Mordversuch an Deutschafrikaner Potsdamer Polizei will Täterstimmen veröffentlichen

Nach dem rassistischen Überfall auf einen Deutschafrikaner tappt die Potsdamer Polizei bei der Suche nach den Tätern noch im Dunkeln. Jetzt sollen die Stimmen von zwei mutmaßlichen Rechtsextremisten  ins Internet gestellt werden.


Potsdam - Noch gibt es keine heiße Spur, aber die Suche nach den beiden mutmaßlichen Tätern des Überfalls auf den Familienvater äthiopischer Herkunft laufen auf Hochtouren, versicherte ein Behördensprecher in der brandenburgischen Landeshauptstadt. Der 37-jährige Wasserbauingenieur war am Ostersonntag an einer Straßenbahnhaltestelle in Potsdam mit äußerster Brutalität zusammengeschlagen und dabei lebensgefährlich verletzt worden. Den Angaben zufolge ringt er weiter mit dem Tod. Er liege im künstlichen Koma, sein Zustand ist nach Aussage der Ärzte des Klinikums Ernst von Bergmann stabil. Ob der Mann bleibende Schäden behalten wird, könne erst nach Beendigung des Komas gesagt werden.

Potsdam: Demonstranten protestierten am Ostermontag gegen den Überfall auf den Deutschafrikaner
DPA

Potsdam: Demonstranten protestierten am Ostermontag gegen den Überfall auf den Deutschafrikaner

Er sei überfallen worden, während er seiner Frau eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen habe, sagte ein Polizeisprecher. Auf dem Band sei auch zu hören, wie einer oder beide Täter den Mann wegen seiner Hautfarbe beschimpften. Das Landeskriminalamt bearbeite derzeit die Aufzeichnung, um die Qualität zu verbessern. Voraussichtlich morgen soll der Mitschnitt ins Internet gestellt werden

Bisher habe die Polizei acht Hinweise aus der Bevölkerung erhalten, die sich auf die Personenbeschreibung der Täter beziehen, sagte der Sprecher. Sie würden ebenso geprüft wie die Spuren vom Tatort. An der Straßenbahnhaltestelle hätten die Ermittler Finger- und Schuhabdrücke sowie biologische Spuren wie Hautabreibungen sichergestellt. Sie würden von Experten des Landeskriminalamtes untersucht. Auch die eher kleine rechtsextreme Szene in der brandenburgischen Hauptstadt werde überprüft.

Eine Stadt unter Schock

Weiter unklar sei, ob es sich bei den beiden Tätern um zwei Männer oder möglicherweise ein Pärchen handelte, sagte der Sprecher. Auf dem Band sei eine hohe Stimme zu hören, die einer Frau gehören könne. Das deutsche Opfer war in der Nacht zum Sonntag kurz vor 4 Uhr an einer Haltestelle in Potsdam zunächst mit fremdenfeindlichen Äußerungen beschimpft und danach zusammengeschlagen worden. Ein Taxi-Fahrer fand den Mann, konnte zwei flüchtende Personen aber nicht mehr einholen. Einer der beiden soll eine Glatze und eine kräftige Statur haben und eine Bomberjacke getragen haben. Die andere Person wird als kleiner und kurzhaarig beschrieben.

Dem Opfer wurden nach Polizeiangaben 200 Euro Bargeld geraubt. Der Vater zweier Kinder erlitt schwerste Schädel- und andere Knochenverletzungen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes.

Gestern Abend hatten spontan mehrere hundert Potsdamer gegen den Überfall mit fremdenfeindlichen Hintergrund demonstriert. Potsdam steht nach den Worten von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) unter Schock. Bisher habe sich die Stadt dadurch ausgezeichnet, dass sich in ihr auch Menschen mit anderer Hautfarbe sicher bewegen konnten, sagte Jakobs dem TV-Sender N24. Eine organisierte rechte Szene existiere in Potsdam nicht. Jedoch gebe es einen Kreis von etwa hundert Sympathisanten. Jakobs forderte eine schnelle Aufklärung der "entsetzlichen, abscheulichen Tat". Jakobs will noch heute mit den Vorsitzenden der Fraktionen im Stadtparlament darüber beraten, "wie wir gewissermaßen kollektiv unserer Betroffenheit Ausdruck verleihen".

lan/AFP/dpa



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