Warnung vor IS-Terror in München Polizei sucht nach Verdächtigen aus Syrien und Irak

Ausnahmezustand in der Silvesternacht: In München wollten IS-Terroristen offenbar Selbstmordanschläge verüben. Die Polizei zeigte massive Präsenz. Jetzt wird deutlich, wie wenig die Behörden über die Bedrohung wissen.


Die Warnung kam am Silvesterabend um 19.40 Uhr: Gegen Mitternacht, so die Information, wollten in München mehrere mutmaßliche Täter Anschläge verüben - wenn die Menschen den Start ins neue Jahr feiern.

Die Polizei reagierte mit einem Großeinsatz, Sicherheitskräfte riegelten den Hauptbahnhof und den Bahnhof im Stadtteil Pasing vorübergehend ab, Warnungen gingen an die Bevölkerung: Die Bürger sollten große Menschenansammlungen meiden.

Am Tag danach stellt sich die Frage: Alles nur ein Fehlalarm? Hinweise auf fünf bis sieben potenzielle Attentäter hatten die Ermittler von befreundeten Geheimdiensten erhalten, unter den Verdächtigen sollen Syrer und Iraker sein. Das sagte Polizeipräsident Hubertus Andrä am Vormittag bei einer Pressekonferenz.

Allerdings: Nur von etwa der Hälfte der möglichen Terroristen lägen den Behörden Namen vor. Man wisse nicht einmal, ob die genannten Personen tatsächlich existieren. Festnahmen habe es bislang nicht gegeben.

Nach den akuten Terrorwarnungen sieht Andrä die Gefährdungslage nun wieder auf dem Stand wie vor der Warnung an Silvester. Derzeit seien noch etwa hundert Einsatzkräfte zusätzlich im Dienst. In der Nacht waren es zeitweise 550. Trotzdem verteidigt Andrä den Einsatz. Die Hinweise seien so konkret gewesen, "dass wir handeln mussten".

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière rechtfertigte die Terrorwarnung. "Die bayerischen Behörden haben mit Unterstützung der Bundespolizei umsichtig, besonnen und entschlossen gehandelt", sagte der CDU-Politiker.

Konkrete Uhrzeit, konkreter Ort

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" soll den Angaben zufolge Selbstmordattentate in München geplant haben. Laut Bayerns Innenminister Joachim Herrmann habe man entsprechende Hinweise vom Bundeskriminalamt erhalten. Die Behörde sei ihrerseits von einem befreundeten Nachrichtendienst gewarnt worden. Der Hinweis habe eine konkrete Uhrzeit, einen konkreten Ort und eine klare Benennung von Tätern aus dem Umfeld des IS beinhaltet.

Im Video: Innenminister Herrmann zur Terrorlage

Diese Warnung deckte sich mit einer älteren Quelle, in der ebenfalls folgendes Anschlagsszenario beschrieben wurde: Selbstmordattentate am Münchner Hauptbahnhof sowie am Bahnhof München-Pasing. Als mögliche Tatzeit wurde Mitternacht genannt. Die übereinstimmenden Warnungen zweier unabhängiger Geheimdienste versetzten die Behörden in Alarmbereitschaft.

In den Warnungen sei von zwei Selbstmordattentätern und weiteren Helfern die Rede gewesen, sagte ein Sprecher der Münchner Polizei SPIEGEL ONLINE. Einen Bericht der "Bild"-Zeitung, wonach zwei Attentate am Bahnhof Pasing, darunter ein Bombenanschlag, geplant gewesen sein sollen, konnte der Beamte nicht bestätigen.

Wie SPIEGEL ONLINE jedoch aus Sicherheitskreisen erfuhr, sollte offenbar zunächst ein kleinerer Anschlag verübt werden, um anschließend nach Eintreffen der Sicherheitskräfte ein weiteres und zudem größeres Attentat zu verüben.

Lage wieder etwas entspannt

Auch Innenminister Herrmann gab am Freitag eine gewisse Entwarnung: Die Lage habe sich wieder etwas entspannt, sagte der CSU-Politiker. Gleichwohl seien die Terrorwarnungen am Vorabend "sehr konkret" gewesen. Man müsse die Gefahr ernst nehmen, dürfe sich aber von derartigen Drohungen nicht verrückt machen lassen.

Zuvor hatte Herrmann bereits gesagt, die Einschätzung der Gefährdung sei vergleichbar gewesen mit der in Hannover, wo vor wenigen Wochen ein Fußball-Länderspiel abgesagt worden war.

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Terrorgefahr an Silvester: München im Ausnahmezustand

Aus Sicherheitskreisen hieß es laut der Nachrichtenagentur dpa, die Hinweise seien vom französischen Geheimdienst gekommen. Der Bayerische Rundfunk berichtete, der US-Geheimdienst habe das BKA schon vor Tagen gewarnt.

Warnung an Trittbrettfahrer

Nach weiteren Informationen des Bayerischen Rundfunks hatten die gesuchten Personen geplant, in München mit Kalaschnikow-Maschinenpistolen einen Anschlag zu verüben - ähnlich wie bei den Attentaten von Paris im November. Mehrere Personen seien ausgiebig observiert worden. Die Ermittler bestätigten die Informationen nicht.

Während der Sperrungen der beiden Bahnhofe waren in München der gesamte Fernverkehr und Teile des Nahverkehrs gestoppt worden. "Wir hoffen, dass es weiterhin ruhig bleibt und dass dieser Anschlag nicht stattfindet - vielleicht weil er tatsächlich gar nicht so geplant war, oder vielleicht weil die Täter jetzt davon Abstand genommen haben", sagte Innenminister Hermann. Das sollten die Ermittlungen der nächsten Tage zeigen.

Laut Polizeipräsident Andrä gab es bislang auch zwei Trittbrettfahrer. Diese müssten sich jedoch "warm anziehen", sagte er - und kündigte scharfe Maßnahmen an. "Die bekommen von uns eine intensive Behandlung."

Viele Münchner ließen sich die Silvesterlaune von der Terrorwarnung nicht verderben. Sie feierten, ließen Raketen steigen und zündeten Böller. Vielerorts trübte eher der Regen die Stimmung.

feb/hen/kev/lov/mxw/otr/dpa/AFP

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