Zu Besuch bei Salafisten "Sie hauen jetzt sofort ab!"

Sie leben in Deutschland abgeschottet, denn Abgrenzung ist bei den Salafisten Programm. Ein Teil der Gruppierung tritt immer aggressiver auf, setzt auf massive Einschüchterung - auch von Journalisten. Versuch einer Annäherung in Berlin.

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Berlin - Mittags im Stadtteil Wedding, am U-Bahnhof Osloer Straße. Schüler holen sich Döner an der Imbissbude. Wenige Meter weiter, in einer Seitenstraße, steht ein großes Backsteingebäude. Eine muslimische "Halal"-Schlachterei verarbeitet hier ihr Fleisch. Am Eingang daneben klebt auf einem Briefkasten ein Aufkleber, der für die Koran-Verteilaktion der Salafisten in deutschen Fußgängerzonen wirbt. An der Wand hängt ein kleines, grünes Schild, mit einem Wegweiser: Al-Rahman-Moschee.

Die Tür zum Treppenhaus ist geöffnet.

In Bonn haben salafistische Demonstranten bei Protesten gegen die rechtspopulistische Splitterpartei "Pro NRW" vor wenigen Tagen Dutzende Polizisten verletzt, zwei von ihnen schwer. In Köln hat am Dienstag ein Massenaufgebot an Polizisten eine ähnliche Eskalation verhindern können.

Wie sehen andere Salafisten die Gewalt ihrer Glaubensbrüder? Distanzieren sie sich? Wie ticken Salafisten eigentlich?

Die ersten Gläubigen kommen zum Gebet in der Al-Rahman-Moschee. Zwei Männer, der eine mit dunklem, der andere mit hellem Bart, beide gelbe Plastiktüten in der Hand. Er sei deutscher Konvertit, sagt der eine. Durch Internetvideos sei er zum Salafismus gekommen, den Koran habe er inzwischen dreimal gelesen. Er halte nichts von Gewalt, man dürfe sich nicht provozieren lassen von den Rechtsextremen. Gewalt heiße er nur zu Zwecken der Notwehr gut. Was er damit genau meine? "Na, wenn jemand meine Familie angreift."

Unvermittelt kommt jemand aus der Moschee gestürmt und baut sich vor der Reporterin auf. Offenbar wurde er von anderen Gläubigen alarmiert. Blaugraues Gewand, langer Bart, wütende Augen. "Was machen Sie hier? Haben Sie Fotos gemacht? Ich habe nichts zu sagen, gehen Sie weg, gehen Sie weg! Wir reden nicht mit lügenden Leuten."

Er wird lauter. "Nehmen Sie meine Worte auf? Was machen Sie mit meinen Worten? Sie werden diese Worte jetzt löschen! Hauen Sie ab, Sie hauen sofort ab!" Er kommt immer näher, fuchtelt mit den Armen. Eine bedrohliche Situation.

Medien gelten bei Salafisten als Hassgruppe

In Wedding liegt eine weitere Moschee, die von Salafisten besucht wird. Ein Wohnhaus in einer Seitenstraße, Erdgeschoss, Fenster abgeklebt, Tür angelehnt. Drinnen ein Waschraum, ein Regal mit Schuhen, ein Gebetsraum. Erst nach mehrmaligem Rufen erscheint ein schwarzbärtiger Mann. Ob er eine Haltung zu den Ausschreitungen habe? Dazu sage er gar nichts, sagt er. Aber er werde mal den Vorstand holen.

Der Vorstand kommt. "Sie zeigen hier Ihr freundliches Gesicht, aber Sie haben noch ein zweites", sagt er, bevor überhaupt eine einzige Frage gestellt ist. "Lüge ist eine der dreckigsten Sünden. Für das, was in diesem Land passiert, sind Sie verantwortlich", sagt er. Was denn mit den Messerattacken sei, heißt er Gewalt gut? Er knallt die Tür zu.

Die Berliner Publizistin Claudia Dantschke, die sich intensiv mit Salafisten beschäftigt, sagt: "Es zeigt, wie fanatisiert eine Gruppe der Salafisten inzwischen ist: Medien gelten als Hassgruppe."

200 Salafisten gelten als "Gefährder"

Die 4000 bis 5000 Muslime in Deutschland, die vom Verfassungsschutz zu den Salafisten gezählt werden, sind keine homogene Gruppe, es gibt Friktionen und Rivalitäten. Die meisten sprechen perfektes Deutsch, einige sind deutsche Konvertiten, viele haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Forderung einiger Unionspolitiker, Salafisten auszuweisen, ist deshalb kaum umsetzbar.

200 Salafisten gelten als sogenannte Gefährder - Leute, denen die Behörden zutrauen, jederzeit einen Terroranschlag vorzubereiten. Es gibt einen politisch-missionarischen Flügel, es gibt eine dschihadistische Abspaltung - und eine radikale Gruppe dazwischen, die Gewalt legitimiert. Mehrere hundert Leute sind das schätzungsweise.

Sicherheitsbehörden bringen es gern auf die Formel: "Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber jeder Terrorist ein Salafist." Gemeinsam ist den Salafisten, dass sie den Koran wörtlich auslegen. Integration lehnen Salafisten ab, die Gläubigen sollen unter sich bleiben, die Geschlechter ebenfalls.

Nachfrage in der al-Nur Moschee

Ortswechsel. Die al-Nur Moschee in Berlin-Neukölln galt in den vergangenen Jahren als Magnet für orientierungslose Jugendliche. Lehrer und Sozialarbeiter beklagten den wachsenden Einfluss der Salafisten. Viele Jugendliche konvertieren dort zum Islam. Die Moschee hat allerdings offenbar in den vergangenen Monaten ihre Ausrichtung justiert - man will sich dort von Gewalt abgrenzen, sagen Beobachter. "Aber Verantwortung dafür, dass Leute aus dieser Moschee zum Training in Terrorcamps nach Waziristan gegangen sind, hat die Moschee trotzdem nicht übernommen", sagt der Migrationsbeauftragte von Berlin-Neukölln Arnold Mengelkoch.

Vor dem mehrstöckigen Haus im Industriegebiet steht ein VW-Bus des Bestattungsinstituts, das zur Gemeinde gehört. Im Vorgarten des Gotteshauses sind Blumen gepflanzt. Die al-Nur Moschee fungiert auch als soziales Zentrum mit einem breiten Angebot. Es gibt einen Lebensmittelladen, Frauen- und Mädchengruppen.

Er selbst könne nichts sagen zu den Vorfällen in NRW, sagt ein Mitarbeiter der Gemeinde. Er habe einfach zu wenig Ahnung. Aber bereitwillig stellt er einen Kontakt zum Moschee-Vorstand her. Der sagt am Telefon: "Ich bin nicht einverstanden mit der Gewalt gegen Polizisten. Ich finde das schlimm. Man muss sich friedlich und argumentativ auseinandersetzen."

In der al-Nur Moschee sind die Leute verschlossen, aber nicht unfreundlich, wenn Besucher von der Presse kommen. Am Abend sitzen ältere Männer vor dem Gebet im Hof der Moschee. Von den Vorfällen in NRW wollen sie nichts gehört haben. "Politik interessiert uns nicht, wir sind froh, dass wir hier in Ruhe sein können."

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