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Münchhausen-Check: Weniger Steinbrück, mehr SPD

Von Hauke Janssen und

Peer Steinbrücks Wortwolke: Analyse der Parteitagreden von Hannover und Augsburg Zur Großansicht

Peer Steinbrücks Wortwolke: Analyse der Parteitagreden von Hannover und Augsburg

"Mehr 'wir', weniger 'ich', dafür steht die SPD", behauptet Peer Steinbrück. SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck: Hält der Kanzlerkandidat Wort? Eine Analyse der Redemanuskripte.

Seit dem Parteitag der SPD in Hannover im Dezember 2012 präsentierte sich der gelegentlich zum Egotrip neigende Genosse Steinbrück geläutert: "Deutschland braucht wieder mehr 'wir' und weniger 'ich'", lautet sein neuer Wahlspruch, "Beinfreiheit" war die Parole von gestern.

Seine Bewerbungsrede um das Amt des Spitzenmannes der SPD legte also den Schwerpunkt auf die Sozialpolitik, das Thema, mit dem die Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr bei den Wählern punkten wollen. Den Sozis gefiel es: Elf Minuten Applaus spendeten die 583 Delegierten und nominierten Steinbrück anschließend mit 93,5 Prozent der Stimmen zu ihrem Kanzlerkandidaten.

Sein nächster großer Auftritt vor versammelter Mannschaft folgte auf dem außerordentlichen SPD-Bundesparteitag Mitte April 2013 in Augsburg.

Bei dieser Rede nun beschlich einige Beobachter das Gefühl, dass der Kandidat zwar wie in Hannover das Soziale, das "Wir" rhetorisch hervorhob, aber doch wieder sehr viel häufiger "Ich" sagte und meinte.

Zur Aufklärung baten wir die Datenjournalisten des SPIEGEL, Steinbrücks Redemanuskripte von Hannover und Augsburg auf einschlägige Worthäufigkeiten hin statistisch zu analysieren.

Es gilt das gesprochene Wort

In diesem Zusammenhang entstand auch die oben abgebildete Wordle-Grafik, in der die in Augsburg gesprochenen Worte umso größer abgebildet sind, je häufiger Steinbrück sie in seiner Rede verwandt hat. Dabei wurden, wie in solchen Verfahren üblich, eine Reihe sogenannter Stoppworte, etwa: "und", "oder" und "mit", ausgeklammert - die Personalpronomen "ich" und "wir" aber, die normalerweise ebenfalls zu den Stoppworten rechnen, haben wir selbstverständlich mitgezählt.

Bezüglich der Häufigkeit der Termini "wir" bzw. "ich" (egal ob groß- oder klein geschrieben) erhielten wir folgendes Ergebnis:

Rede Steinbrück Hannover, 9. Dezember 2012:

"Ich": 110 Fundstellen
"Wir": 168 Fundstellen

Rede Steinbrück Augsburg, 14. April 2013:

"Ich": 120 Fundstellen
"Wir": 107 Fundstellen

Steinbrück sagte in Augsburg also wieder häufiger "ich" und deutlich weniger "wir".

Steinbrücks Remix des Schröderschen

Wir schauten uns darüber hinaus den Kontext der Fundstellen in der Augsburger Rede an. Wir wollten wissen, in welchen Fällen und inhaltlichen Zusammenhängen Steinbrück das "Ich" und in welchen das "Wir" benutzt.

Unter den "Ich"-Sätzen sticht das gleich zu Beginn der Rede platzierte:

"Ich will Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden"

hervor, gewissermaßen Steinbrücks Remix des Schröderschen:

"Ich will hier rein".

Wir fanden aber zugleich eine Reihe 'sozial moderierter' Ich-Sätze, wie:

"Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam Erfolg haben und in der Tat diese Regierung im Herbst dieses Jahres ablösen werden."

oder:

"Ich will aber nicht deshalb Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden, weil es für mich persönlich wichtig ist, sondern weil ich mit Euch gemeinsam vieles in unserem Land wieder ins Lot bringen möchte."

oder:

"Das kann ich nur mit euch gemeinsam."

Echte "Wir"-Sätze Steinbrücks lauten:

"Und deshalb, liebe Genossinnen und Genossen, werden wir vieles besser, aber noch mehr anders machen müssen, wenn wir die Regierung stellen."

oder

"Wir wollen nicht nur Etiketten auf Flaschen kleben, wie die es machen, sondern wir wollen Lösungen produzieren und auch Lösungen liefern."

oder

"Wir werden gleiches Geld für gleiche Arbeit durchsetzen."

oder

"Das ist sozialdemokratische Politik, mit der wir uns unterscheiden."

Zügel wieder etwas gelockert

Insgesamt, so unser Ergebnis, hat Steinbrück hinter sein "Ich" gern ein "mit Euch gemeinsam" oder Ähnliches gestellt - insbesondere dann, wenn es darum geht, was die Partei mit ihm und er mit der Partei erreichen möchte.

Das gilt auch, wenn es darum geht, die Genossen an ihre Mitverantwortung für ehemalige, heute nicht mehr so gern gehörte SPD-Positionen (Agenda 2010) zu erinnern. Steinbrücks Abbitte für seinen Anteil an solchen "Ich-AGs" lautete:

"Ich füge selbstkritisch hinzu: Auch wir Sozialdemokraten haben uns diesem Denken vielleicht nicht genügend entgegengestemmt."

Insgesamt scheint es, als hätten Steinbrück und seine Berater in Hannover noch den drohenden Münchhausen-Test vorausgeahnt und aufgepasst, keinen Anlass für ein neues 'Fettnäpfchen' zu bieten - in Augsburg dann aber die Zügel wieder etwas gelockert.

Fazit: Das ICH und das WIR, der Kandidat und die Partei, suchen noch nach einer ausgewogenen Balance.

Note: Nach vielversprechendem Start gab es in Steinbrücks Hannoveraner Rede zuletzt in Augsburg doch wieder mehr "Ich" als "Wir", deshalb nur knapp ausreichend (4-).

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insgesamt 54 Beiträge
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1. Hä?
saxae 03.05.2013
Will Steinbrück Kanzler werden oder die SPD? Soll er jetzt: "Wir als Kanzler werden..." schreiben und reden damit er nicht als Lügner beim "Faktenchekc" von spiegel-online dasteht?
2. Das könnte ein Witz sein ...
kabian 03.05.2013
Das "Wir" steht für alle Wahlversprechen. Das "ich", wie sie später umgesetzt werden. Zum Beispiel: Vor der Wahl: Wir wollen mehr soziale Gerechtigkeit! Nach der Wahl: Ich habe schon immer gesagt, das eine Agenda 2010 notwendig und richtig ist.
3. Der Kandidat
chico 76 03.05.2013
wurde auf eine linke Linie getrimmt/überredet, die ihm niemand glaubt. Vom Finanzmarkt-Deregulierer zum Bändiger. Vom Gegner zum Befürworter des gesetzlichen Mindestlohnes u.s.w. http://www.spiegel.de/wirtschaft/konfrontationskurs-steinbrueck-gegen-mindestlohn-a-409314.html Mangelnde Glaubwürdigkeit ist sein Problem, nicht die Häufigkeit von ihm verwendeter Wörter.
4. Nicht nur der Kandidat, auch die ganze Partei!
prince62 03.05.2013
Zitat von chico 76wurde auf eine linke Linie getrimmt/überredet, die ihm niemand glaubt. Vom Finanzmarkt-Deregulierer zum Bändiger. Vom Gegner zum Befürworter des gesetzlichen Mindestlohnes u.s.w. http://www.spiegel.de/wirtschaft/konfrontationskurs-steinbrueck-gegen-mindestlohn-a-409314.html Mangelnde Glaubwürdigkeit ist sein Problem, nicht die Häufigkeit von ihm verwendeter Wörter.
Nicht nur der Kandidat wurde auf sozial und Gerechtigkeit umgefärbt, auch die ganze Sozialabbau Partei Deutschland steht plötzlich gegen fast alles, was man die letzten 15 Jahre so vehemt forderte und während der Regierungszeit durchsetzte. Und der Steinbrück ist doch lediglich der billige Abklatsch, vom Hartz- und Maschmeyergehilfen GAZ-Gerd.
5. Man macht sich ja echt Mühe
v.papschke 03.05.2013
den Kanzlerkandidaten im Gespräch zu halten. Wenn Sie Gleiches auch mit Frau Merkel machen , und Anspruch und Wirklichkeit mal objektiv gegenüberstellen sollten, dann is gut.
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Zum Autor
Hauke Janssen (Jahrgang 1958) leitet seit 1998 die Abteilung für Dokumentation beim SPIEGEL. Er ist Sachbuchautor, insbesondere veröffentlichte er Werke zum Themenkomplex der Volkswirtschaft im Deutschland der Dreißigerjahre.



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