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Münchhausen-Check: "Weiblich, alt, arm"

Von Hauke Janssen

Bedürftige in Wiesbaden: Mehr Rentner benötigen zum Überleben Geld vom Staat Zur Großansicht
DPA

Bedürftige in Wiesbaden: Mehr Rentner benötigen zum Überleben Geld vom Staat

Politiker, Medien und Sozialverbände warnen einträchtig vor "einer Lawine weiblicher Altersarmut". Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Ist das Rentenproblem wirklich vorrangig ein Frauenproblem?

"Kindererziehung ist die Hauptursache von Altersarmut", mit diesen Worten wirbt Bayerns Ex-Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) für die sogenannte Mütterrente, also den Vorschlag, Kindererziehungszeiten vor 1992 wirksamer auf die Rente anzurechnen. Ihr männlicher Kollege, CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, sieht das ähnlich: Mit Verbesserungen bei der "Mütterrente" könne ein Großteil des Problems Altersarmut gelöst werden, meint er.

Neue Zahlen vom Statistischen Bundesamt belegen, dass vor allem Frauen von Altersarmut betroffen sind. Ist das Rentenproblem also insbesondere ein Frauenproblem?

Richtig ist erst einmal: Immer mehr Rentner benötigen zum Überleben Geld vom Staat. 2003 waren es insgesamt rund 440.000, Ende 2012 fast 900.000. Davon erhielten knapp 465.000 Bundesbürger über 65 die sogenannte Grundsicherung im Alter, weitere 435.000 erhielten Grundsicherung wegen einer dauerhaften Erwerbsminderung.

Grundsicherung im Alter gibt es seit 2003. Wer anspruchsberechtigt ist, bewegt sich unter Hartz-IV-Niveau und gilt definitiv als altersarm. Also springt der Staat bei: Rente und Grundsicherung zusammengenommen ergeben dann im Schnitt gut 700 Euro im Monat, also wirklich nicht viel. Die genaue Höhe hängt unter anderem von den regional unterschiedlich hohen Mieten ab.

Zahl der Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Zahl der Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung

Was ist nun die Ursache für die steigende Anzahl der "hilfsbedürftigen Ruheständler"? Die Kommentatoren von der "Süddeutsche Zeitung" machen neben der Tatsache der steigenden Zahl der "Alten" an sich den Grund aus, dass viele Frauen "zu wenig gearbeitet" und von daher "nur Anspruch auf eine Mini-Rente" hätten.

Der "Tagesspiegel" betont: "Am stärksten trifft es westdeutsche Frauen im Rentenalter. Ihr Anteil beträgt 3,3 Prozent - von den Männern im Westen müssen nur 2,5 Prozent zum Sozialamt". Das passe, so das Berliner Blatt, zum Koalitionsthema Mütterrente. Denn das Problem der Altersarmut betreffe zunehmend Frauen, die Kinder erzogen und dadurch länger im Job pausiert und wenig in die Rentenkasse eingezahlt hätten.

Auch das ZDF fokussiert das Thema Altersarmut auf die Frauen. Deutschlands Sozialverbände, so ein bei heute.de abrufbarer Beitrag, warnten vor einer "Lawine weiblicher Altersarmut".

Aber stimmt das überhaupt?

Die SPIEGEL-Dokumentation hat die in den vergangenen zehn Jahren statistisch registrierten Steigerungen der Fälle von Altersarmut bei Männer und Frauen in einer Grafik aufbereitet.

Zahl der Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach Geschlecht Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Zahl der Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach Geschlecht

Das Ergebnis ist angesichts des zitierten Medientenors schon ein wenig überraschend: Denn bei den Männern fielen die Steigerungsraten seit Einführung der Grundsicherung 2003 deutlich höher aus als bei den Frauen.

Einem Zuwachs von 139 Prozent bei den Männern (von 174.057 auf 415.568) steht ein Anstieg von "lediglich" 82,9 Prozent bei den Frauen (von 264.774 auf 484.278) gegenüber. Und konzentrieren wir uns auf die Altersrentner (ab 65 Jahre), dann kletterte im Untersuchungszeitraum die Anzahl der altersarmen Männer um 129 Prozent nach oben - die der Frauen dagegen "nur" um 61 Prozent.

Um nicht falsch verstanden zu werden: In absoluten Zahlen gibt es Ende 2012 mit 484.278 zu 415.568 immer noch deutlich mehr altersarme Frauen als Männer. Es gibt keinen Grund, die finanzielle Situation unserer Rentnerinnen zu verharmlosen. Auch jeder betroffenen Mutter seien die gut 50 Euro monatlich mehr, die ihnen die anvisierte Unionsreform im Schnitt verspricht, von Herzen gegönnt.

Aber: Das von Politik, Sozialverbänden und Medien dieser Tage beinahe einträchtig vorgetragene Argument, die stark ansteigende Zahl der von Altersarmut Betroffenen sei vor allem dem Anstieg der Altersarmut bei den Frauen geschuldet, stimmt den Zahlen nach so nicht. Die statistisch ausgewiesene Zunahme von Altersarmut ist bei den Männern stärker ausgeprägt als bei den Frauen, was auf eine Verschlechterung männlicher Erwerbsbiografien schließen lässt.

Fazit: Vorsicht vor einem Gender-Bias in umgekehrter Richtung. Die stark anwachsende Zahl von Altersmut betroffener Männer darf nicht weniger Sorge bereiten, als die Entwicklung bei den Frauen.

Note: Drei schwarze Punkte auf gelbem Grund für die einseitige Sicht der Medien.

Mitarbeit Holger Wilkop

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insgesamt 60 Beiträge
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1. Ein wichtiger Faktor fehlt
widower+2 25.10.2013
In der betroffenen Altersklasse gibt es schlicht wesentlich mehr Frauen, weil deren Lebenserwartung um einige Jährchen höher ist als die der Männer.
2. Wen wundert diese Entwicklung?
donatellab 25.10.2013
Zitat von sysopDPAPolitiker, Medien und Sozialverbände warnen einträchtig vor "einer Lawine weiblicher Altersarmut". Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Ist das Rentenproblem wirklich vorrangig ein Frauenproblem? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/muenchhausen-check-gibt-es-die-weibliche-altersarmut-wirklich-a-929980.html
Künftig werden sehr viel mehr Menschen im Alter arm sein. Nicht etwa, weil sie es sich so gewünscht haben. Das Einkommen im Niedriglohnsektor sorgt dafür, dass wenig Beiträge in die Rentenversicherung fließen können. Dementsprechend mickrig fällt die Rente aus. Wenn ich dann noch lese, dass die Poltik den Leuten rät, privat vorzusorgen, wird mir schlecht. Wovon sollen diese Menschen vorsorgen?
3. Hallo
idealist100 25.10.2013
Zitat von sysopDPAPolitiker, Medien und Sozialverbände warnen einträchtig vor "einer Lawine weiblicher Altersarmut". Die SPIEGEL-Dokumentation macht den Faktencheck: Ist das Rentenproblem wirklich vorrangig ein Frauenproblem? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/muenchhausen-check-gibt-es-die-weibliche-altersarmut-wirklich-a-929980.html
Ist doch egal, Hauptsache der DAX steigt und der DOW den keiner Interessiert kommt in den ÖRR.
4. Weder Frauen noch Männerproblem;
spiekr 25.10.2013
denn es ist völlig gleichgültig, welche Rentenansprüche man heute erwirbt, weil in 10 aber auch 20-30 Jahren alle Auszahlungen von der Kassenlage bzw. der Wirtschaftssituation abhängen. Wer heute manchen Wählergruppen höhere Ansprüche zuspricht, stellt ungedeckte Schecks aus.
5. wesentlich mehr Rentnerinnen als Rentner
MoorGraf 25.10.2013
in der Altersklasse 70+ gibt es 50% mehr Frauen als Männer: dass da auch die Zahl der "Bedürftigen" größer ist, scheint mir naheliegend, oder? und dass Leute, die ihr ganzes Leben nicht oder nur wenig Erwerbsarbeit geleistet haben, im Alter eben keine Rente bekommen, finde ich ebenfalls völlig ok (und genauso unstrittig für mich: wer keine Grundsicherung selber verdient, bekommt die eben von den anderen Deutschen bezahlt, die mehr haben, als die Grundsicherung!) Warum jetzt aber eine Quote von nicht einmal 5% von Renten unter der Grundsicherung ein Problem sein sollen, leuchtet mir nicht ein: entweder bekommt jeder in Deutschland eine Mindestrente oberhalb der Sozialhilfe (und dann zahlt die arbeitende Bevölkerung entsprechend hohe Beiträge, die in 2050 bei einer steigenden Rentnerquote mehr als die Hälfte des Bruttoeinkommens ausmachen wird) oder wir akzeptieren, dass auch im Alter eben Leute, die nicht viel Geld verdienen, eben mit wenig auskommen müssen und zahlen den wirklich Bedürftigen (also unter Hartz IV) aus dem Steuersäckel zu. Ich persönlich finde es fairer, Sozialhilfe zu zahlen, als eine Mindestrente zu haben, die auch die Millionärsgattin bekommt, die nie im Leben arbeiten musste. Wer echt bedürftig ist, dem gebe ich gerne was ab, aber wer einfach nur keine Lust zu arbeiten hatte und sich von seinem Mietshäusern, Familienangehörigen oder sonstwem ernährt hat, sollte meines Erachtens keine Mindestrente bekommen. Mütter: die bekommen 3 Jahre pro Kind eh schon angerechnet, was aus meiner Sicht ausreicht; meine Mutter hätte mit ihren 3 Kindern in den 70er Jahren dann rententechnisch 9 Jahre zuhause bleiben können, sie ist aber lieber arbeiten gegangen (außerdem brauchten meine Eltern das Geld dringend genug, als dass beide arbeiten mussten). Braucht es noch mehr? Oder fängt es dann irgendwann an, unfair zu werden gegenüber denen, die arbeiten gehen?
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Zum Autor
Hauke Janssen (Jahrgang 1958) leitet seit 1998 die Abteilung für Dokumentation beim SPIEGEL. Er ist Sachbuchautor, insbesondere veröffentlichte er Werke zum Themenkomplex der Volkswirtschaft im Deutschland der Dreißigerjahre.

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