Müller-Buch Heiligsprechung der Erwerbsarbeit

Individualismus und Selbstverwirklichung? Bequemlichkeit und Hedonismus! In ihrem Buch "Dein Kind will dich" schreibt Christa Müller über die diffamierte Hausfrau und attackiert Familienministerin von der Leyen. Lesen Sie auf SPIEGEL ONLINE einen Auszug.


Es ist erstaunlich, dass auch die Frauenbewegung das Thema Arbeitszeitverkürzung scheinbar abgeschrieben hat. Jedenfalls erinnere ich mich nicht, sie in den letzten Jahren für dieses Ziel kämpfen gesehen zu haben. Es sieht so aus, als würde man die Bedingungen des Erwerbslebens, so wie sie sind, akzeptieren.

Vielleicht liegt das daran, dass die Protagonistinnen der Frauenbewegung oft keine Kinder haben, ihnen selbst daher die Karrierechancen im Beruf wichtiger sind als die Anpassung des Erwerbslebens an die familiären Bedürfnisse der Frauen und Männer. Zumindest spielt in der aktuellen Diskussion um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Frage, wie das Erwerbsleben von Müttern und Vätern verändert werden muss, damit mehr Kinder geboren werden und der Alltag von Familien stressfreier und angenehmer wird, eine verblüffend geringe Rolle.

Statt dessen muss die Familie, so will es die Frauenbewegung und mit ihr die deutsche Familienministerin, den Erfordernissen der Wirtschaft angepasst werden. Das ist allerdings bereits geschehen. Die deutschen Frauen haben das Problem ganz einfach gelöst: Sie sind in den Gebärstreik getreten. Wo es keine Kinder gibt, muss auch nichts vereinbart werden. Wo im Zuge der "Heiligsprechung" der Erwerbsarbeit die Rolle als Hausfrau und Mutter abqualifiziert wurde, entscheiden sich konsequenterweise immer weniger Frauen dafür, diese Rolle zu übernehmen. Wir sind ja schließlich nicht dumm.

Die Hausfrau wird diffamiert, diskriminiert oder bemitleidet

Früher wurde es ja vielleicht noch anerkannt, wenn Eltern eine gutgeratene Kinderschar präsentieren konnten (in wohlhabenden Kreisen, in denen die Fortführung der Familiendynastie gesichert werden muss, ist das immer noch von beziehungsweise gewinnt wieder an Bedeutung), und die Verdienste dafür konnte sich in erster Linie die für die Fürsorge und Erziehung hauptsächlich zuständige Mutter anheften. Aber heute ist eine Frau ohne Erwerbsarbeit doch nichts.

Das hat auch damit zu tun, dass sich die in unserer Gesellschaft dominierenden Werte verändert haben. Die früher insbesondere an Frauen geschätzten Eigenschaften von Fürsorglichkeit, Aufopferung und Selbstlosigkeit sind Werte, die in unseren modernen Zeiten allenfalls ein mitleidiges Lächeln hervorrufen. Angesagt sind eher Individualismus und Selbstverwirklichung, die so manches Mal in Bequemlichkeit und Hedonismus umschlagen.

Da passt das Bild einer Hausfrau oder auch eines Hausmannes natürlich nicht hinein. Die Hausfrau wird oft entweder als "nichtarbeitend" diffamiert und diskriminiert oder, wenn sie sich unübersehbar oder unwiderlegbar unter qualifiziertem und zeitintensivem Arbeitskräfteeinsatz für die Familie und die Gemeinschaft einsetzt, mehr oder weniger bemitleidet. Indem die Frauenbewegung als ihr erstes Ziel die Gleichstellung der Frau in Ausbildung und Beruf definiert hat, trug sie massiv dazu bei, dass ein großer Teil der von Frauen geleisteten Arbeit, nämlich die der Hausfrau und Mutter, entwertet wurde.

Aus dem Gebärstreik der Frauen, dem angeblich die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf zugrunde liegt, die wiederum von der unzureichenden Mitarbeit der Männer im Haushalt und bei der Kindererziehung verursacht wird, zieht die Politik und mit ihr die öffentliche Meinung die Schlussfolgerung, die Betreuung der Kinder müsse verstaatlicht werden.



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