Selbstmord war, steht noch nicht fest.

Er soll sehr einsilbig gewesen sein, als er am Vormittag zusammen mit neun weiteren Fallschirmspringern in sein kleines Propellerflugzeug der Marke Pilatus Porter stieg, das von dem westfälischen Flughafen Marl-Loemühle aus startete. In rund 4000 Metern Höhe verließen die Springer das Flugzeug. Möllemann sprang als letzter - er wollte sich nicht an den Formationssprüngen beteiligen, sondern sprang einzeln aus dem Propellerflugzeug.

Zunächst öffnete sich sein Schirm völlig normal, wie Thomas Vilter, der Chef des Marler Fallschirmclubs bestätigte. Vilter war nur Minuten vor Möllemann gesprungen. Man habe ihn vom Boden aus gut erkennen können, denn sein Fallschirm trug groß seine Initialen J.W.M.. In rund 1500 Metern Höhe habe Möllemann seinen Schirm erst normal aufgemacht, ihn dann aber abgelöst, so die Beobachtung von Vilter. "Eine Störung war von hier aus, vom Boden aus, nicht zu erkennen." Sekunden später, um 12.38 Uhr, prallte Möllemann auf einem Feld neben dem Flugplatz auf und war sofort tot.

Keine Störung am Fallschirm zu erkennen

Warum sich der Reserveschirm nicht geöffnet hat, ist unklar. Im Notfall steht er zur Verfügung, wenn es Probleme mit dem Hauptschirm gibt. "Der Reserveschirm wird nicht vom Springer selbst gepackt, sondern von einem Experten", erklärte dazu Manfred Schallück, der Ausbilder des Fallschirmsportclubs Münster. Möllemann war hier Mitglied.

Absturzstelle: Die Polizei hat das Flugfeld abgesperrt, auf dem Möllemanns Leiche liegt
DDP

Absturzstelle: Die Polizei hat das Flugfeld abgesperrt, auf dem Möllemanns Leiche liegt

Vor allem aber, so Schallück gegenüber SPIEGEL ONLINE, gebe es einen so genannten Höhenzeitauslöser: Einen kleinen Rechner, der den Reserveschirm automatisch auslöst. Denn nicht immer kann der Fallschirmspringer den rettenden Schirm im Notfall noch selbst ziehen. Bei Geschwindigkeiten bis zu 200 km/h im freien Fall kann es etwa zu Bewusstlosigkeit kommen.

Deshalb verwenden professionelle Springer fast immer einen Höhenzeitauslöser. Auch Möllemann, der mit 650 bis 700 Sprüngen in seinem Club als erfahrener Springer galt, soll einen solchen Auslöser an seinem Schirm gehabt haben. Einziges Problem bei den Geräten: Sie müssen angeschaltet sein. Augenzeugen berichten, das Instrument an Möllemanns Schirm sei angeschaltet gewesen. Ob er es unmittelbar vor seinem Sprung ausgeschaltet hat, werden die Untersuchungen der nächsten Tage zeigen.

Fast zeitgleich zum tödlichen Sprung von Möllemann hat der Bundestag am Donnerstag dessen Immunität als Abgeordneter aufgehoben. Beamte der Staatsanwaltschaft und der Steuerfahndung hatten am Morgen bei einer internationalen Razzia Büros und Wohnräume Möllemanns durchsucht. Insgesamt seien 25 Objekte in vier Ländern aufgesucht worden. Büros im Düsseldorfer Landtag, Möllemanns Bundestagsbüro, Firmenräume in Düsseldorf und Liechtenstein sowie Bankhäuser in Luxemburg wurden durchsucht. Auch Möllemanns Ferienhaus auf Gran Canaria war Ziel der Razzia.

Dass es sich deshalb um eine Kurzschlussentscheidung des Politikers gehandelt hat, ist trotzdem nicht wahrscheinlich. Der Dienst habende Platzwart des Flughafens sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, Möllemann habe sich schon am Mittwochmorgen für den Flug angemeldet.

Trauerflor auf Möllemanns Stuhl im Bundestag
REUTERS

Trauerflor auf Möllemanns Stuhl im Bundestag

Über die näheren Umstände konnte die Staatsanwaltschaft Essen am Nachmittag noch nichts Genaues sagen. Die bisherigen Erkenntnisse ließen keinen Schluss auf die Ursache von Möllemanns Tod zu, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Reinicke. Nach "nicht ganz gesicherten" Erkenntnissen habe sich der Hauptschirm zunächst ganz normal geöffnet, sich dann aber von Möllemann gelöst.

Der Politiker sei in den freien Absturz geraten und habe es "nicht mehr geschafft, den Reserveschirm zu öffnen", so Reinicke, "wir ermitteln in alle Richtungen. In Frage komme ein Unglück, ein Freitod oder ein Fremdverschulden wie etwa eine Manipulation an Möllemanns Fallschirm. "Von einem Abschiedsbrief ist mir nichts bekannt", sagte Reinicke. Außer den bisherigen Erkenntnissen gebe es nichts, was auf einen Selbstmord hindeute.

Freund bezweifelt Freitod-Theorie

Ermittler der Polizei an der Absturzstelle
AP

Ermittler der Polizei an der Absturzstelle

Ein enger Freund Möllemanns bezweifelte die Selbstmord-Theorie. Gegenüber dem SPIEGEL verwies er nach Rücksprache mit der Familie Möllemann auf das Fehlen eines Abschiedsbriefes. "So, wie er gestrickt war, hätte er das getan", sagte Uwe Tönningsen, Inhaber der einst von Möllemann mitbegründeten Firma Agentur "PR + Text" in Münster.

Tönningsen glaubt nicht an einen Freitod, denn: "Das ist keiner, der sich aus dem Leben stiehlt." Im gleichen Atemzug jedoch räumte er ein, dass die politischen Turbulenzen der letzten Monate Möllemann schwer zugesetzt hatten: "Er war nicht mehr der Alte." Tönningsen hatte als ehemaliger FDP-Kreisvorsitzender Möllemann einst zu den Liberalen geholt. Seine Agentur hatte den umstrittenen Möllemann-Flyer zur Bundestagswahl gestaltet.

Möllemann, der auch im Aufsichtsrat des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 war, war in zweiter Ehe mit Carola Appelhoff verheiratet. Möllemann hinterlässt drei Kinder: aus erster Ehe Tochter Anja (geb. 1966), aus zweiter Ehe die Töchter Maike (geb. 1978) und Esther (geb. 1980).



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