Münchhausen-Check Kardinal Meisner und die "Pille danach"

Kardinal Meisner korrigiert sich: Nach einer Vergewaltigung sei die "Pille danach" vertretbar. SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck: Hat die katholische Kirche damit Klarheit geschaffen?

Kardinal Joachim Meisner: "Daraus ergeben sich ethische Konsequenzen"
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Kardinal Joachim Meisner: "Daraus ergeben sich ethische Konsequenzen"

Von Hauke Janssen


Hintergrund der Debatte ist der Fall einer jungen Frau. Sie war im Dezember 2012 nach einer Vergewaltigung in katholischen Kliniken abgewiesen worden, weil die Ärzte dort laut einer Richtlinie keine "Pille danach" verschreiben durften. Dafür war die Kirche heftig kritisiert worden.

Der Kölner Erzbischof Joachim Meisner hatte sich in der Vergangenheit mehrfach deutlich gegen Abtreibung ausgesprochen und betont, dass die Kirche die Position des absoluten Lebensschutzes vertrete. Er sei sich bewusst, dass das wie in dem Fall der jungen Frau zu "unerträglichen Entscheidungssituationen" führen könne.

Der Kardinal sagte nun, er habe seine Ansicht zu dem Medikament geändert. Ihm sei deutlich geworden, dass unter dem Namen "Pille danach" unterschiedliche Wirkungen zusammengefasst werden.

In der Original-Erklärung Meisners heißt es:

"Aus gegebenem Anlass habe ich mich mit Fachleuten über die Frage der Verordnung der sogenannten 'Pille danach' beraten. Dabei wurde deutlich, dass darunter unterschiedliche Präparate mit unterschiedlichen Wirkprinzipien zu verstehen sind, deren Wirkungen und Nebenwirkungen sich in der wissenschaftlichen Diskussion immer weiter klären. Daraus ergeben sich ethische Konsequenzen.

Wenn nach einer Vergewaltigung ein Präparat, dessen Wirkprinzip die Verhinderung einer Zeugung ist, mit der Absicht eingesetzt wird, die Befruchtung zu verhindern, dann ist dies aus meiner Sicht vertretbar.

Wenn ein Präparat, dessen Wirkprinzip die Nidationshemmung ist, mit der Absicht eingesetzt wird, die Einnistung der bereits befruchteten Eizelle zu verhindern, ist das nach wie vor nicht vertretbar, weil damit der befruchteten Eizelle, der der Schutz der Menschenwürde zukommt, die Lebensgrundlage aktiv entzogen wird."

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Bündnis 90/ Die Grünen) äußerte sich positiv über die, wie sie sagte, "klarstellenden Worte des Erzbischofs". Sie müssten für alle katholischen Kliniken in Nordrhein-Westfalen Signalwirkung haben. Die von Steffens begrüßte 'Klarstellung' entpuppt sich bei näherem Hinsehen allerdings als politisches Wunschdenken.

Kardinal Meisner stellte nicht ohne Grund die ethische Absicht heraus, mit der die "Pille danach" verabreicht wird. Denn die von ihm genannten Wirkprinzipien lassen sich zwar ethisch voneinander abgrenzen, in der praktischen Anwendung aber kaum.

Mediziner jedenfalls wundern sich über die Erklärung des Kardinals. Auf dem deutschen Markt sind als 'Pille danach' nämlich nur Produkte erhältlich, die nicht nur Befruchtung oder den Eisprung der Frau verhindern, sondern auch bereits befruchtete weibliche Lebenskeime vernichten. Genau das gilt Meisner freilich weiterhin als Sakrileg.

Fazit: Nimmt man als Arzt und Katholik die Worte des Kardinals und die Verantwortung im Sinne der katholischen Morallehre ernst, kann entgegen der Aussage von Ministerin Steffens von Klarheit keine Rede sein - die Unsicherheit bleibt.

Urteil: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis (5)

Mitarbeit: Viola Broecker



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Seite 1
bekkawei 05.02.2013
1.
Zitat von sysopDPAKardinal Meisner korrigiert sich: Nach einer Vergewaltigung sei die "Pille danach" vertretbar. SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck: Hat die katholische Kirche damit Klarheit geschaffen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/muenchhausen-check-der-kardinal-und-die-pille-danach-a-881308.html
Ach Leute, lasst den Mann doch. Wer das ernst nimmt, was er sagt, der kann sich ja dran halten. Und fuer den Rest ist es vollkommen belanglos, welche Meinung er zu der Pille danach hat.
crizz123 05.02.2013
2. Na toll
Liebe Spon-Redaktion, das wäre doch die Möglichkeit gewesen, sich mit der aktuellen Sachlage kritisch zu befassen. Stattdessen nur ein Satz zu den Wirkmechanismen - ohne Angabe einer Quelle. Denn es gibt sie, die Studien, von denen das Erzbistum Köln spricht. Ich wundere mich, dass die Medien nicht selber nachforschen. Mit dem Thema bin ich schon länger vertraut. Tatsächlich verdichten sich zumindest für den Wirkstoff Levonorgestrel seit einigen Jahren die Hinweise, dass er, als "Pille danach" verabreicht, keine nidationshemmende Wirkung haben. Bei Einführung des Präparats wurde angenommen, dass es diese Wirkung haben kann. Seitdem bestätigen internationale Studien überzeugend, dass es diesen Wirkmechanismen nicht gibt bzw. er nur sehr selten eintritt. Außerdem wäre es schön, wenn die Medien dann auch darüber aufklären würden, dass das für die meisten gängigen Verhütungsmittel gilt! Sollen die jetzt alle verboten werden???
atech 06.02.2013
3.
Zitat von sysopDPAKardinal Meisner korrigiert sich: Nach einer Vergewaltigung sei die "Pille danach" vertretbar. SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck: Hat die katholische Kirche damit Klarheit geschaffen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/muenchhausen-check-der-kardinal-und-die-pille-danach-a-881308.html
nein, denn in den katholischen Medien kursieren weiterhin Fehldarstellungen, nach der die in Deutschland auf dem Markt befindlichen Präparate der Pille danach abtreibende Wirkung hätten. Auch der Artikel klärt hier nicht wirklich auf. Dem kann Abhilfe geschaffen werden: Berufsverband der Frauenärzte e.V.: Die „Pille danach“ ist Verhütung, kein Schwangerschaftsabbruch (http://www.bvf.de/fach_info.php?r=2&m=0&s=0&artid=420) Es ist natürlich nicht zielführend, wenn Fachärzte wie der Gynäkologe Bernhard von Tongelen in öffentlichen Fernsehsendungen dem neuesten Stand der Wissenschaft widersprechen und davon reden, dass "man" nicht genau sagen könnte, ob die in D erhältlichen Präparate nicht doch die Einnistung der befruchteten Eizelle verhindern (sie tun es nicht). Meisner ist völlig korrekt informiert worden - hoffentlich tun die Medien dies auch. Und dann ist da noch die deutsche Bischofskonferenz, die vom 18. bis 21. Februar 2013 stattfindet und auf der die "Pille danach" ein Thema sein wird. Unabhängig davon, zu welchen Erkenntnissen und Schlüssen die Kirchenfürsten dort kommen werden, um Klarheit bezüglich dessen zu schaffen, was Katholiken künftig glauben und katholische Krankenhäuser und Gynäkologen praktizieren sollten: die Öffentlichkeit sollte sich auf den Standpunkt stellen, dass es die katholische Kirche nichts angeht, wie die Deutschen verhüten. Nicht alle Deutschen sind Katholiken. Und es bleibt den Katholiken unbenommen, der Lehre der RKK bezüglich der Schwangerschaftsverhütung zu folgen.
glace70 25.12.2013
4. Das Wohl und der Wille des Patienten sei Motor all meines Handelns,
dieses praegnante Postulat eines mediziniscben Ethos, generiert vom frueheren Prof. Julius Hackethal, bestimmt auch mein aerztliches Tun und Lassen! Auf gar keinen Fall liesse ich mich von einer Organisation beeinflussen, die mit Kreuzzuegen, Inquisition und Hexenwahn millionenfach gemordet hat und mit der Heuchelei vom "Lebensschutz" ihre Opfer im Nachhinein verhoehnt!
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