Münchens 11. September Minuten vor dem Abschuss

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2. Teil: Schießen oder nicht? Drei Minuten bis zur Entscheidung.


Auf der Ehrentribüne im Münchner Olympiastadion wurde inzwischen diskret die versammelte Polit-Prominenz informiert, einige verließen vorsichtshalber ihre Plätze. Hinter ihnen saß Joachim Fuchsberger als Stadionsprecher. In der "Süddeutschen Zeitung" beschrieb Fuchsberger einst den Moment, in dem August Everding, der Regisseur der Abschlussfeier, einen Zettel an die Scheibe der Sprecherkabine drückte, dem ihn Sicherheitskräfte zugesteckt hatten.

"Nicht identifizierte Flugobjekte im Anflug auf das Olympiastadion - möglicherweise Bombenabwurf - sag, was du für richtig hältst."

Fuchsberger blickte zum Himmel, sah, wie in großer Höhe zwei Abfangjäger über das Stadion donnerten.

Fuchsberger wusste nicht, was richtig war. "Ich war der einsamste und angeschissenste Mensch, den man sich vorstellen kann", sagte er später der "SZ". 70.000 Menschen auffordern, das Stadion zu verlassen? Dabei aber Ruhe zu bewahren? Eine Massenpanik mit unabsehbaren Folgen wäre unausweichlich gewesen.

Fuchsberger schwieg. Zum Glück.

In Bonn spürte Verteidigungsminister Leber, "dass ich mit jeder Minute, die verging, immer dringender vor eine ungeheuer schwierige Entscheidung gestellt wurde. Es war für mich in diesem Augenblick sehr fraglich, in welchem Maße ich auf dem Weg war, gegen die Verfassung, gegen andere Gesetze und gegen eingegangen Verpflichtungen dem Bündnis gegenüber zu verstoßen. Gleichzeitig war es mir unvorstellbar, dass der deutsche Verteidigungsminister es zulassen durfte, dass über dem Olympiastadion in München vor den Augen der halben Welt von Terroristen eine Bombe abgeworfen werden konnte".

Zwei Minuten nach dem Aufstieg der Kampfjets meldete die Luftraumüberwachung: Das unbekannte Flugzeug ist außer Kontrolle. Der Krisenstab vermutete, die Entführer seien in den Tiefflug übergegangen, um das Radar zu unterfliegen. Plötzlich tauchte die Maschine bei Augsburg wieder auf dem Schirm der Flugsicherung auf: Es steuerte in 2000 Metern Höhe weiter Richtung München.

Im letzten Moment meldet sich ein finnisches Flugzeug

In seinen Memoiren sprach Leber vom "schwierigsten Augenblick" im Ablauf der Ereignisse. "Wenn ich zu diesem Zeitpunkt den Einsatzbefehl an die beiden Abfangjäger gegeben hätte und das unbekannte Flugzeug hätte sich nicht einfach von seinem Ziel abdrängen lassen, dann hätte es an dieser Stelle zum Waffeneinsatz kommen müssen."

Doch Leber nahm sich noch Zeit. "Es waren zwei, drei sehr lange Minuten." Niemand seiner militärischen Berater habe ihn gedrängt, doch könne er nicht ausschließen, "dass der ein oder andere unter ihnen mich in diesem Augenblick für einen Zauderer gehalten hat".

Als fast keine Zeit zum Zaudern mehr blieb, meldete sich das unbekannte Flugzeug plötzlich bei der Flugsicherung. Die Piloten einer finnischen Passagiermaschine berichteten, ihre Bordtechnik samt Radar sei vorübergehend ausgefallen, man habe sich deswegen verirrt. Sie baten um Landeerlaubnis für den Flughafen München-Riem.

An Bord der DC 9 waren mehr als hundert Menschen.

"Höchstens zwei Minuten später", erinnerte sich Leber, "hätte dieser Vorgang, der sich jetzt wie eine Episode anhört, einen anderen Verlauf genommen. Auch meine eigene Welt hätte drei Minuten später ganz anders ausgesehen. Ich habe in meinem Leben nicht immer so viel Glück gehabt wie an diesem Abend des 11. September 1972."



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Seite 1
delta058 17.09.2007
1.
Können wir nicht erstmal abwarten was er tut, wenn es soweit ist? Im Gegensatz zu Schäuble will er ja nicht das GG abschaffen, er sagt nur was er entscheiden (aber nicht tun) würde, wenn dieser Fall eintritt (ob er es tut ist eine andere Frage). Reden können die doch so viel sie wollen.
Coolie, 17.09.2007
2.
Zitat von sysopVerteidigungsminister Jung provoziert mit seinem Vorstoß zum Abschuss entführter Flugzeuge massive Kritik von SPD und Grünen. Schon gibt es die erste Rücktrittsforderung. Ihre Meinung: Ist der Minister noch tragbar? Oder muss jede Notsituation gesondert bewertet und entschieden werden?
Der Herr Jung ist nicht einzige, der Probleme mit der Verfassung hat. Im Moment scheint in Berlin eine Seuche zu grassieren. Die, die einen Amsteid auf die Verfassung geschworen haben, sind gerade fleissig dabei, sie stückchenweise zu entsorgen. Und es geht kein Aufschrei durch den Blätterwald. Schade, das erst in knapp 2 Jahren die nächsten Bundestagswahlen sind.
erikstrub 17.09.2007
3.
Zitat von sysopVerteidigungsminister Jung provoziert mit seinem Vorstoß zum Abschuss entführter Flugzeuge massive Kritik von SPD und Grünen. Schon gibt es die erste Rücktrittsforderung. Ihre Meinung: Ist der Minister noch tragbar? Oder muss jede Notsituation gesondert bewertet und entschieden werden?
In Extremsituationen mag es sein, dass eine moralische Entscheidung gegen das Gesetz steht oder nicht gesetzlich geregelt ist. Wenn ich im Extremfall eine Entscheidung treffe, die ungesetzlich ist, aber meiner Meinung nach moralisch, muss ich mich daran messen lassen, dass ich hinter meiner moralischen Entscheidung stehe, aber bereit bin, die gesetzlichen Konsequenzen zu tragen. Die Art und Weise, in der Verteidigungs- und Innenminister agieren, lässt befürchten, dass sie den Unterschied zwischen Moral und Gesetz nicht richtig verstanden haben. Oder dass sie aus politischen Gründen so tun, als gäbe es keinen Unterschied.
inci 17.09.2007
4.
Zitat von delta058Können wir nicht erstmal abwarten was er tut, wenn es soweit ist? Im Gegensatz zu Schäuble will er ja nicht das GG abschaffen, er sagt nur was er entscheiden (aber nicht tun) würde, wenn dieser Fall eintritt (ob er es tut ist eine andere Frage). Reden können die doch so viel sie wollen.
aber genau wie herr schäuble demonstriert herr jung höchst provokativ "erkenntnis-resistenz". schließlich gibt es zum thema flugzeugabschuß bereits ein urteil des bundesverfassungsgericht, im gegensatz zur online-überwachung. das ganze erscheint mir eher als ein taktischer innenpolitischer schachzug, damit herr schäuble optisch etwas aus dem licht der kritik gerückt werden kann. im übrigen bleibe ich bei der meinung, daß diese art von "störfeuer" lediglich dazu dient, dem derzeitigen koalitionspartner klarzumachen, daß es keine groko 2.0 geben wird.
ErfolgReichSchoen, 17.09.2007
5. Jung und Schäuble: weiter so!
Zitat von CoolieDer Herr Jung ist nicht einzige, der Probleme mit der Verfassung hat. Im Moment scheint in Berlin eine Seuche zu grassieren. Die, die einen Amsteid auf die Verfassung geschworen haben, sind gerade fleissig dabei, sie stückchenweise zu entsorgen. Und es geht kein Aufschrei durch den Blätterwald. Schade, das erst in knapp 2 Jahren die nächsten Bundestagswahlen sind.
Warum auch? Diese Politiker handeln mit Bedacht! Wenn die Verfassung uns Deutsche nicht mehr vor blutigem Terror schützen kann, tun die Politiker nur ihre Pflicht wenn sie die Verfassung auch mal ignorieren. Es dient doch nur dem Schutze des deutschen Volkes! Eigentlich müsste die Verfassung aufgrund der aktuellen Bedrohungslage schnell überarbeitet werden, damit besonders der Innenminister und der Verteidigungsminister spezielle Befugnisse erhalten und uns besser schützen können!
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