Hilfe für Flüchtlinge München ist da

Empfang mit Brezn und Plüschtieren: Tausende Flüchtlinge kommen in München an. Doch von Chaos keine Spur. Die Erstversorgung der Menschen funktioniert - auch, weil viele private Helfer anpacken.

Von , München


Es ist eine außergewöhnliche Szenerie am Münchner Bahnhof: Dutzende Polizisten sind im Einsatz, Absperrbänder wurden gespannt, Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr stehen bereit, Dixi-Klos wurden herangeschafft, die Stadtwerke München haben Trinkwasserverteiler aufgestellt.

Draußen vor dem Eingang auf dem Platz an der Arnulfstraße sammeln sich Hunderte Menschen aus Syrien und anderen Krisenländern - unter ihnen sind viele junge Männer, aber auch Familien mit Kleinkindern und Babys.

Die Münchner Polizei muss an diesem Dienstag ihre Angaben über die Zahl der Flüchtlinge am Hauptbahnhof der bayerischen Landeshauptstadt gleich mehrfach aktualisieren: Rund 590 Flüchtlinge würden sich dort aufhalten, twittert die Behörde zunächst. "Neue Ankunft von ca. #130 Flüchtlingen", heißt es wenig später. Dann: "Es treffen weitere #Flüchtlinge am Hauptbahnhof in #München ein."

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Flüchtlinge in München: Teddybären zur Begrüßung
Die Situation war absehbar, nachdem Ungarn zuletzt überraschend Hunderte Flüchtlinge vom Bahnhof in Budapest weiterreisen ließ, obwohl das Land laut dem Dublin-Abkommen eigentlich dafür verantwortlich gewesen wäre, selbst die Asylverfahren durchzuführen. Derzeit würden in fast allen Zügen, die aus dem Süden die bayerische Grenze passieren, Flüchtlinge sitzen, sagt Sven Müller, Sprecher des Münchner Polizeipräsidiums. Die Lage in Ungarn bleibt allerdings angespannt, am Dienstag wurde der Bahnhof in Budapest abgeriegelt.

Diejenigen, die es nach Bayern geschafft haben, warten nun auf ihre Registrierung oder darauf, dass sie in eine der Erstaufnahmeeinrichtungen gefahren werden. Wie etwa auch Jony aus Aleppo. Der 17-jährige Syrer ist zusammen mit seinem Bruder Ronny, 14, und Cousin Revan aus dem Bürgerkriegsland geflohen. In Ungarn seien sie bepöbelt worden, sagt Jony, sie hätten sich dort sehr unwohl gefühlt. Deutschland sei ihr Ziel gewesen, weil in Frankfurt am Main ein Onkel wohne. "Ich möchte studieren und Ingenieur werden", sagt Jony.

Manche Flüchtlinge liegen nach der langen Reise auch erst einmal erschöpft auf dem Asphalt und ruhen sich aus. Andere machen erste Begegnungen mit der bayerischen Lebensart. Die kann schon mal für Verwirrung sorgen. "It's really good", sagt eine der vielen freiwilligen Helferinnen und zeigt auf die Brezn in ihrer linken Hand. Der Flüchtling, der vor ihr in der Schlange steht, schaut verdutzt auf das Teigstück, schüttelt den Kopf und bittet um eine Banane.

Plüschtiere für Kinder

Die Hilfsbereitschaft der Münchner Bürger ist auch ein Signal an die Flüchtlinge: Etliche Menschen kommen mit Lebensmitteln, Wasser oder Babywindeln zum Bahnhof, um die Ankömmlinge mit dem Nötigsten zu versorgen. Sogar Kartons mit Plüschtieren stehen am Vormittag bereit, viele Kinder halten später glücklich einen Stoffbären in ihren Händen. "Die Hilfe von der Bevölkerung reißt nicht ab! Klasse!", twittert die Münchner Polizei mittags.

Gekommen sind Leute wie Moses Olol. Als Willkommensgruß trägt er eine bayerische Lederhose, dazu ein Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft - und jetzt steht der 32-Jährige hinter einem Tisch und verteilt Äpfel, Bananen, Wasser und Müsliriegel an Flüchtlinge. Auch Babynahrung, Milch, Kekse und Windeln gibt es. "Als ich davon erfahren habe, wie viele Flüchtlinge derzeit hier ankommen, habe ich mit meiner Frau beschlossen, zu helfen. Uns geht es doch schließlich gut", sagt Olol. Sie hätten zunächst einen großen Einkauf gemacht und seien dann zum Bahnhof gefahren.

Offenbar haben viele andere Bürger der Stadt ähnlich gedacht, Dutzende packen am Dienstag mit an. "Ich möchte, dass sich die Flüchtlinge hier heimisch fühlen", sagt etwa Mario Tille, der bereits in der vergangenen Nacht Richtung Bahnhof fuhr.

"Bayern kann das nicht mehr alleine schaffen"

Auch Polizei und Feuerwehr tragen ihren Teil dazu bei, dass die Atmosphäre am Münchner Hauptbahnhof entspannt und gut organisiert wirkt. Regelmäßig fahren Busse vor, die die Asylbewerber in Erstaufnahmeeinrichtungen fahren.

Angesichts der jetzt noch einmal deutlich gestiegenen Zahl von Flüchtlingen, die in Bayern ankommen, erklärten sich Hessen und Baden-Württemberg solidarisch: Beide Bundesländer nehmen jeweils 200 unregistrierte Flüchtlinge auf, die zuletzt in München ankamen. Normalerweise erfolgt die Verteilung der Asylbewerber erst nach der Registrierung. "Das ist geleistete Solidarität und zupackende Hilfsbereitschaft", erklärte Sozialministerin Emilia Müller (CSU).

Zuletzt kamen dem Ministerium zufolge im Schnitt rund 2000 Flüchtlinge pro Tag in Bayern an. Jetzt seien es allein in München innerhalb von 24 Stunden 1500 gewesen. Ministern Müller warnte zuletzt: "Bayern kann das nicht mehr alleine schaffen."

An diesem Dienstagmittag ist davon in München wenig zu spüren. Im Gegenteil. Irgendwann müssen die Sicherheitskräfte darum bitten, dass keine Hilfsgüter mehr an den Bahnhof gebracht werden. Man sei überwältigt von der Spendenbereitschaft.

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