Münchner Sicherheitskonferenz: Auf der Suche nach der neuen Weltordnung

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Es wird spannend kommende Woche in München: Die Sicherheitskonferenz, einst Strategietreffen im Kalten Krieg, kann darüber entscheiden, ob sich die Welt neu sortiert. Die größten Hoffnungen ruhen auf der US-Delegation mit Vize Joe Biden. Doch Mr. und Mrs. Europa wollen mitreden.

Hamburg - Alles, was in Washington passiert, ist kompliziert. Daran kann auch der neue Präsident wenig ändern. Ein paar Tage lang haben sich viele seiner Berater ihre Köpfe zerbrochen, wer denn das Obama-Amerika auf der Sicherheitskonferenz vertreten soll, die am Freitag kommender Woche beginnt und drei Tage dauern wird.

Die Konferenz genießt enormes Renommee. Sie ist eine Pflichtveranstaltung, eine große Bühne, auf der zum Beispiel Amerikaner zwanglos mit Iranern plaudern könnten, wie es der 44. Präsident wie zufällig gerade angekündigt hat.

US-Vizepräsident Biden: Manchmal redet er sich um Kopf und Kragen
AP

US-Vizepräsident Biden: Manchmal redet er sich um Kopf und Kragen

Vieles ist möglich. Wenn es gut geht, findet in München eine No-Nonsense-Konferenz statt, auf der freimütig über die Krisen auf dem Erdball geredet wird. 73 Prominente haben sich angekündigt, Premierminister und Präsidenten, Außenminister und Verteidigungsminister, Botschafter und Abgeordnete. Ein eigener Großgipfel, mehr G20 als G8, der diesmal die Konkurrenz in Davos in den Schatten stellt, die sich auf die Weltwirtschaftskrise konzentriert.

Die Amerikaner rücken in großer Formation an

Am schönsten wäre es natürlich, wenn Obama selbst käme. Aber zur Zusammenkunft in München hat sich noch kein US-Präsident bequemt. Die natürliche Konsequenz schien es zu sein, dass Robert Gates, der alte und neue Verteidigungsminister, ins Flugzeug steigt. Aber daraus wird auch nichts, denn die Jungs im Weißen Haus legen Wert darauf, dass ein neues, ein Obama-Gesicht in München dabei ist.

Und so kommt Vizepräsident Joseph Biden zu der Ehre, das neue Amerika zu vertreten. Jedes seiner Worte wird auf die Goldwaage gelegt werden, ob er sich zu Iran, Afghanistan oder dem Nahen Osten einlässt. Das hat Charme, denn Biden ist ein guter Redner, der den Plauderton bevorzugt - und manchmal redet er sich auch um Kopf und Kragen.

Die Amerikaner rücken in großer Formation an. David Petraeus kommt, der General, der den Irak ein bisschen entkriegt hat und nun dasselbe in Afghanistan schaffen soll. Er wird am Sonntag in einer Diskussionsrunde mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai sitzen, der einiges an Glanz verloren hat; dazu gesellt sich Richard Holbrooke, der Sonderbotschafter Obamas für Pakistan und Afghanistan, der vielleicht gefährlichsten Region der Welt mit ihren Nuklearwaffen, ihrer Instabilität und der bunten Schar an Terroristen. Holbrooke ist ganz Amerikaner: Weltmacht im Auftreten und in der Wortwahl.

Zu den Wiedergängern in München gehören John McCain, John Kerry und Joseph Lieberman: drei einflussreiche Senatoren, die auch schon mal Präsident werden wollten. Kerry, der gerne Hillary Clintons Job gehabt hätte, ist nun Vorsitzender des äußerst wichtigen außenpolitischen Ausschusses im Senat und wird mit darüber befinden, ob Obamas Ideen über Abrüstungsabkommen mit Russland auf den Weg gebracht werden. Und dann kommt auch noch James Jones, der Sicherheitsberater des Präsidenten, ein General im Weißen Haus - auch er ist eine überraschende Wahl des für Überraschungen bekannten Obama.

Viele wichtige alte Gesichter also, und ein paar neue Gesichter aus Obamas Amerika.

Sarkozy und Merkel - Mr. und Mrs. Europa

Als das Weiße Haus am vergangenen Mittwoch gegen 23 Uhr Ortszeit die Meldung in Umlauf brachte, dass der Vizepräsident die Sicherheitskonferenz beehren wird, kam man anderswo ins Sinnieren: in Moskau zum Beispiel.

Eigentlich ist Sergej Iwanow angemeldet, er spricht blendend Englisch, war mal Verteidigungsminister und ist jetzt stellvertretender Ministerpräsident. Und dennoch scheint er nicht ganz satisfaktionsfähig. So denken sie nun in Moskau erneut über den Anführer der Delegation nach. Wladimir Putin kann es schwerlich sein. Er war im vorigen Jahr Stargast in München und hat gerade die Konferenz in Davos eröffnet. Eine Alternative wäre der Präsident, Dmitrij Medwedew.

Ziemlich spannend, ziemlich symbolträchtig, wofür sich die Verantwortlichen im Kreml jetzt entscheiden.

Die Deutschen kommen in großer Schar, was sich von selbst versteht. Sie sind ja schließlich Gastgeber: Bundeskanzlerin, Außenminister, Verteidigungsminister, dazu der Innenminister, daneben Bundestagsabgeordnete.

Angela Merkel hegt offenbar die Absicht, im Duo mit Nicolas Sarkozy aufzutreten. Mr. und Mrs. Europa: Das wäre etwas Neues für die Kanzlerin und den Präsidenten, die bisher einige Zeit damit verbrachten, wenig Schmeichelhaftes übereinander zu sagen. Es wäre ein Versuch, sich mit einer Normalität anzufreunden, zu der sich die jeweiligen Amtsinhaber in Paris und Berlin nach anfänglichem Fremdeln noch immer durchgerungen haben. Der Auftritt der beiden mit Vizepräsident Biden am Samstagnachmittag dürfte den spektakulären Höhepunkt der Konferenz bilden. Was Biden dann sagen wird, wird ihm Sicherheitsberater Jones aufschreiben. Sicherheitshalber.

Kann es eine Welt ohne Atomwaffen geben?

Sicherheitskonferenz - eigentlich trifft der Name nicht mehr den Charakter dieser Veranstaltung. Er stammt aus den alten Tagen im Kalten Krieg, als sich hier die Experten versammelten, die sich über Erst- und Zweitschlagskapazität, über Interkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen und die Vorzüge der Cruise Missiles austauschten. Damals war München ein Synonym für den kleinen geschlossenen Zirkel strategischer Experten und hieß Wehrkundetagung. Heute findet in München eine politische Großtagung statt, die ihren Kreis ständig erweitert.

Sie widmet sich, natürlich, auch der Abrüstung und zwar unter der Frage "Is Zero Possible". Dem Sinn nach: Kann es eine Welt ohne Atomwaffen geben? Weil viele Dinge im Fluss sind, bleibt die Abrüstung, anders als im Kalten Krieg, nicht allein den Experten überlassen. In nächster Zeit muss Obama entscheiden, ob er dem Vertrag zur Raketenabwehr wieder beitritt, den sein Vorgänger George W. Bush, die Russen brüskierend, einseitig gekündigt hatte. Er muss auch erkennen lassen, wie er es mit dem Raketenschild in Tschechien und Polen halten will. Davon hängt das Verhältnis Amerikas zu Russland ab.

Es kann richtig spannend werden diesmal in München.

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