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24. Januar 2008, 13:51 Uhr

München

"Deutsches Arschloch, deutsches Schwein!"

Sein Fall löst die Debatte um Jugendkriminalität aus - und beschert Hessens Ministerpräsident Koch das Wahlkampfthema: Der Pensionär Hubert N. wird kurz vor Weihnachten Opfer eines Überfalls in der Münchner U-Bahn. Auf SPIEGEL ONLINE erzählt der 76-Jährige die Geschichte jenes Abends.

Es ist eine schöne Weihnachtsfeier. Ein Wiedersehen mit den Kollegen von früher, eine Rückkehr an die Werner-von-Siemens-Realschule, deren Leiter ich einmal war. Beim Fisch-Buffet, bei Wein und Bier plaudern wir über die alten Zeiten.

Münchner Rentner Hubert N.: "Ein Schlag kostet mich beinahe das Leben."
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Münchner Rentner Hubert N.: "Ein Schlag kostet mich beinahe das Leben."

Gegen 22 Uhr an diesem 20. Dezember breche ich gemeinsam mit einer ehemaligen Kollegin zur U-Bahn auf. Am Max-Weber-Platz muss ich die Linie wechseln - doch wir sind so ins Gespräch vertieft, dass ich das beinahe vergesse. Im Nachhinein muss ich sagen: Hätte ich die Station doch nur verpasst. Dann wäre all das nicht passiert.

Mit etwa 20 Leuten steige ich dann in den letzten Waggon der U4 in Richtung Arabellapark. Da entdecke ich die beiden: wie sich später herausstellt, ein Grieche und ein Türke. Ich schaue sie an, sie schauen mich an. Mehr nicht.

Wie immer setze ich mich auf die letzte Sitzreihe ganz hinten, in Fahrtrichtung. Plötzlich kommen die beiden auf mich zu, setzen sich mir schräg gegenüber. Der eine zeigt mir demonstrativ seine Zigarette. Er macht einen Zug und bläst den Rauch zu mir herüber. Darauf ich: "In der U-Bahn wird nicht geraucht." Das ist der einzige Satz, den ich sage.

"Mein Gott, haben die einen Hass!"

Dann geht's los: "Deutsches Arschloch, deutsches Schwein, du Scheiß-Deutscher!", schimpfen sie, der Grieche spuckt in meine Richtung. Ich denke: Mein Gott, haben die einen Hass! Ich sage nichts, stehe auf, gehe zwei Reihen weiter nach vorn. Aus meinem Rucksack hole ich das Sudoku-Rätsel, das ich immer dabei habe.

Beim nächsten Halt merke ich, dass fast alle anderen Fahrgäste fluchtartig den Wagen verlassen haben.

Arabellapark ist Endstation. Da steige ich aus, fahre die Rolltreppe hoch ins Zwischengeschoss, links vor mir geht ein älteres Ehepaar und rechts ein junges Mädchen. Direkt hinter mir höre ich plötzlich Schritte. Jetzt geht alles sehr schnell: Ich werde gestoßen, ich stürze. Sie schlagen und treten gegen meinen Kopf. Ein Schlag kostet mich beinahe das Leben, er trifft mich unterm linken Ohr, ich habe Einblutungen ins Gehirn.

Einige Sekunden bin ich bewusstlos. Als ich aufwache, sehe ich meine zertrümmerte Brille, über dem Auge habe ich zwei fürchterlich blutende Löcher, mein Jochbein ist gebrochen. Ich bemerke, dass einer der beiden Anlauf nimmt und mir in den Unterleib tritt. Ich hab mein Leben lang Fußball gespielt, ich weiß, wie der Unterleib zu schützen ist, wenn ein Ball kommt. Das habe ich irgendwie automatisch auch in dieser Situation noch halbwegs gemacht.

Wieder vergehen ein paar Sekunden. Ich versuche aufzustehen. Geht nicht. Sie haben die Kraft aus mir herausgeprügelt. Im Krankenhaus werden mir die Ärzte später einen dreifachen Schädelbruch diagnostizieren. Schließlich lassen die Schläger von mir ab, ich weiß nicht warum. Aber sie vergessen nicht, meinen am Boden liegenden Rucksack noch mitzunehmen. Das sind Profis. Irgendwann kommt ein Mann und ruft Polizei und Rettungsdienst.

Keiner der anderen Fahrgäste hat mir geholfen. Nicht das Ehepaar, nicht das Mädchen. Ich habe es noch gesehen, als die Schläger auf mich eindroschen. Ich wollte rufen: Hau ab! Doch ich bekam keinen Ton raus. Das Mädel ist dann allerdings auch so weggegangen. Es ist besser so, sie hätte mir nicht helfen können. Die beiden hätten sie sicher auch noch verprügelt. Jetzt reden alle von Zivilcourage. Aber das bringt doch nichts, dann gäb's nun eben zwei Verletzte.

Nach vier Tagen bin ich raus aus dem Krankenhaus. Gegen den Rat der Ärzte. Ich hab's da einfach nicht mehr ausgehalten. Morgens kämpfe ich jetzt jeden Tag ums Aufstehen, ich brauche eine Dreiviertelstunde, bis ich aus dem Bett komme. Alles dreht sich mir.

Angst habe ich nicht, ich fahre weiterhin U-Bahn. Wissen Sie, ich habe in meinen 76 Jahren viel erlebt: Im Januar 1945 bin ich mit meiner Familie vor den Russen aus Oberschlesien geflohen, ich habe 39 Jahre lang in der Schule gearbeitet, das war jeden Tag eine Herausforderung.

Ich werde auch diesen Überfall in der U-Bahn wegstecken. Nur die vom Hass verzerrten, alkoholisierten Fratzen der Täter, die sehe ich immer wieder vor mir. Das war blanker Hass. Woher haben die das? In der Schule gab es Prügeleien, klar. Aber so etwas ist mir dort nie untergekommen. Das kann nur am Umfeld liegen, an der Familie vielleicht.

Der türkische Täter hat mir jetzt einen Entschuldigungsbrief aus dem Gefängnis geschrieben. Der Grieche wollte ein Versöhnungstreffen. Was soll das? Ich will mit denen nichts zu tun haben. Soll ich ihnen verzeihen, dass sie mir den Schädel eingeschlagen haben? Wo leben wir denn? Das ist doch nur eine Show für die Öffentlichkeit. Nein, die beiden sollen verurteilt werden und dann freiwillig in ihre Heimatländer gehen. Die sind hier nicht mehr integrierbar.

Dass ganz Deutschland über meinen Fall spricht, liegt an der Macht der Bilder: Weil es eben diese Aufnahmen von der Überwachungskamera gibt. Die CSU hat hier im Münchner Kommunalwahlkampf genau die Szene plakatiert , in der ich den beinahe tödlichen Tritt bekomme. Vorher gefragt haben mich die CSU-Leute nicht. Ich hätte es besser gefunden, wenn sie ein paar Botschaften zum Thema Sicherheit draufgeschrieben hätten, statt diese Gewaltszene in den Mittelpunkt des Plakats zu stellen. Aber wenn es etwas hilft im Kampf gegen Jugendkriminalität, dann finde ich das gut.

Die Politiker haben jahrelang geschlafen. Durch meinen Fall ist das Thema hochgekommen, und plötzlich steigen die Münchner CSU und der Roland Koch in Hessen darauf ein. Ich hoffe, deren Vorschläge sind nicht nur Wahlkampf.

Aufgezeichnet von Sebastian Fischer

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