Moralapostel Christian Wulff Die schönsten Zeigefinger

Seine fragwürdige Nähe zu Superreichen und Managern belastet ihn, doch noch hält Bundespräsident Wulff der Kritik stand. Er selbst war nie zimperlich, wenn politische Gegner wegen ähnlicher Vorwürfe in Not gerieten. Das zeigt ein Rückblick auf seine feurigsten moralischen Appelle.

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Bundespräsident Wulff: "Ich leide physisch darunter"
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Bundespräsident Wulff: "Ich leide physisch darunter"


Berlin - Bundespräsident Christian Wulff hat einen Privatkredit von einem Unternehmer-Freund bekommen und dadurch viel Geld gespart. Als Ministerpräsident urlaubte er für lau bei reichen Manager-Amigos. Der Multimillionär Carsten Maschmeyer zahlte sogar die Anzeigen für Wulffs Buch "Besser die Wahrheit".

Seit Tagen steht der erste Mann im Staat deshalb in der Kritik. Aber Wulff ist sich offenbar sicher: So schlimm ist das alles gar nicht. Er könne verantworten, was er getan habe, erklärte er. Und versprach Aufklärung.

Wenn es um ähnliche Verfehlungen anderer Politiker ging, war Wulff aber früher alles andere als zurückhaltend.

Eine Auswahl der Ansagen des Moralapostels Christian Wulff:

Zur Hochzeitsfeier von Gerhard Glogowski

Mit Eifer dabei war Wulff, als 1999 der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Glogowski (SPD) in Schwierigkeiten steckte, weil auf seiner Hochzeitsfeier lokale Brauereien kostenlos Getränke ausschenkten und weil er die Rechnung über eine TUI-Reise nach Ägypten erst verspätet beglich - der Vorwurf stand im Raum, dass Glogowski die Reise zunächst gar nicht selbst bezahlen wollte.

Die Vorwürfe seien von "erheblicher Tragweite", erklärte Wulff damals. "Die persönliche Vorteilsnahme in Form einer offenbar durch ein niedersächsisches Unternehmen finanzierten privaten Urlaubsreise wäre mit dem Amt des Ministerpräsidenten nicht vereinbar. Herr Glogowski verliert seine Unabhängigkeit und damit seine politische Handlungsfähigkeit", wetterte Wulff. Durch die Zuwendungen privater Firmen zur Hochzeitsfeier Glogowskis sei der "Schein von Abhängigkeit und der Eindruck entstanden, der Ministerpräsident sei ein Werbeträger", kritisierte der damalige niedersächsische CDU-Chef. Er sprach von einer "Verflechtung und Verfilzung", die dringend aufgeklärt werden müsse. Glogowski trat wegen der Affäre schließlich zurück.

Zu Gerhard Schröders Engagement bei Gazprom

2006 wurde bekannt, dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) einen Posten bei dem russischen Konzern Gazprom annehmen würde und eine Bürgschaft der Bundesregierung mit Gazprom noch während Schröders Amtszeit abgeschlossen wurde. Unter den besonders Empörten war auch der damalige niedersächsische Ministerpräsident Wulff. "Alle Umstände, die dazu geführt haben, müssen restlos aufgeklärt werden." Mitgliedern der Bundesregierung müsse es untersagt sein, kurz nach Amtsende eine Tätigkeit bei einem Unternehmen aufzunehmen, mit dem sie während ihrer Amtszeit zu tun hatten.

Zu Schröders wirtschaftlichem Engagement sagte Wulff: "Es muss der Anschein vermieden werden, dass es Interessenkollisionen gibt."

Zu Ulla Schmidts Dienstwagen-Affäre

Vor zwei Jahren musste sich die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) wegen ihres Dienstwagengebrauchs an ihrem Ferienort rechtfertigen. Wulff brachte es damals auf die Formel: "Was privat ist, muss privat gezahlt werden."

Zu Privatflügen von Johannes Rau

Besonders gut einfühlen kann sich Wulff heute vermutlich in das, was sein Vorvorgänger, Bundespräsident Johannes Rau (SPD), im Jahr 2000 durchmachte. Damals aber war Wulff mit seinen Kommentaren alles andere als zimperlich. Rau musste sich Fragen gefallen lassen, ob in seiner Zeit als NRW-Ministerpräsident seine Privatflüge von der Landesbank WestLB bezahlt wurden.

Wulff forderte damals den Rücktritt des Staatsoberhaupts und wurde geradezu pathetisch: "Ich leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben", sagte er dem "Focus". Und an anderer Stelle ließ er wissen: "Es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann."

Zur Spende seines Freundes Carsten Maschmeyer an die SPD

Ausgerechnet sein heute enger Freund, der Multimillionär Carsten Maschmeyer, der auch die Anzeigenkampagne für das Wulff-Buch "Besser die Wahrheit" bezahlte und bei dem Wulff urlaubte, hatte Wulff vor elf Jahren das Leben schwer gemacht. Mit 650.000 Mark finanzierte Maschmeyer damals eine Zeitungswerbekampagne für Gerhard Schröder, die einen Tag vor den Landtagswahlen geschaltet wurde. Der Slogan: "Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein."

Maschmeyer hielt die Spende anonym. Und Wulff hielt am Tag nach seiner bitteren Niederlage gegen Schröder die Zeitungsanzeige in die Kameras und fragte anklägerisch: "Wer war das?"

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Seite 1
Mr. XXX 20.12.2011
1. xxx
Zitat von sysopSeine fragwürdige Nähe zu Superreichen und Managern belastet ihn, doch noch hält Bundespräsident Wulff der Kritik stand.*Er selbst war nie zimperlich, wenn politische Gegner wegen ähnlicher Vorwürfe in*Not gerieten. Das zeigt*ein Rückblick auf*seine feurigsten*moralischen*Appelle. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,804812,00.html
Sagen wir mal so: Noch hält Angela Merkel zu ihm.
allereber 20.12.2011
2. Scheinheilig
Als ehemaliger Messdiener weiß man wie man seine Scheinheiligkeit verbergen kann. Eine Beichte am Sonntag und schon kann man Montags wieder neu lügen.
plasmopompas 20.12.2011
3.
Zitat von sysopSeine fragwürdige Nähe zu Superreichen und Managern belastet ihn, doch noch hält Bundespräsident Wulff der Kritik stand.*Er selbst war nie zimperlich, wenn politische Gegner wegen ähnlicher Vorwürfe in*Not gerieten. Das zeigt*ein Rückblick auf*seine feurigsten*moralischen*Appelle. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,804812,00.html
Jaja, die größten Kritiker der Elche, waren früher selber welche.
Der_zu_spät_geborene 20.12.2011
4. Den Wulff....
....den alten Wemser, den können die von mir aus.... Aber der kann ja garnicht zurücktreten, der hat doch noch watt zurück am zahlen. Spass beiseite, der Typ ist ja sowas von Scheinheilig, dagegen ist der Guttenberg ja geradezu geradlinig, offen und wahrheitsverliebt. Die Konservativen im Land haben mal wieder ein weiteres Problem dazubekommen.
mauskeu 20.12.2011
5.
Zitat von sysopSeine fragwürdige Nähe zu Superreichen und Managern belastet ihn, doch noch hält Bundespräsident Wulff der Kritik stand.*Er selbst war nie zimperlich, wenn politische Gegner wegen ähnlicher Vorwürfe in*Not gerieten. Das zeigt*ein Rückblick auf*seine feurigsten*moralischen*Appelle. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,804812,00.html
Er wollte ein "moralisches" Beispiel sein für die Nation. Das ging ja nun völlig in die Hose. Es wundert mich wie jemand mit solch einem Anspruch, dennoch so wenig "Substanz" in der Sache hat. Das kann man dann doch als scheinheilig mit Fug und Recht bezeichnen.
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