Mügeln eine Woche danach Beschwichtigen, bemitleiden - und nichts entschuldigen

Es sollte ein selbstkritisches Fest für Offenheit und Fremdenfreundlichkeit sein: Eine Woche nach der Hetzjagd traf sich Mügeln zu einer Nabelschau, die sogar im Radio übertragen wurde. Doch die Debatte geriet zur Groteske. Plötzlich waren nicht mehr die Inder die Opfer, sondern die Stadt.

Von , Mügeln


Am Ende sind es vier junge Musiker aus der Nähe von Berlin, die Mügeln retten. Jedenfalls für diesen Abend. Weil sie endlich das sagen, was von der sächsischen Kleinstadt an diesem Tag erwartet wurde.

Die populäre Rockband "Virginia Jetzt" sollte eigentlich die Polit-Debatte im Hof des Mügelner Schlosses mit einem furiosen Konzert beschließen. Doch stattdessen halten die Musiker nach nur einem Lied inne. "Wir haben heute nicht ein einziges Mal eine Entschuldigung gehört", sagt Gitarrist Thomas Dörschel auf der Bühne unterhalb des runden Schlossturms. Aber man könne doch nicht leugnen, was genau eine Woche zuvor in der Stadt passiert sei.

Es ist sehr ruhig in diesem Moment.

Acht Inder wurden vor einer Woche nach dem Stadtfest von einem Mob zum Teil schwer verletzt. Unklar ist immer noch, wie die Auseinandersetzung begann - aber unzweifelhaft waren rechtsradikale Parolen zu hören, unzweifelhaft waren acht Inder das Ziel der Angriffe.

"Es gibt hier Fremdenhass", sagt Dörschel, so wie es ihn anderswo auch gebe. "Aber in Mügeln ist etwas passiert." Deshalb werde die Band ihr Konzert nicht wie geplant fortsetzen, nur noch ein Lied spielen.

Pfiffe. Aber auch leiser Beifall.

"Mügeln setzt Zeichen": Unter diesem Motto hatten Jörg Mertens-Nachtweide und seine Frau Sonja für den Sonntag auf Schloss Ruhethal geladen. Das Bonner Ehepaar hatte 2005 das mehr als 400 Jahre Bauwerk gekauft, um hier ein Kulturzentrum einzurichten "und um hier alt zu werden", sagt Sonja Nachtweide. Ihre drei Kinder gehen in Mügeln und Umgebung zur Schule. Inzwischen gibt es einen Förderverein für Schloss Ruhethal, vor zwei Wochen kamen fast 4000 Menschen zu einer öffentlichen Veranstaltung.

Nach den Übergriffen auf die Inder haben die Nachtweides einen offenen Brief geschrieben, in dem sie die Hetzjagd scharf verurteilen - genauso wie die mangelnde Bereitschaft, sich mit der Fremdenfeindlichkeit in der Region auseinanderzusetzen. Allerdings kritisierten sie auch eine kollektive Brandmarkung der Stadt als Hort der Rechtsradikalen.

Das andere Mügeln - es ist schon erkennbar an diesem Tag

Diesen Brief fand man bei "Jump", der Jugendwelle des Mitteldeutschen Rundfunks, so gelungen, dass die Radioleute innerhalb von wenigen Tagen die Logistik für ein Rockkonzert und eine Live-Podiumsdiskussion im Schlosshof organisierten. Das andere Mügeln sollte sich da präsentieren. Das offene, das freundliche - auch gegenüber Fremden. Vor allem aber das selbstkritische.

Selbst Bürgermeister Gotthard Deuse hatte sich von dieser Idee begeistern lassen. Auf dem Podium wollte er gerne Platz nehmen. Deuse ist jener Mann, der in den Tagen nach den Übergriffen jeden Verdacht gegen seinen Ort zurückgewiesen hatte. Rechtsradikale gibt es nicht in seinem Mügeln. FDP-Mann Deuse ist hier seit 17 Jahren Bürgermeister.

Das andere Mügeln - es ist erkennbar an diesem Tag. Es gibt eine Wand, an der man sich mit Graffiti oder anderen Malereien verewigen kann, um gegen Fremdenfeindlichkeit zu protestieren. Die Schlossbesitzer haben etliche Dinge aus ihrem historischen Fundus ausgestellt. Es wird erzählt, wie am Vorabend nach einem ökumenischen Gottesdienst sogar Blumen vor der Pizzeria niedergelegt wurden, in die sich die Inder geflüchtet hatten. "Obwohl ich das auch schon wieder ein bisschen geschmacklos finde", sagt Nora Brückner. Die Rentnerin ist Fremdenführerin - und fühlt sich der Region verpflichtet.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 80 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Akizur, 27.08.2007
1. Drei Fragen
Zitat von sysopEs sollte ein Beweis der Offenheit, Fremdenfreundlichkeit, Selbstkritik sein: Eine Woche nach der Hetzjagd traf sich Mügeln zu einer Nabelschau, die sogar im Radio übertragen wurde. Doch die Debatte geriet zur Groteske. Plötzlich waren nicht mehr die Inder die Opfer, sondern die Stadt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,502114,00.html
1. Kann man ein Land, das immerhin zehn Millionen Ausländer aufgenommen hat, immer noch als fremdenfeindlich bezeichen? 2. Kann man ein Volk zur Fremdenfreundlichkeit zwingen? 3. Warum können die Inder durch ihr Nichterscheinen ihre Ruhe haben, während man die Leute in Mügeln nicht zur Ruhe kommen lässt, indem man eine ganze Stadt zur Selbstkritik und Reue zwingen will?
Kurt G, 27.08.2007
2. Von Anbiederung und anderen Taten
"Wie man die Menschen hier vorverurteilt hat, das tut mir richtig weh." Vorverurteilt ? Wovon redet der Mann ? Wenn 50 Menschen einer Gruppe 8 Menschen einer anderen Gruppe verfolgt, rede ich von einem Lynchmob. Dafür gibt es keine wie auch immer geartete Entschuldigung oder Ausrede. Und wenn dies keine rechtsradikale Gruppe war, sondern "normale" Bürger, dann ist es noch schlimmer, noch viel schlimmer.
path0s 27.08.2007
3. Nicht mehr nachvollziehbar.
Guten Abend, auch wenn ich diesen Abend keineswegs gut nennen wuerde. Denn was ich in letzter Zeit ueber mein Heimatland hoere, ist geeignet einem unter beliebigen Umstaenden die Stimmung zu verderben. Vorweg erst einmal, ich befinde mich seit zwei Wochen in Mexiko und kann daher leider keine solch informierte Meinung abgeben wie ich es gerne tun wuerde, da ich deutsche Zeitungen derzeit nur online lese. Ich habe aber trotz allem seit dem ersten Tag an die Situation in Muegeln verfolgt und muss sagen, dass ich mich trotz gelegentlicher Hoffnungsschimmer immer mehr abgestossen fuehle. Auf die vorigen Ereignisse, sowie die in anderen Staedten will ich aber nicht weiter eingehen, sondern nur auf das sogenannte "selbstkritische Fest", welches am 26. in Muegeln stattfand. Die Idee hat mich, dass muss ich zugeben begeistert ebenso die Tatsache das sie so schnell umgesetzt wurde. Diese Umsetzung aber ist, um es einmal drastisch auszudruecken geradezu laecherlich gewesen. Die einzigen Anwesenden die es meiner Meinung nach verdienen positiv erwaehnt zu werden, sind die Mitglieder der Band "Virginia Jetzt", deren Entscheidung nur ein einziges Lied zu spielen und die Situation sowie die derzeitige Haltung in Muegeln zu kritiesieren um einiges mutiger war als die eines alten und man sollte meinen erfahrenen, Politikers wie dem Buergermeister Muegelns, Gotthard Deuse. Wie ein Mann in seiner Position es sich erlauben kann, sich nicht sobald er das Podium betritt bei den Opfern des meiner Meinung nach offensichtlich rechtsradikalen Uebergriffes, zu entschuldigen sondern dies wie laut der mir vorliegenden Berichterstattung, ebenso wie alle anderen Redner vollkommen uebergeht ist und bleibt fuer mich unerklaerlich. An dieser Stelle wuerde ich auch gerne die Presserklaerung des Buergermeisters zitieren( diese ist auf http://www.stadt-muegeln.de/ vollstaendig vorhanden) : "... (Wir) verwahren uns gegen den über die Medien vermittelten Eindruck, dass in unserer Stadt ausländischen Mitbürgern oder Gästen latente oder gar offene kollektive Fremdenfeindlichkeit entgegen gebracht werde." Wie Herr Deuse eine Menschenmenge von ungefaehr fuenfzig Menschen, welche acht Inder jagt, nicht als kollektiv oder fremdenfeindlich ansehen kann ist mir auch schleierhaft. Ich koennte das Thema hier noch weiter ausfuehren, doch ich denke reine Tatsachen sprechen leider nur zu gut fuer sich selbst. Man kann zusammenfassend nur sagen, dass man der Wahrheit ins Auge blicken muss und Massnahmen gegen Rechtsradikalismus in Deutschland ergreifen muss, anstatt das Problem wie die sprichwoertlichen drei Affen zu ignorieren und versuchen Waehlersympathien zu behalten. Und diese Massnahmen sollten moeglichst in Angriff genommen werden bevor das Problem ausser Hand geraet, wobei man durchaus argumentieren koennte, dass dies schon geschehen ist. Ich hoffe das an dieser Stelle auch bald nationale Politiker Deutschlands entschiedener eingreifen, denn das Image ganz Deutschlands und seiner Bewohner nimmt durch solche Vorfaelle wie dem in Muegeln schwere Schaeden, dass kann ich von hier in Mexiko aus erster Hand berichten. Von daher bleibt nur zu hoffen, dass so schnell wie moeglich entscheiden gehandelt wird, ansonsten geschieht dieser Imageschaden naemlich mit vollstaendiger Rechtmaessigkeit. Mit freundlichen Gruessen, Path0s
lobin 27.08.2007
4. Typisch
Das ist wohl sehr typisch für eine Gemeinschaft. Die Täter werden geschützt, da sie schliesslich zur Gemeinschaft gehören und die Gemeinschaft zum Opfer erklärt. Schliesslich sind die wahren Opfer "Gemeinschaftsfremde". Dieses Verhalten wird wohl Neonazis überall dazu ermuntern gleich zu handeln, denn man kann wohl darauf Zählen, dass dies Überall, besonders aber in kleineren Orten so ablaufen wird. Wiedermal ein Beispiel dafür wie schnell Opfer zu Tätern deklariert werden... hatte das Deutschland nicht schon mal?
Leo Touré, 27.08.2007
5. die kollektive Verurteilung - gegenüber Ausländern völlig normal
Danke für diesen Artikel. Die Kraft, sich kollektiv gegenüber dem Entsetzen darüber, was in Mügeln passiert ist, zu wehren, ist unübersehbar. Jetzt plötzlich rückt man wieder zusammen, um alles zu verharmlosen und ja nicht mal jeder für sich und zusammen selbstkritisch zu sein. Aber nochmals, diese unglaubliche Ausländerfeindlichkeit ist kein ostdeutsches, sondern ein deutsches Phänomen. Was Diskriminierung ist, wird in Deutschland von Deutschen definiert, von weißen, nicht fremdländisch aussehenden. Wenn die Menschen, die ganz konkret diskriminiert wurden, aufmucken, wird der Spieß einfach herumgedreht, und plötzlich sind die Diskriminierer die Opfer. Nein, in Mügeln gibt es sicher, und das wird die Masse sein, Menschen, die selbst keine Ausländer angreifen würden. Aber man tut nichts gegen die Rechten und man sagt auch nichts gegen den Nachbarn, der beim Bierchen mal wieder schimpft, dass die Ausländer uns sowieso die Arbeit wegnehmen. Man verwehrt sich gegen Fakten, man verdrängt die eigenen Probleme und ist kollektiv der Meinung, dass man hier sowieso zu viele Ausländer hat. Dann bitte schön seien die Mügelner auch kollektiv, wenn sie die Schuld und Versäumnisse annehmen und Lösungen bringen, damit so etwas nie wieder passiert. Jeder Mügelner sollte doch zwischen persönlich und kollektiv trennen. Dann hat er auch kein Problem damit, dass Mügeln jetzt am Pranger steht, man selbst aber doch ein reines Gewissen haben kann. Ich habe und will keine andere Heimat als Deutschland, ich lebe gern hier, aber ich nehme die Kritik der Ausländerfeindlichkeit als Deutsche an und schaue nach Lösungen. Dauergejammere und mit dem Finger auf andere zeigen, auf die Opfer zum Beispiel, ist keine Lösung. Dennoch werde ich als schwarze Deutsche für die nächsten Jahre nicht in den Osten gehen und alle meine Freunde auch nicht. Weil ich Angst habe. Ich schäme mich für diesen Teil von Deutschland.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.