Münchhausen-Check: Frau Merkel und die Energiewende

Von Hauke Janssen

Sagen unsere Politiker die Wahrheit? Was ist richtig, was falsch? SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL klopfen Politikeraussagen auf ihren Wahrheitsgehalt ab. Heute im Münchhausen-Check: die Kosten für die Energiewende.

Kanzlerin Merkel: Wie teuer wird die Energiewende? Zur Großansicht
DPA

Kanzlerin Merkel: Wie teuer wird die Energiewende?

Am 15. Oktober 2012 gaben die Netzbetreiber offiziell bekannt, dass die Ökostromumlage im nächsten Jahr auf ein Rekordniveau von knapp 5,3 Cent je Kilowattstunde steigen wird. Derzeit sind es noch 3,6 Cent. Es handelt sich also um einen Zuwachs um satte 47 Prozent. Ein deutscher Durchschnittshaushalt mit einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden muss künftig mit etwa 60 Euro per anno mehr für Strom rechnen. Die Ökostromumlage wird ihn dann insgesamt etwa 185 Euro im Jahr kosten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel warb um Verständnis für die auch in ihrer Partei umstrittene Energiewende: Niemand könne sagen, ein solcher Wandel koste gar nichts. Im Vergleich zu den erfolgten Preiserhöhungen bei anderen Energieträgern wie Gas oder Öl aber sei die Strompreiserhöhung "nur halb so groß". "Das eine nehmen wir lautlos hin, bei dem anderen müssen wir die Folgen vertretbar machen", erklärte die CDU-Vorsitzende Mitte Oktober auf dem Landesparteitag in Celle mit Blick auf die in Niedersachsen am 20. Januar 2013 anstehenden Landtagswahlen. Das Land ist mit Abstand der größte Windenergie-Erzeuger der Republik.

Ist das richtig: Sind die Strompreise nur halb so hoch gestiegen wie die von Öl und Gas? SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Münchhausen-Check:

Für die Prüfung muss zuvor klar sein, welcher Untersuchungszeitraum sinnigerweise zu wählen ist, denn darüber sagte Frau Merkel (vorsichtshalber) nichts.

Aus sachlichen Gründen bietet sich unseres Erachtens der Zeitpunkt der Einführung des Stromeinspeisungsgesetzes im Jahr 1991 an, alternativ das Inkrafttreten des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000 oder dessen Novellierungen 2004 beziehungsweise 2009.

Denn das Einspeisungsgesetz und seine Nachfolger verpflichten die Netzbetreiber zur Abnahme von Strom aus erneuerbaren Energien, sprich: Wind, Wasser, Sonne et cetera. Das Gesetz schreibt dabei feste Vergütungssätze für die Einspeisung von Ökostrom vor. In der Konsequenz führt dies zu der umstrittenen Ökostromumlage - faktisch ein Aufschlag auf den Strompreis, der auf das Portemonnaie drückt.

Wir vergleichen nun die prozentuale Entwicklung der Verbrauchspreise von Heizöl, Gas und Strom für private Haushalte. Die erforderlichen Grunddaten sind allgemein zugänglich beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, einer Quelle, deren Seriosität die Kanzlerin nicht bezweifeln dürfte.

Dabei ist ein längerer Vergleichszeitraum tendenziell besser geeignet, den Einfluss zufälliger Marktpreisschwankungen abzumildern.

Aus den Grunddaten des Bundeswirtschaftsministeriums haben wir nun die für die oben genannten Zeiträume sich ergebenden jeweiligen Preissteigerungen errechnet und in eine Tabelle eingetragen.

Preissteigerung ausgewählter Energieträger
Steigerung 2011/1991 Steigerung 2011/2000 Steigerung 2011/2004 Steigerung 2011/2009
Heizöl 209% 100% 101% 53%
Erdgas 88% 69% 38% -5%
Strom 69% 68% 43% 10%
Quelle: BMWI
Urteil: Die Tabelle zeigt, dass Frau Merkels Behauptung, die Strompreiserhöhung sei "nur halb so groß" ausgefallen wie die Erhöhung der Preise für Öl und Gas, der Tendenz nach lediglich für den Vergleich zwischen Heizöl und Strom zutrifft. Die Kilowattstunde Gas dagegen hat sich für den Verbraucher seit dem Jahr 2000 im Vergleich zum Strompreis kaum stärker verteuert; seit 2004 sind die Gaspreise sogar weniger gestiegen.

Ergebnis: Note 4 = nicht völlig, aber ziemlich falsch

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insgesamt 81 Beiträge
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1. Bei Abzocke
mischpot 10.11.2012
ist irgendwann das Limit erreicht. Eigentlich müsste Energie immer weniger kosten. Die Privatisierung im Energiemarkt hat nur dazu geführt, daß Gewinne privatisiert und Kosten sozialisiert wurden. Und wenn mal nichts gehen sollte haftet sowieso der Steuerzahler. Siehe EnBW
2. Die Kostendiskussion geht ander Bedeutung der Energiewende vorbei
Thomas Weber 10.11.2012
Zitat von sysopSagen unsere Politiker die Wahrheit? Was ist richtig, was falsch? SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL klopfen Politikeraussagen auf ihren Wahrheitsgehalt ab. Heute im Münchhausen-Check: die Kosten für die Energiewende. Münchhausen-Check: Wie teuer wird die Energiewende wirklich? - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/muenchhausen-check-wie-teuer-wird-die-energiewende-wirklich-a-865286.html)
Die Kostendiskussion ist Nebelwerferei. Mit der Kostendiskussion versuchen Privilegienstrukturen und Machtstrukturen davon abzulenken, was die Energiewende tatsächlich bedeutet; nämlich die Wende von einer zentralistischen und großtechnologischen Mangel- und Knappheitsverwaltung fossiler Energieträger zur dezentralen und demokratischeren Überflussverteilung regenerativer Energien. Die Energiewende vom Ende her denken und verstehen! - Am besten, Sie dchten auf der Stelle selber nach (http://thomasweber.blog.de/2012/11/06/energiewende-emanzipation-15172034/)
3. 185 Euro im Jahr?
jipjensen 10.11.2012
Laut der "Welt" wird das Fördervolumen für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien 2013 bei 20,4 Milliarden Euro liegen. Einen Teil dieser Summe bezahlen wir über die EEG-Umlage. Aber den Rest bezahlen wir auch. Nämlich dann, wenn die nichtbefreite Industrie, der Handel, die Verwaltung, das Gewerbe (Bäcker!) ihre Mehrkosten weitergeben. Alles wird teurer. Wenn wir die 20,4 Millarden Förderung 2013 durch 82 Millionen Einwohner teilen, so kommen wir auf 250 €, die jedermann jährlich bezahlt. Ein vierköpfiger Haushalt in Deutschland wird also im 1000 Euro im Jahr ärmer. Das ist einfach zu viel Geld für das Energie-Hobby der Ökoschickeria.
4. Sorry,aber diese FRau kat keine Kontrolle mehr
Kernseife 10.11.2012
über Deutschland und schon gar nicht über Europa,Euro und Schulden.Sie zeichnet alles ab was ihr unter der Nase gehalten wird und vor allem was die Technokraten vorgeben.Merkel hat Deutschland von Innen nach Außen wie eine Socke gedreht und damit beste westdeutsche Struktur beschädigt! Anstatt die alte DDR von uns hätte lernen können,hat sie die kranke Politik des Ostens zu einer westlichen gemacht und jetzt versucht sie mit wirbelnden Händen uns noch ihre fantastische Politik zu erklären! Es wird allerhöchste Zeit sie abzuwählen!
5. Teure Energieumstellung ist künstlich herbeigeführt
spon-facebook-10000051328 10.11.2012
Zitat von jipjensenLaut der "Welt" wird das Fördervolumen für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien 2013 bei 20,4 Milliarden Euro liegen. Einen Teil dieser Summe bezahlen wir über die EEG-Umlage. Aber den Rest bezahlen wir auch. Nämlich dann, wenn die nichtbefreite Industrie, der Handel, die Verwaltung, das Gewerbe (Bäcker!) ihre Mehrkosten weitergeben. Alles wird teurer. Wenn wir die 20,4 Millarden Förderung 2013 durch 82 Millionen Einwohner teilen, so kommen wir auf 250 €, die jedermann jährlich bezahlt. Ein vierköpfiger Haushalt in Deutschland wird also im 1000 Euro im Jahr ärmer. Das ist einfach zu viel Geld für das Energie-Hobby der Ökoschickeria.
Ja und? Was hat das mit der Modernisierung der Energieversorgung zu tun? Es gibt 5 Monopolisten die Rekordgewinn nach Rekordgewinnn verbuchen, staatlich steuerlich unterstützt und gepampet werden und wurden und kein Interesse an dezentraler Energiegewinnung haben. Es wäre technisch machbar, sogar für Einzelhaushalte in Mietwohnungen, einen Teil des Eigenstrombedarfes selbst zu erzeugen. Es ist aber gar nicht vorgesehen und gewollt. Ebensowenig Preissenkungen. Das es immer noch Leute gibt die den Zusammenhang und Filz zwischen Großfinanz, Monopol und Politik nicht erkennen ist erstaunlich.
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Zum Autor
Hauke Janssen (Jahrgang 1958) leitet seit 1998 die Abteilung für Dokumentation beim SPIEGEL. Er ist Sachbuchautor, insbesondere veröffentlichte er Werke zum Themenkomplex der Volkswirtschaft im Deutschland der dreißiger Jahre.


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