Von Hauke Janssen
Die Abstimmung am Donnerstag über die Frauenquote droht zur Zerreißprobe für die Koalition zu werden. Denn bei dem Votum ist die Mehrheit der schwarz-gelben Regierung gefährdet: Einige Parlamentarierinnen der CDU/CSU haben angekündigt, sich dem Druck des Fraktionschefs Volker Kauder nicht zu beugen und im Bundestag für die Quote zu stimmen - darunter womöglich auch Arbeitsministerin Ursula von der Leyen.
Sollte der rot-grüne Ländervorschlag mit Hilfe von Stimmen aus der Union auch im Bundestag eine Mehrheit finden, wäre dies eine herbe Niederlage für die Regierung und Ministerin Kristina Schröder, die entschieden gegen eine starre Quote ist. Ein Kompromiss soll die Abweichler in der Unionsfraktion nun besänftigen.
Der Gesetzentwurf hat die Länderkammer bereits im vorigen September passiert. Alle SPD- und Grün-geführten Länder, aber auch die CDU-Ministerpräsidenten aus dem Saarland und aus Sachsen-Anhalt stimmten damals zu. Der Entwurf regelt die "Einführung gesetzlicher Mindestquoten für die Besetzung von Aufsichtsräten mit Frauen und Männern". Demnach müssen in Aufsichtsräten künftig beide Geschlechter mit mindestens 40 Prozent vertreten sein. Die Umsetzung erfolgt stufenweise. Bis zum 1. Januar 2018 liegt die Schwelle bei zunächst 20 Prozent, fünf Jahre später müssen 40 Prozent erreicht sein.
Unternehmen, die sich nicht an die Quotenregelung halten, sind - von einigen Ausnahmen und Härtefällen einmal abgesehen - von Sanktionen bedroht: Vergütungen von Aufsichtsratsmitgliedern dürften dann nicht mehr vom körperschaftsteuerpflichtigen Gewinn abgezogen werden.
Mit dem deutschen Gesetzesvorhaben weitgehend konform gehen die Pläne der EU-Justizkommissarin Viviane Reding. Sie will eine EU-weite 40-Prozent-Quote für Aufsichtsräte in großen Unternehmen, allerdings schon bis 2020, und bei öffentlichen Unternehmen bis 2018. Doch die Zustimmung des EU-Parlaments und des EU-Ministerrats steht noch aus, und die Bundesregierung will nicht mitmachen.
Frauen gegen die Quote
Das Magazin "Focus" präsentierte im Januar 2013 eine Reihe erfolgreicher Frauen, von denen ein Dutzend in "Stern-Manier" schon auf dem Cover bekannten: "Wir wollen keine Frauen-Quote!".
Im Heft kamen neben Kristina Schröder unter anderem die Politikerinnen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Ilse Aigner (CSU), Petra Roth (CDU), Vera Lengsfeld (CDU) und Dagmar Wöhrl (CSU) entsprechend zu Wort, dazu gesellte sich Prominenz aus Wissenschaft, Wirtschaft, Sport und Kultur.
"Die Mädels meiner Generation haben eine solche Quote überhaupt nicht nötig", erklärte beispielsweise Katharina Wagner (34), Richard-Wagner-Urenkelin und Leiterin der Bayreuther Festspiele.
"Wir schaffen es auch ohne", schloss sich Lencke Wischhusen diesem Statement an. Wischhusen ist die Bundesvorsitzende des Verbandes Junge Unternehmer und Leiterin eines Familienunternehmens.
Maria Höfl-Riesch, Ski-Rennläuferin, Doppel-Olympiasiegerin: "Können und Leistung sollen entscheidend sein, nicht das Geschlecht." (Ist in ihrem Metier auch nicht das Problem, denn sie konkurriert nicht gegen Männer.)
"Eine fähige Frau braucht die Quote wie ein Walfisch die Kapuze", meinte die CSU-Bundestagsabgeordnete Dagmar Wöhrl.
Kommen wir zu den Fakten und sehen wir uns die Zahlen an.
Gibt es die von Kristina Schröder behauptete Zunahme von Frauen in Führungspositionen "fast im Wochentakt" ("Brigitte" vom 28. Juli 2010)? Gibt es also stetige Verbesserungen und brauchen wir deshalb die Quote nicht?
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) veröffentlicht seit einigen Jahren ein "Managerinnen-Barometer". Das neueste stammt aus dem Januar 2013. Dort kann man sich über die Situation informieren.
Fazit: "Der Frauenanteil in Aufsichtsräten und Vorständen großer deutscher Unternehmen ist 2012 etwas gestiegen, verharrt aber weiterhin auf niedrigem Niveau."
In den 200 umsatzgrößten deutschen Firmen (ohne Finanzbranche) waren Ende 2012 nur 4 Prozent aller Vorstandsposten mit Frauen besetzt. Auch im Finanzsektor waren Frauen in der Chefetage stark unterrepräsentiert. Bei den 100 größten deutschen Banken und Sparkassen gab es lediglich 4,2 Prozent Frauen im Vorstand, bei den Versicherungen lag der Anteil mit 5,7 Prozent nur unwesentlich höher.
Besser sah es bei den Aufsichtsräten der Top-200 aus, also dort wo die Einführung einer Quote konkret droht. Ende 2012 standen dort 305 Frauen 2064 Männern gegenüber, das entspricht einem Anteil von 12,9 Prozent.
Das DIW-"Mangerinnen-Barometer" gibt auch Auskunft über die Entwicklung der Anteile in den sieben Jahren von 2006 bis 2012.
Unsere erste Grafik gilt den Aufsichtsräten. Die grünen Dreiecke bezeichnen die jeweiligen Frauenquoten in den Jahren 2006 bis 2012. Die Werte liegen sehr eng um eine Gerade, die uns zur Kennzeichnung des Trends der Entwicklung seit 2006 dient.

Noch eklatanter ist der Timelag bei den Vorständen, also dem Gremium, in dem die operativen Entscheidungen eines Unternehmens gefällt werden und in dem sich der Personalvorstand Gedanken über Frauenförderung macht oder auch nicht.

Münchhausen-Check: Frauenquote
Bei den Vorstandsposten müssten die Frauen laut dem errechneten Trend gar bis zum Jahr 2050 warten, bis auch nur die 20-Prozent-Quote erreicht wäre, die Erfüllung der 40 Prozent-Hürde im Jahr 2100 dürfte keine unserer Leserinnen mehr erleben.
Fazit: Dort wo die Einführung einer gesetzlichen Quote unmittelbar droht, liegen die Werte deutlich näher bei den Zielen, als dort, wo noch kein Quotenvorschlag aussichtsreich zur Abstimmung vorliegt. Die vom Bundesrat geforderten Quotenziele scheinen von allein kaum erreichbar.
Note: Familienministerin Schröder täuscht sich und ihre Wählerinnen über die Realität hinweg - mangelhaft (5).
Mitarbeit: Mita Arp, Ursula Wamser
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