Monika Hohlmeier Fürstentochter in der Schlangengrube

Am Sonntag wählt Bayern - die CSU. Daran besteht im Freistaat kein Zweifel. Und doch tourt Wahlkämpferin Monika Hohlmeier durchs Land, als stünde ihre Zukunft auf dem Spiel. Tut sie auch, meint so mancher in der Partei und an den Stammtischen: Denn in fünf Jahren, so heißt es, will die Strauß-Tochter Edmund Stoiber beerben.

Von Dominik Baur, Regensburg


Der Landesvater und seine Ministerin: Edmund Stoiber mit Monika Hohlmeier
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Der Landesvater und seine Ministerin: Edmund Stoiber mit Monika Hohlmeier

Regensburg, ein Bierzelt auf der Herbstdult. Unter dem künstlichen weiß-blauen Himmel intoniert die Blaskapelle Keilberg den Defiliermarsch, traditionell die Erkennungsmelodie des Ministerpräsidenten. Doch Edmund Stoiber ist weit und breit nicht zu sehen. Die Ehre des Marsches wird einer anderen zuteil: Kultusministerin Monika Hohlmeier hält Einzug ins Zelt.

Monika Hohlmeier ist nicht irgendeine Ministerin. "Sie ist eine absolute Spitzenpolitikerin", schwärmt ihr Büroleiter, die einzige, die außer Stoiber und allenfalls Innenminister Günther Beckstein Bierzelte füllen könne. In der Tat: Hohlmeier ist ein Profi - und sie kommt an bei den Menschen. Egal ob im Bierzelt oder zwei Stunden später in der Wirtsstube im nahe gelegenen Donaustauf, ihre Zuhörer verehren sie. Mit seligem Lachen schütteln sie ihr die Hand. Bei Leuten wie ihr fühlen sie sich gut aufgehoben, sagen sie in der bayerischen Provinz.

Ein bisschen dürfte es auch der Glanz eines anderen sein, von dem da etwas auf sie abfällt. Monika Hohlmeier ist Kultusministerin, sie ist gelernte Hotelfachfrau, sie ist Mutter zweier Kinder, sie ist CSU-Chefin in München, vor allem aber ist und bleibt sie eines: die Tochter des unvergessenen Franz Josef Strauß, des einstigen Landesfürsten, dem die Bayern noch heute nachtrauern wie weiland dem König.

Wenn Hohlmeier ihre Bierzeltrede hält, glaubt man, eine Oppositionspolitikerin vor sich zu haben. Auf die Regierenden da oben wird geschimpft, die viel zu viele Schulden machten und eine Kommission nach der anderen einberiefen. "Hartz - das war die größte Zirkusnummer, die ich je erlebt habe", ruft sie ins Bierzelt. Gemeint ist mit den Vorwürfen freilich die Bundesregierung. Das Kabinett, dem sie selbst angehört und das am Sonntag zur Wahl steht, kommt in ihren Reden kaum vor. "Derzeit überlagern die Probleme im Bund die Landespolitik", erklärt sie. Im Freistaat laufe ja dank der CSU sowieso alles gut. Kein Wort von Kirch-Desaster, LWS-Affäre und der auch im Hightech-Land Bayern lahmenden Konjunktur. Außerdem ist Schimpfen ja auch viel schöner.

Ist das nicht genau sein Tonfall?

Und schimpfen kann sie, vielleicht nicht mit der rhetorischen Brillanz ihres Vaters, doch immerhin im augenfälligen Unterschied zum bayerischen Durchschnitts-CSUler, der sich auf bierselige Parolen beschränkt - so wie der Landtagsabgeordnete, der sie in seinem Stimmkreis willkommen heißt und betont, wie froh er doch darüber sei, dass in Bayern die Uhren anders gingen.

Prinzessinnen unter sich: Bayerns mögliche Kronprinzessin mit Lady Di
DPA

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Natürlich kommen sie immer wieder, die Vergleiche mit Franz-Josef-Gott-hab-ihn-selig. Jeder, der Monika Hohlmeier, geborene Strauß, beobachtet, fragt sich: Schimmert da nicht doch der Vater durch? Sind das nicht seine Gesichtszüge, wenn die Ministerin grantig wird? Wippt sie beim Reden nicht genauso wie der Vater? Dann dieses Hochziehen der Schultern. Und ist das nicht genau sein Tonfall? Irgendwelche Ähnlichkeiten gibt es immer zu erkennen. Die tiefe Stimme tut das ihre.

Mit ihren 41 Jahren hat Monika Hohlmeier bereits eine beachtliche Karriere hinter sich: 1990, zwei Jahre nach dem Tod von Franz Josef Strauß, betritt Hohlmeier die politische Bühne. Erst lässt sie sich in den Gemeinderat im Münchner Vorort Vaterstetten wählen, noch im gleichen Jahr zieht sie in den Landtag ein. 1993 holt sie der frisch gewählte Ministerpräsident Edmund Stoiber als Staatssekretärin ins Kultusministerium, nach der Wahl 1998 übernimmt sie als Ministerin die eine Hälfte des nun geteilten Ministeriums.

Die Kultusministerin ist mit ihrer Bilanz zufrieden: Waren doch die Bayern die Musterschüler der Pisa-Studie. Und noch einen Rekord nennt Hohlmeier immer wieder gern: 5500 neue Lehrer werde das Land einstellen - 3000 mehr als vor der letzten Wahl versprochen. Dass freilich die bayerischen Schüler nur die Einäugigen unter den Blinden waren und 3800 der neuen Lehrer nur die freigewordenen Stellen von Ruheständlern übernehmen, solche Kleinigkeiten fallen nicht ins Gewicht. Kritik muss sich die Ministerin auch immer wieder anhören, weil sie ihre eigenen Kinder nicht dem staatlichen Schulsystem anvertraut, sondern auf eine Waldorfschule schickt.

Die einzige, die den SPD-Spitzenkandidaten fürchten muss

Seit Monaten absolviert Hohlmeier vier bis fünf Wahlkampfauftritte am Tag - und das bei einem Wahlkampf in Bayern, wo ein Sieg ihrer Partei mit der Selbstverständlichkeit wie ein Naturgesetz hingenommen wird. "Mir macht der Wahlkampf Spaß", sagt sie und gibt schnell noch ein Autogramm. "Ich habe auch eine gute Kondition."

Ganz der Alte? Monika Hohlmeier mit Vater und Ehemann
AP

Ganz der Alte? Monika Hohlmeier mit Vater und Ehemann

In ihrem eigenen Stimmkreis ist sie dagegen eher selten unterwegs. Trotz allem Einsatz ist die Chance, hier ein Direktmandat zu erringen, sehr gering. Denn Monika Hohlmeier ist die einzige in der CSU, die Franz Maget, den Spitzenkandidaten der SPD fürchten muss. Landesweit hat der seine Partei in Rekordtiefen geführt, aber in seinem Stimmkreis im Münchner Norden ist Maget sehr beliebt. Und ausgerechnet hier kandidiert Hohlmeier. Zwei Mal schon hat sie in dem von Industrie und Gewerbe geprägten Kreis gegen den Genossen verloren. Doch die Kandidatin nimmt's mit gelassener Souveränität. "Ich hab' das Oggersheim von Bayern", sagt sie in Anspielung auf Helmut Kohl, der nur ein einziges Mal seinen Wahlkreis in Ludwigshafen erobern konnte.

Vielleicht geht es der ehrgeizigen Politikerin mit ihrem wahlkämpferischen Großeinsatz aber auch um etwas ganz anderes. Im Gasthaus Burgfrieden in Donaustauf ist man sich einig: "Das hier ist unsere nächste Ministerpräsidenten." Und so abwegig scheint das gar nicht zu sein. Schon gibt es in der Partei Gerüchte, für die Ministerin werde es nach der Wahl einen neuen Posten geben - etwa den des Generalsekretärs oder des Fraktionsvorsitzenden. So könne sie sich in ein weiteres Themengebiet einarbeiten und sich auf das höchste Amt im Freistaat vorbereiten.

Hohlmeier selbst lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt auf keinerlei Spekulationen ein. "Da, wo ich hingestellt werde, da arbeite ich", sagt sie. Natürlich freue sie sich aber über den Zuspruch der Leute, der ein Ansporn für sie sei.

Mit 46 Jahren könnte sie jedoch in fünf Jahren tatsächlich die einzige aus der CSU-Prominenz sein, die im richtigen Alter ist. Andere CSU-Größen, deren Namen gern als mögliche Stoiber-Nachfolger gehandelt werden, wie Erwin Huber, 57, Horst Seehofer, 54, Günther Beckstein, 59, und Thomas Goppel, 56, haben da womöglich das Nachsehen.

Bewährungsprobe Intrigantenstadl

Einmal war Monika Hohlmeier bereits Landesmutter. In diese Rolle musste sie als 22-Jährige schlüpfen, nachdem Marianne Strauß bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Damals übernahm sie die Pflichten ihrer Mutter als Schirmherrin von sozialen Stiftungen und Organisationen. Repräsentieren kann sie also und ist außerdem "voll Dirndl-kompatibel" ("Süddeutsche Zeitung").

Doch ihre eigentliche Bewährungsprobe steht Monika Hohlmeier in den kommenden Jahren erst noch bevor: Gedrängt von Edmund Stoiber hat sie sich zur Bezirksvorsitzenden der Münchner CSU wählen lassen. Das Amt dürfte so ziemlich das undankbarste sein, das die CSU zu vergeben hat. Denn der Bezirk, den die Strauß-Tochter vor zwei Monaten übernommen hat, gilt wahlweise als "Intrigantenstadl" oder "Schlangengrube".

Fünf OB-Kandidaten hat die CSU vor der letzten Wahl verschlissen, die Affären reißen nicht ab. Auch Hohlmeiers Bruder Max Strauß war gern mit von der Partie, wenn die Münchner CSU mal wieder Negativschlagzeilen produzierte. Jüngster Skandal: Parteiinterne Wahlen sollten offenbar mit gekauften Neumitgliedern entschieden werden. Hohlmeier will nun den Münchner Saustall ausmisten. Doch so ganz nehmen ihr das ihre Gegner nicht ab. Sie sei doch selbst "Teil des Systems", schimpft der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD).

Und auch in den eigenen Reihen reagierte man irritiert, als Hohlmeier ausgerechnet den Strauß'schen Familienanwalt Hermann Mayer mit der Untersuchung der Münchner Missstände beauftragte. "Unfug", sagt Hohlmeier. Der Anwalt kenne sich einfach gut aus in der Partei. Und außerdem werde eine Untersuchungskommission aus drei Richtern dafür Sorge tragen, dass alles seinen rechten Weg gehe.

Angst, dass sie selbst in dem verkommenen Bezirk verschlissen werden könnte, hat die ehrgeizige neue Chefin keine. "Spannend ist das", erzählt sie. "Gut, ich mag vielleicht Herausforderungen ganz gern. Und das ist eine Riesenherausforderung."

Eines jedoch hat Hohlmeier schon klar gestellt: Auf keinen Fall will sie in fünf Jahren selbst gegen den überaus beliebten Ude kandidieren. Das wäre zwar auch eine Herausforderung, aber kaum eine, die sie gewinnen kann. Und außerdem, so betont Hohlmeier immer wieder, sieht sie ihre Zukunft in der Landespolitik - da, wo man den Defiliermarsch bläst.



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