Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Möllemanns Todessprung: Zeugen erhärten Selbstmordtheorie

Bestürzung nach dem Tod von Jürgen W. Möllemann. Augenzeugen berichten, dass er vermutlich freiwillig in den Tod gesprungen sei. Auch die Staatsanwaltschaft schließt einen Selbstmord nicht aus. Am Vormittag hatten Justizbeamte in einer generalstabsmäßig geplanten Razzia mehrere Wohnungen und Büros des früheren FDP-Politikers durchsucht.

Tot: Jürgen Möllemann
AP

Tot: Jürgen Möllemann

Münster - Möllemann, 57, sei gegen 12.50 Uhr bei einem Fallschirmsprung ums Leben gekommen, teilte die Polizei Recklinghausen mit. Möllemann habe sich vermutlich in den Tod gestürzt, mutmaßte die Staatsanwaltschaft, die sich auf Polizeikreise berief.

Das Unglück habe sich auf einem Feld etwa 200 bis 300 Meter nördlich des Flughafens in Marl-Loemühle ereignet, sagte ein Sprecher der Flugverwaltung Marl. Der Politiker sei am Vormittag mit neun Kameraden ins Flugzeug gestiegen, berichtete eine Behördensprecherin. Nach dem Absprung aus 4000 Meter Höhe habe sich Möllemanns Fallschirm nicht geöffnet. Die Maschine, aus der Möllemann gesprungen sei, war ein in Münster stationiertes Propellerflugzeug.

Ein ntv-Reporter berichtete, dass einer der Fallschirmspringer, die mit Möllemann an Bord gegangen waren, zum Hergang erzählte, dass der Politiker als Achter einer zehnköpfigen Gruppe absprang und ganz normal den Hauptschirm öffnete. Bei etwa 1600 Meter Höhe habe er den Schirm offenbar ausgeklinkt, aber den Reserveschirm nicht geöffnet, so dass er im freien Fall abstürzte. Üblicherweise verfügen die Schirme erfahrener Springer über einen so genannten Höhenzeitauslöser, der den Reserveschirm automatisch öffnet. Auch Möllemann soll an seinem Fallschirm einen solchen Auslöser gehabt haben. Diese müssen aber extra angeschaltet werden. Ein Springer kann im freien Fall ein Tempo von rund 200 km/h erreichen.

Nach Zeugenaussagen war Möllemann schon den Vormittag über ziemlich einsilbig gewesen. Weiter hieß es, der tödliche Sprung habe etwa eine Viertelstunde nach Aufhebung der Immunität des Abgeordneten im Bundestag stattgefunden, die endgültig um 12.15 Uhr beschlossen wurde. Möllemann war seit seinem Ausscheiden aus der FDP fraktionslos. Der Dienst habende Platzwart des Flughafens sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, Möllemann habe sich schon am Mittwochmorgen für den Flug angemeldet.

Beamte der Staatsanwaltschaft und der Steuerfahndung hatten bei einer internationalen Razzia Büros und Wohnräume Möllemanns durchsucht. Insgesamt seien 25 Objekte in vier Ländern aufgesucht worden. Auch Büros im Düsseldorfer Landtag, Möllemanns Bundestagsbüro, Firmenräume in Düsseldorf und Liechtenstein sowie Bankhäuser in Luxemburg wurden durchsucht. Auch Möllemanns Ferienhaus auf Gran Canaria wurde Ziel der Razzia.

Ermittler der Polizei an der Absturzstelle
AP

Ermittler der Polizei an der Absturzstelle

Die Aktion der Staatsanwälte war generalstabsmäßig geplant. Eigens für die anberaumte Razzia hatten sie nach Informationen von SPIEGEL ONLINE am Donnerstag um die Verlegung der Immunitätsausschusssitzung im Deutschen Bundestag gebeten, der statt um 16 Uhr heute Morgen um 11.15 Uhr zusammenkam. Gleichzeitig wurde der Landtag in Düsseldorf informiert, in dem Möllemann ebenfalls Abgeordneter war.

In Berlin trug der Berichterstatter des Ausschusses die gesammelten Vorwürfe gegen den ehemaligen Bundesminister vor. Seit dem vergangenen Freitag bereits lag dem Ausschusssekretär ein dicker Ordner vor, in dem die Vorwürfe zusammen mit allen Durchsuchungsbeschlüssen auf mehr als hundert Seiten zusammengefasst waren. Gegen 11.40 Uhr entschieden die Abgeordneten aller Parteien einstimmig für die Aufhebung der Immunität und genehmigten die Durchsuchungen. Wenig später wurde die Vorlage mit der Kennnummer 15/1135 im Plenum bestätigt. Namentlich wurde Möllemann jedoch vom Leiter der Sitzung nicht genannt - sein Name stand nur auf dem Papier, das den Parlamentariern als Vorlage ausgeteilt wurde.

Zu dieser Zeit standen in Münster, Düsseldorf, Liechtenstein, Luxemburg und Spanien jedoch schon mehr als hundert Beamte bereit. Als kurz gegen 12.15 Uhr das grüne Licht aus Berlin kam, begannen sie zeitgleich mit den Durchsuchungen.

Überrascht haben dürfte Möllemann die Aktion am Donnerstag nicht. Schon am Mittwochabend kursierten in Düsseldorf Gerüchte, dass Wohn- und Büroräume des Politikers durchsucht werden sollten. Insider vermuten, dass Möllemann diese Gerüchte kannte und sich der Lage bewusst war. Seit Wochen stand unter Beobachtern des Verfahrens fest, dass es zu einer Durchsuchung kommen würde. Unbekannt war nur das konkrete Datum, da die Fahnder zeitgleich zuschlagen wollten. Seit dem Tag, als die Akten im Bundestag ankamen, gab es aber reichlich Möglichkeiten für Indiskretionen. Wohl auch deshalb hatte der WDR am Donnerstag seit dem frühen Morgen in Münster vor Möllemanns Haus bereits ein Kamerateam postiert.

In den Akten für den Immunitätsausschuss hatten die Staatsanwälte aus Düsseldorf en detail die teils bekannten Vorwürfe aufgelistet. Einerseits geht es dabei um die nach dem Parteiengesetz illegale Finanzierung des sogenannten "Klartext-Flyers", den Möllemann kurz vor der Bundestagswahl in NRW per Postwurfsendung verteilen hatte lassen. Darin hatte der Politiker seine Kritik an dem stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Michel Friedmann, und an dem israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon entgegen der Absprachen mit der Parteileitung wiederholt.

Zur Finanzierung des etwa eine Million Euro teuren Projekts soll Möllemann Mitarbeiter aus der Landes-FDP überredet haben, Barbeträge unter falschem Namen an die Parteikasse zu überweisen. So sollte Möllemann als wahrer Spender verschleiert werden. Für die Staatsanwaltschaft ergeben sich aus diesem Verhalten eine ganze Reihe von Vorwürfen. Zum einen ermitteln sie wegen Verstoß gegen das Parteiengesetz. Wegen der Fälschung der Einzahlungsbelege kommt Urkundenfälschung hinzu.

Ebenfalls wird Möllemann des versuchten Betrugs zum Nachteil der Bundesrepublik verdächtigt, da auf jeden Spenden-Euro ein staatlicher Zuschuss gezahlt wird. Gegenüber der eigenen Partei soll er sich zudem der Untreue schuldig gemacht haben, da diese nach Aufdeckung der Spendenpraxis mit Sanktionen belegt wurde.

Neben diesen bekannten Vorwürfen haben die Fahnder zwei weitere Bereiche in die Akten für den Bundestag eingefügt. Zum einen verdächtigen sie Möllemann der weiteren Sammlung von illegalen Spenden in Höhe von rund einer Million Mark, die der Landes-FDP seit dem Jahr 1996 zugegangen sein sollen. Möllemann persönlich wird außerdem Steuerhinterziehung vorgeworfen, da die Ermittler in Luxemburg Konten mit mehreren Millionen Euro fanden und vermuten, dass die Zinseinkünfte dieses Vermögens nicht korrekt versteuert worden sind. Möllemann hatte stets angegeben, er habe dieses Geld nur treuhänderishc verwaltet. Die Staatsanwälte glauben dieser Aussage jedoch nicht.

Sein letzter TV-Auftritt: Möllemann (r.) am vergangenen Sonntag bei "Sabine Christiansen"
NDR/ TV 21/ Lars Reimann

Sein letzter TV-Auftritt: Möllemann (r.) am vergangenen Sonntag bei "Sabine Christiansen"

Entzündet hatte sich die "Affäre Möllemann" im April 2002 anlässlich des ehemaligen grünen NRW-Landtagsmitglieds Jamal Karsli, der im Streit aus seiner Partei aus- und am gleichen Tag in die Düsseldorfer FDP-Fraktion eingetreten war. Karsli hatte das israelische Vorgehen gegen die Palästinenser mit "Nazi-Methoden" verglichen und erklärt, in Deutschland verhindere der "Einfluss der zionistischen Lobby" jegliche Kritik an Israel.

Möllemann verteidigte Karsli und bezichtigte in einem ZDF-Interview den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, durch seine "intolerante und gehässige Art" mit verantwortlich für den Antisemitismus in Deutschland zu sein.

Nach dem enttäuschenden Abschneiden (6,2 Prozent) der Liberalen bei der Bundestagswahl vom 22. Sept. 2002 wurde Möllemann, Erfinder des "Projekts 18", wegen der Flugblattaktion auch aus den Reihen der eigenen Partei heftig kritisiert und mit für das schlechte Wahlergebnis verantwortlich gemacht. Auf Druck der Parteiführung musste er im September 2002 den stellvertretenden Vorsitz der Bundes-FDP niederlegen und nach Bekanntwerden der illegalen Parteispenden an die NRW-FDP sowie der Existenz einer schwarzen Kasse auch vom Landesvorsitz zurücktreten.

Möllemanns Leidenschaft: Das Fallschirmspringen
AP

Möllemanns Leidenschaft: Das Fallschirmspringen

Möllemann kam seinem Ausschluss aus der Partei und der Fraktion der FDP zuvor, indem er selbst austrat. Er blieb als Fraktionsloser Mitglied in Bundestag und nordrhein-westfälischem Landtag. Bis zuletzt hatte Möllemann, der unter Kanzler Helmut Kohl Bundeswirtschaftsminister war, mit der Gründung einer eigenen Partei geliebäugelt.

Möllemann, der auch im Aufsichtsrat des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 war, war in zweiter Ehe mit Carola Appelhoff verheiratet. Möllemann hinterlässt drei Kinder: aus erster Ehe Tochter Anja (geb. 1966), aus zweiter Ehe die Töchter Maike (geb. 1978) und Esther (geb. 1980).

Auf Möllemanns Homepage im Internet wurde die Meldung vom Tod des Politikers am Donnerstagmittag in einer Tickerzeile eingeblendet. Darin hieß es: "Jürgen W. Möllemann ist bei einem Fallschirmabsprung ums Leben gekommen. Wir haben diese Nachricht mit größter Bestürzung aufgenommen. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie." In einem älteren Text unter dem Ticker stellt Möllemann noch die Gründung einer eigenen Partei in Aussicht, die Entscheidung darüber sollte im Sommer fallen.

Entsetzen in Münster

In seiner Heimatstadt Münster löste die Nachricht vom Tod Möllemanns Entsetzen aus. "Ich bin sprachlos. Das ist einfach unglaublich, wie verzweifelt muss ein Mann sein, um solch einen Schritt zu gehen", sagte die Lehrerin Beate Blackert. "Zu Herrn Möllemann hatte ich nicht den besten Draht. Die FDP war einfach nicht meine Partei. Aber dass er auf diese Art und Weise ums Leben kommt, das ist schrecklich", sagte Matthias Albert.

Nach dem Tod Möllemanns wurden die vier Fahnen über dem Bundestag in Berlin und im gesamten Regierungsviertel auf halbmast gesetzt. Die Trauerbeflaggung wurde nach Angaben des Bundestags von Parlamentspräsident Wolfgang Thierse (SPD) unmittelbar nach Bekanntwerden der Todesnachricht angeordnet. Beim Tod eines Bundestagsabgeordneten wird grundsätzlich halbmast geflaggt.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: