Schmugglerprozess in München Mit dem Golf voller Waffen nach Paris

In einem VW randvoll mit Kriegsgerät wurde Vlatko V. auf dem Weg nach Paris erwischt - nun steht er in Bayern vor Gericht. Klar ist: Von den Waffen wusste er. Doch was ist mit möglichen Verbindungen zu Terroristen?

Angeklagter Vlatko V.
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Angeklagter Vlatko V.

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Vlatko V. ist mager und wirkt verängstigt, als er am Freitagmorgen in Handschellen in den Saal B162 des Münchner Landgerichts geführt wird. Ein Landarbeiter mit groben Händen, 51 Jahre, aus einem kleinen und armen Dorf in Montenegro, in dem es keine Hausnummern gibt. Dieser Mann soll mit dem internationalen Terrorismus in Verbindung stehen? Diese Frage muss seit diesem Freitag das Gericht klären. Konkret geht es um einen VW Golf voller versteckter Waffen, die angeblich für mögliche Attentäter in Paris bestimmt waren.

Sein Leben, wie V. es beschreibt, war geprägt von schwerer Arbeit und wenig Geld. V. verließ die Schule nach der achten Klasse und bekam einen Job als Saisonarbeiter auf einer Weinplantage. Für zwei Euro Stundenlohn. Später wurde er Schaffner, verlor auch diesen Job, und grub feinen Sand aus dem Fluss, um ihn zu verkaufen. Danach hütete er seine Ziegenherde, die er auf stolze 70 Stück vermehrt hatte.

Als ihm die Arbeit zu viel wurde, brachte er die Ziegen zum Metzger, lebte eine Zeit lang von dem Erlös und ging wieder auf die Weinplantage. Bei Verwandten hat er 2000 Euro Schulden, die Elektrizitätswerke stellten den Strom in seiner ärmlichen Einzimmerwohnung im alten Haus seiner Eltern ab, weil er die Rechnung nicht bezahlen konnte. Eine Frau hat er nie gefunden, aber wenn er Geld hatte, reichte es für Wein und Schnaps.

Die Münchner Staatsanwaltschaft sieht in dem einfachen Landarbeiter einen Terrorhelfer. Jemanden, der beteiligt war, einen schweren Anschlag in Paris vorzubereiten, bei dem vielleicht Dutzende Menschen getötet werden sollten. Weil er für den Lohn von 2000 Euro Kriegswaffen in einem VW Golf vom Balkan über Deutschland nach Paris fahren wollte, ist V. wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat und besonders schweren Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz angeklagt, doch die Beweise dafür fehlen noch immer. So bleibt ungewiss, ob die bayerische Polizei die Welt vor einem weiteren Massaker in Frankreich bewahrte, oder ob sie lediglich einen armen Handlanger erwischte, der für das organisierte Verbrechen Waffen schmuggelte.

Kein nachweisbarer Bezug zur Tat

Was Vlatko V. aus dem abgehängten, aussichtslosen Leben auf dem Land in einem der ärmsten Staaten Europas herauskatapultierte in die Welt der Mafia, möglicherweise sogar des internationalen Terrorismus, wird sich wohl nie aufklären. Der Beschuldigte schweigt zur Tat, sein Anwalt verliest eine dürre Erklärung: Ja, sein Mandant habe gewusst, dass sich Waffen und Munition in seinem Auto befinden. Wozu sie dienten, wusste er nicht.

Das Gericht hatte zuvor angekündigt, wenn V. ein Geständnis ablege, sage man ihm eine Freiheitsstrafe zwischen drei Jahren und neun Monaten und vier Jahren und drei Monaten Haft zu. Die Kammer habe im übrigen erhebliche Bedenken hinsichtlich der Beihilfe zu einem Terroranschlag, es fehle die notwendige Konkretisierung, also der nachweisbare Bezug zu einer geplanten Tat oder zu einem Terrorverdächtigen. Auch den Waffenschmuggel werde man vermutlich nicht als besonders schweren Fall werten.

Zieladresse in Paris

Vlatko V. war am 5. November 2015 auf einem Parkplatz an der Autobahn A 8 nahe Rosenheim von einer Polizeistreife kontrolliert worden. Um die Fahrgestellnummer zu überprüfen, hatten die Beamten die Motorhaube geöffnet. Dabei war durch Zufall ein Stück Gummi in einer Rinne zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe gebrochen. Darunter lag eine Kunststoffverkleidung, die der Polizeibeamte anhob. Er entdeckte eine Pistole, V. wurde festgenommen, der VW Golf zur Spurensicherung gebracht.

Ein Räumkommando fand in jedem Hohlraum des Autos weitere Waffen. Sturmgewehre, Handgranaten, Pistolen, Sprengstoff, Zünder und die geeignete Munition. Im Navigationsgerät des Fahrzeugs war eine Adresse im Pariser Westen eingespeichert, dieselbe Adresse stand auf einem Zettel, den man bei V. fand. In seinem Handy hatte er eine Nummer aus Paris gespeichert, von der aus V. kurz nach der Festnahme angerufen wurde. Wer der Anrufer war, ließ sich nie feststellen. Auch an der Adresse fand sich nichts Verdächtiges. Wenige Tage später starben bei islamistischen Attentaten in Paris 130 Menschen, 352 wurden verletzt.

Schon bald sagt der Autovermieter aus

Dass V. eben jenen Terroristen Nachschub liefern sollte, steht für die Ankläger in München fest, seit sich ein Mitgefangener als Zeuge gemeldet hat. In der Haft in Traunstein soll ihm V. gestanden haben, von den Waffen und den Anschlägen gewusst zu haben. Zweites Indiz ist für die Staatsanwaltschaft ein Gutachten des Landeskriminalamts. Das beschreibt den Sprengstoff und die Zündvorrichtung, die im Golf gefunden wurden, als exakt geeignet für einen Selbstmordanschlag.

Über die Auftraggeber von V. ließ sich nur wenig ermitteln. Einzige Spur ist eine Autovermietung in Montenegro, die V. den Golf zur Verfügung stellte. Doch ob bereits dort die Waffen ins Auto eingebaut wurden, wissen die Münchner Fahnder nicht. Der Inhaber der Mietwagenfirma ist Deutscher, der von dem Geschäft jedoch nichts gewusst haben soll. Abgewickelt wurde es von einem Mitarbeiter vor Ort. Der deutsche Inhaber wird nächste Woche im Prozess aussagen.



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