Mordanschlag in Frankfurt: Spuren des Airport-Killers

Von , Karlsruhe

Arid U. hat zwei US-Soldaten in einem Bus auf dem Frankfurter Flughafen mit gezielten Kopfschüssen getötet. Ermittler schilderten jetzt, wie kaltblütig der 21-Jährige vorging: Vor der Tat sprach er eines seiner Opfer an und bat um eine Zigarette.

Tatort Bus der US-Armee: Anschlag eines kaltblütigen Killers Zur Großansicht
REUTERS

Tatort Bus der US-Armee: Anschlag eines kaltblütigen Killers

Karlsruhe - Der 21-jährige Arid U. ist bei seinem Anschlag auf eine Gruppe von US-Soldaten äußerst kaltblütig vorgegangen. Auf einer Pressekonferenz der Bundesanwaltschaft schilderten die Ermittler der Polizei am Freitag erstmals Details der Bluttat am Terminal 2 des Frankfurter Flughafens. Der islamistisch radikalisierte Attentäter zielte insgesamt acht Mal auf die Köpfe seiner Opfer. In einer ersten Vernehmung hatte der Mann die Tat als Vergeltungsaktion für die Gräueltaten der US-Armee im Krieg in Afghanistan begründet.

Der Ablauf der Tat lässt für die Ermittler keinen Zweifel, dass Arid U. so viele US-Soldaten wie möglich töten wollte: Zuerst habe er direkt am Terminal 2 vor dem blauen Bus der US-Armee einen einzelnen amerikanischen Soldaten angesprochen und ihn nach einer Zigarette gefragt. Als dieser in einem kurzen Gespräch bestätigte, dass die Gruppe auf dem Weg nach Afghanistan sei, sich umdrehte und in den Bus einsteigen wollte, schoss ihm Arid U. mit seiner Pistole zweimal direkt in den Hinterkopf. Der Soldat war sofort tot.

Dann setzte U. seine Jagd auf US-Soldaten fort: Er stürmte in den Bus und feuerte auf den Fahrer, den er ebenfalls mit zwei Kopfschüssen tötete. Dann ging er weiter durch den Innenraum des Fahrzeugs. Zwei Soldaten verletzte er mit gezielten Kopfschüssen schwer, einer von ihnen schwebt noch immer in Lebensgefahr. Als er einem weiteren Soldaten, ein 22-jähriger Amerikaner, die Waffe direkt vor den Kopf hielt, versagte sein Mordwerkzeug - eine Hülse hatte sich nach Angaben der Ermittler im Lauf verklemmt. Nur durch diesen Defekt kam es nicht zu weiteren Toten. Als der Attentäter flüchtete, nahm der Soldat die Verfolgung auf und stellte ihn wenige Meter später. Mehrere Polizisten kamen ihm zu Hilfe.

Wie sein Hass wuchs

Obwohl Arid U. radikalislamistisch motiviert war, dies auch eingestanden hat und über das Internet vielfache Kontakte zur Szene der Dschihadisten in Deutschland hatte, bezeichnen ihn die Ermittler weiter als Einzeltäter. Der Mordplan, so der leitende Bundesanwalt Rainer Griesbaum, sei "im Kopf des Täters" gereift. Es habe nach bisherigen Erkenntnissen keine Instrumentalisierung durch andere Islamisten vor der Tat gegeben. Deshalb ermitteln die Bundesanwälte bisher wegen vollendetem Mord und versuchtem Mord. Die diversen Terrorparagrafen kommen bisher nicht zur Anwendung.

Der Ermittler in Karlsruhe sprach von einer "persönlichen Genese" des Hasses auf die US-Armee. Der letzte Auslöser für die Tat soll dann ein YouTube-Video gewesen sein. Arid U. gab bei seiner Vernehmung an, er habe im Internet eine Aufnahme gesehen, auf dem angeblich die Erstürmung eines Hauses in Afghanistan durch US-Soldaten und die Vergewaltigung der Tochter der Familie zu sehen gewesen sein soll. Bisher wissen die Ermittler nicht, welches Video der junge Muslim, der in Deutschland aufwuchs, meint. Der Polizei ist ein solcher Film nicht bekannt.

Die Ermittler betonen, dass sie mit ihren Recherchen noch am Anfang stehen. Bisher stützen sie sich hauptsächlich auf eine dreistündige Aussage des mutmaßlichen Täters, die er direkt nach der Tat ohne anwaltliche Begleitung in Frankfurt ablegte. Vor dem Haftrichter in Karlsruhe machte er später, mittlerweile hatte er juristischen Beistand, keine Angaben mehr. Deswegen, so die Fahnder, sei es verfrüht, von einem "vollständigen Geständnis" zu sprechen. Viele Fragen seien noch offen.

Kaltblütig erschoss der Täter ein Opfer nach dem anderen

Die Kaltblütigkeit des Täters stellt die Ermittler vor Rätsel. U. selber gab an, er habe die Waffe der belgischen Firma "Fabrique National" vor einigen Monaten für rund 1000 Euro illegal gekauft. Doch obwohl er laut eigener Aussage nie mit der Pistole trainierte, sie gar noch nie vor der Tat ausprobiert haben will, agierte er so rücksichtslos wie ein erfahrener Mörder, der seine Opfer nacheinander erschießt. Bei der Polizei habe er dazu nichts ausgesagt, berichteten die Fahnder. Nach drei Stunden habe man die Befragung beendet, da Arid U. völlig erschöpft gewesen sei.

Die Ermittler wollen noch intensiver das Umfeld des Schützen ermitteln. Viele Fragen nach den Kontakten von Arid U. zu bekannten Islamisten beantworteten sie bei ihrer ersten Erklärung noch ausweichend. Demnach laufen die Auswertungen seines Computers und auch der Daten seiner Kontakte, zum Beispiel auf der Internetseite Facebook, derzeit auf Hochtouren. In den drei Wochen vor der Tat hatte der junge Muslim dort virtuelle Freundschaft mit rund 140 den Behörden teilweise bekannten Islamisten geschlossen. Ob er aber direkt Kontakt mit ihnen hatte, ist derzeit noch ungeklärt.

"Solche Taten sind nicht zu verhindern"

Der leitende Bundesanwalt Rainer Griesbaum jedenfalls gab sich noch vorsichtig mit Schlussfolgerungen. Ganz bewusst hatten die Ermittler nicht wie der hessische Innenminister schon am Donnerstag erste Erklärungen abgegeben. Griesbaum, ein erfahrener Terrorermittler, hielt dies für verfrüht, er wollte die Vorführung des Verdächtigen abwarten. Nun sagte er, der Schwerpunkt der Ermittlung sei durchaus noch "kritisch zu hinterfragen". Es gebe "noch viele Fragen" aus dem ersten Geständnis. Gut möglich also, dass seine Fahnder den Fall bald etwas anders bewerten.

Das Bundeskriminalamt bestätigte in Karlsruhe erstaunlich offen, wie wenig die Behörde trotz Personalaufstockung und Gesetzesänderungen gegen einen Tätertyp wie Arid U. ausrichten kann. "Solche Taten sind nicht zu verhindern", sagte der Kriminaldirektor Sven Kurenbach. Wenn sich ein Täter nicht vor einem Angriff in einschlägigen Zirkeln radikalisiere und sich sozusagen allein zu Hause für die Tat über das Internet aufhetze, könne keine Behörde im Vorfeld Verdacht schöpfen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 223 Beiträge
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1. ein Neonazi
jga 04.03.2011
tötet zwei Parteimitglieder von Die.Linke. Wer würde diesen Terrorakt als Tat eines "Einzeltäters" verharmlosen?
2. Ich kann nur hoffen
Button 04.03.2011
dass er - durch welch juristischen Kniffe auch immer - in die USA ausgeliefert wird.
3. US Soldaten
der_porzer 04.03.2011
"eigentlich" sollten US Soldaten ziemlich sicher in Deutschland sein. Dennoch wirft das ganze verschiedene Fragen auf, die USA wissen doch das sie bei manchen Völkern nicht gerade sehr beliebt sind. Deshalb : - warum wird für Umsteigende US Soldaten kein gesonderter Bereich eingeräumt wo sonst keiner zutritt hat. Könnte ja was mit Kostengründen zu tun haben. - dann sollte man doch jedem US Soldaten dazu verpflichten wenn er über einem zivilen Flugplatz umsteigt, nicht die Uniform zu tragen. - warum werden Soldaten in den typischen US Army Bussen abgeholt, da tun es doch auch zivil aussehende Busse. Wird ja bei Flugzeugen auch gemacht wenn man nicht allzuviel Aufsehen erregen will.
4. es beißt keine Maus nen Faden von ab.....
A&O 04.03.2011
Zitat von sysopArid U. hat*zwei*US-Soldaten in einem Bus auf dem Frankfurter Flughafen mit acht gezielten Kopfschüssen getötet. Ermittler schilderten jetzt, wie kaltblütig der 21-Jährige vorging: Vor der Tat sprach er eines seiner Opfer an und bat um eine Zigarette. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749118,00.html
Und auch wenn Angelika Merkel und ihre Brüder und Schwestern im Geiste das gerne alles aussitzen wollen: man muss sich dieser Gefährder entledigen. Es gibt keinen Grund warum ein Kosovare sich hier aufhalten soll, es gibt keinen Grund warum radikale Muslime sich hier aufhalten sollen. Es gibt keinen Grund warum wir unser Leben einschränken, immer vorsichtiger und ängstlicher sein sollen, nur damit Menschen die gar nicht hier sein müssen nur ja die selben Rechte haben wie wir. Und am Ende des Tages eben diese Rechte als Angriffswaffe gegen uns nützen. Schickt sie alle dahin, wo sie gemäss ihrer Fasson seelig werden können und gut ist.
5. Von wegen
Maynemeinung 04.03.2011
Die (rechtliche) Situation ist im deregulierten Europa eine andere. Denn da ist das Anti-Diskriminierungsgesetz davor, will sagen, der Religionszugehörigkeit wegen können Arbeitgeber bestimmte Mitarbeiter nicht ablehnen (zumindest nicht, ohne sich Schadenersatzklagen an den Hals zu holen).
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