Münchens 11. September Minuten vor dem Abschuss

Zwei Minuten entschieden über Tod oder Leben: Während der Olympia-Schlussfeier 1972 stand Verteidigungsminister Georg Leber kurz davor, den Abschuss eines Passagierjets zu befehlen - ein Drama mit Lehren für die Debatte dieser Tage?

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Hamburg - Georg Leber saß am Schreibtisch seines Bonner Büros, vor ihm ein Stapel Akten, alles, was in den hektischen Stunden der vergangenen Tage so liegen geblieben war. Über den kleinen Fernseher hinter dem Tisch flimmerte der Beginn der olympischen Abschlussfeier aus dem Stadion in München.

Es sollte eine gedämpfte Feier werden: Das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft, bei dem insgesamt 17 Menschen starben, hatte einen dunklen Schatten auf das Sportereignis geworfen. "The games must go on", hatte das Internationale Olympische Komitee beschlossen. Die Schlussfeier fand mit nur einem Tag Verzögerung statt.

Es war ein 11. September, ausgerechnet, ein Spätsommertag des Jahres 1972, als um 20.05 Uhr ein Adjutant an Lebers Schreibtisch trat. Der olympische Sicherheitschef habe Alarm geschlagen, Terroristen hätten vor wenigen Minuten in Stuttgart ein Kleinflugzeug gestohlen. "Man habe Erkenntnisse darüber, dass versucht werden sollte, aus dem gestohlenen Flugzeug über dem Olympiastadion in die Schlussfeier hinein Bomben zu werfen", schrieb der SPD-Politiker später in seinen Memoiren mit dem Titel "Vom Frieden" über die Meldung seines Mitarbeiters.

Die dramatischsten Minuten im Leben von Georg "Schorsch" Leber begannen.

Jung und Schäuble erinnern die Genossen an Lebers Dilemma

Minuten, auf die 35 Jahre danach Lebers später Amtsnachfolger Franz Josef Jung (CDU) und Innenminister Wolfgang Schäuble nur zu gern verweisen - immer dann, wenn sie eine Grundgesetzänderung fordern, die als letztes Mittel der Terrorabwehr den Abschuss entführter Flugzeuge erlaubt. Schäuble erinnerte schon im vergangenen Jahr bei der Bundestagsdebatte über das vom Verfassungsgericht in der entscheidenden Passage gekippte Luftsicherheitsgesetz an Lebers Erfahrungen. "Machen Sie es sich und uns nicht zu einfach", warnte er seinerzeit die Abgeordneten.

Und gestern beschrieb auch Jung den Genossen im Plenum noch einmal das Dilemma, in dem sich einer der ihren einst befunden hatte. Es wäre gut, zitierte der Minister aus dem Buch seines Vorgängers, wenn der Vorfall "einmal politisch und juristisch aufgearbeitet würde". Niemand könne ausschließen, dass sich so etwas in ähnlicher Form wieder einmal ereignet, hatte Leber geschrieben.

Startbefehl für Abfangjäger

An jenem 11. September 1972, abends um kurz nach acht, wusste Leber, dass er keine Zeit zu verlieren hatte. "Der Vorgang war ungewöhnlich, und gleichzeitig schaffte er einen zeitlichen Zwang, der langes Nachdenken ausschloss", schrieb er in seinen Erinnerungen. "Dass jede Entscheidung eine Fülle staatsrechtlicher und politischer Probleme in sich barg, war mir sofort völlig klar."

Leber versuchte, die Meldungen über die Flugzeugentführung zu erhärten. Die Flugsicherung berichtete, sie verfolge seit 20.03 Uhr ein nicht identifiziertes Objekt, das in 2000 Metern Höhe rund elf Meilen nordwestlich von Ulm langsam gen Osten unterwegs sei. Das passte zu den Berichten über das gestohlene Flugzeug in Stuttgart.

Leber und seine Berater warteten weitere drei Minuten bis zur nächsten Meldung der Radarkontrolle: Der Punkt auf dem Schirm flog weiter Richtung München. Der Minister befahl den Start der Alarmrotte des Jagdgeschwaders 74 vom Flugplatz in Neuburg an der Donau. Scharf bewaffnet stiegen zwei Jets auf, die Piloten kreisten zunächst über ihrem Stützpunkt, später über der bayerischen Landeshauptstadt.



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Seite 1
delta058 17.09.2007
1.
Können wir nicht erstmal abwarten was er tut, wenn es soweit ist? Im Gegensatz zu Schäuble will er ja nicht das GG abschaffen, er sagt nur was er entscheiden (aber nicht tun) würde, wenn dieser Fall eintritt (ob er es tut ist eine andere Frage). Reden können die doch so viel sie wollen.
Coolie, 17.09.2007
2.
Zitat von sysopVerteidigungsminister Jung provoziert mit seinem Vorstoß zum Abschuss entführter Flugzeuge massive Kritik von SPD und Grünen. Schon gibt es die erste Rücktrittsforderung. Ihre Meinung: Ist der Minister noch tragbar? Oder muss jede Notsituation gesondert bewertet und entschieden werden?
Der Herr Jung ist nicht einzige, der Probleme mit der Verfassung hat. Im Moment scheint in Berlin eine Seuche zu grassieren. Die, die einen Amsteid auf die Verfassung geschworen haben, sind gerade fleissig dabei, sie stückchenweise zu entsorgen. Und es geht kein Aufschrei durch den Blätterwald. Schade, das erst in knapp 2 Jahren die nächsten Bundestagswahlen sind.
erikstrub 17.09.2007
3.
Zitat von sysopVerteidigungsminister Jung provoziert mit seinem Vorstoß zum Abschuss entführter Flugzeuge massive Kritik von SPD und Grünen. Schon gibt es die erste Rücktrittsforderung. Ihre Meinung: Ist der Minister noch tragbar? Oder muss jede Notsituation gesondert bewertet und entschieden werden?
In Extremsituationen mag es sein, dass eine moralische Entscheidung gegen das Gesetz steht oder nicht gesetzlich geregelt ist. Wenn ich im Extremfall eine Entscheidung treffe, die ungesetzlich ist, aber meiner Meinung nach moralisch, muss ich mich daran messen lassen, dass ich hinter meiner moralischen Entscheidung stehe, aber bereit bin, die gesetzlichen Konsequenzen zu tragen. Die Art und Weise, in der Verteidigungs- und Innenminister agieren, lässt befürchten, dass sie den Unterschied zwischen Moral und Gesetz nicht richtig verstanden haben. Oder dass sie aus politischen Gründen so tun, als gäbe es keinen Unterschied.
inci 17.09.2007
4.
Zitat von delta058Können wir nicht erstmal abwarten was er tut, wenn es soweit ist? Im Gegensatz zu Schäuble will er ja nicht das GG abschaffen, er sagt nur was er entscheiden (aber nicht tun) würde, wenn dieser Fall eintritt (ob er es tut ist eine andere Frage). Reden können die doch so viel sie wollen.
aber genau wie herr schäuble demonstriert herr jung höchst provokativ "erkenntnis-resistenz". schließlich gibt es zum thema flugzeugabschuß bereits ein urteil des bundesverfassungsgericht, im gegensatz zur online-überwachung. das ganze erscheint mir eher als ein taktischer innenpolitischer schachzug, damit herr schäuble optisch etwas aus dem licht der kritik gerückt werden kann. im übrigen bleibe ich bei der meinung, daß diese art von "störfeuer" lediglich dazu dient, dem derzeitigen koalitionspartner klarzumachen, daß es keine groko 2.0 geben wird.
ErfolgReichSchoen, 17.09.2007
5. Jung und Schäuble: weiter so!
Zitat von CoolieDer Herr Jung ist nicht einzige, der Probleme mit der Verfassung hat. Im Moment scheint in Berlin eine Seuche zu grassieren. Die, die einen Amsteid auf die Verfassung geschworen haben, sind gerade fleissig dabei, sie stückchenweise zu entsorgen. Und es geht kein Aufschrei durch den Blätterwald. Schade, das erst in knapp 2 Jahren die nächsten Bundestagswahlen sind.
Warum auch? Diese Politiker handeln mit Bedacht! Wenn die Verfassung uns Deutsche nicht mehr vor blutigem Terror schützen kann, tun die Politiker nur ihre Pflicht wenn sie die Verfassung auch mal ignorieren. Es dient doch nur dem Schutze des deutschen Volkes! Eigentlich müsste die Verfassung aufgrund der aktuellen Bedrohungslage schnell überarbeitet werden, damit besonders der Innenminister und der Verteidigungsminister spezielle Befugnisse erhalten und uns besser schützen können!
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