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Mordversuch an Deutschafrikaner: Polizei veröffentlicht Stimmen der Täter

Es ist ein erschütterndes Dokument des Fremdenhasses: Bevor die Täter einen Deutsch-Afrikaner in Postdam brutal zusammenschlugen, beschimpften sie ihn als "Nigger". Ihre Stimmen fanden sich auf dem Anrufbeantworter der Frau des Opfers, die der Mann gerade mit seinem Handy anrief. SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Mitschnitt.

Karlsruhe/Potsdam - Am Tatort, einer Straßenbahn-Haltestelle im Potsdamer Stadtteil Brandenburger Vorstadt, sicherte die Polizei zahlreiche Spuren: Finger- und Schuhabdrücke sowie Hautpartikel der beiden mutmaßlichen Täter. Die heißeste Spur ist aber die Handy-Mailbox der Frau des Opfers. Denn der 37-jährige Deutsch-Afrikaner Ernyas M. hinterließ dort kurz vor der Tat eine Nachricht.

Damit wurde das Verbrechen zum Teil aufgezeichnet. Spezialisten des Brandenburger Landeskriminalamtes bereiteten den Mailbox-Mitschnitt technisch auf. Die Ermittler hoffen, dass jemand die Stimmen der Täter erkennt. Zur Ergreifung wurde eine Belohnung von 5000 Euro ausgesetzt.

In die Ermittlungen wegen Mordversuchs hat sich inzwischen auch Generalbundesanwalt Kay Nehm eingeschaltet. Die Tat sei geeignet, die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sagte ein Sprecher der obersten deutschen Ermittlungsbehörde.

Auf der Intensivstation der Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinik kämpften die Ärzte weiter um das Leben des zweifachen Vaters, der seit 19 Jahren in Deutschland lebt. Der Mann erlitt bei dem Überfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und mehrere Knochenbrüche im Brustbereich. Ernyas M. soll noch einige Tage in künstlichem Koma gehalten werden. Klinikdirektor Hubertus Wenisch bezeichnete seinen Zustand als stabil. Solange der Patient jedoch noch künstlich beatmet werden müsse, sei er nicht außer Lebensgefahr.

Der Tatort: Hier wurde der Deutsch-Afrikaner überfallen
REUTERS

Der Tatort: Hier wurde der Deutsch-Afrikaner überfallen

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) reagierte mit Bedauern und Bestürzung auf die Tat. Der Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) sagte, die Stadt stehe unter Schock. Potsdams Image habe einen nachhaltigen Schaden erlitten. Als unmittelbare Reaktion habe ein für den Herbst geplanter Hausärztekongress seine Zusammenkunft in der Stadt storniert.

Jakobs sprach von einem in seiner Brutalität beispiellosen Fall in der brandenburgischen Landeshauptstadt. Das Sicherheitsgefühl nicht nur der in Potsdam lebenden Ausländer werde durch das Verbrechen beeinträchtigt. Bisher habe sich die Stadt dadurch ausgezeichnet, dass sich auch Menschen mit anderer Hautfarbe sicher in ihr bewegen konnten. Zugleich gebe es jedoch eine breite Anteilnahme von Menschen am Schicksal des Opfers und Hilfeangeboten für dessen Familie. Am späten Ostermontag hatten rund 350 Menschen spontan in der Potsdamer Innenstadt gegen den rassistischen Übergriff demonstriert.

Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau von der Linksfraktion forderte gesamtgesellschaftlicher Anstrengungen gegen die Gewalt von Rechts. Täglich würden im statistischen Schnitt zweieinhalb rechtsextrem motivierte Gewalttaten verübt, erklärte sie in Berlin. Die Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke (Linkspartei) erklärte, der Mordversuch von Potsdam sei "leider nur die Spitze eines Eisberges an rassistischer, rechtsextremer Gewalt in Deutschland".

als/AFP

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