Kabinettssitzung ohne Seehofer Ist die Katze aus dem Haus...

Premiere in Bayern: Weil Ministerpräsident Seehofer zur Kanzlerin-Wahl von Angela Merkel nach Berlin gereist war, vertrat mit Ilse Aigner erstmals eine Frau den 64-Jährigen am Kabinettstisch. So manche Ministerin war aufgekratzt, ein Mann dafür leicht genervt.

CSU-Politikerin Aigner (Archivbild): "Kein Umsturz"
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CSU-Politikerin Aigner (Archivbild): "Kein Umsturz"

Von , München


Der Moment ist jetzt für die Ewigkeit festgehalten, in der bayerischen Staatskanzlei hat sich an diesem Dienstag gewissermaßen Historisches abgespielt. So manches Diensthandy wurde in den Kameramodus geschaltet, um alles zu dokumentieren. Zu sehen gab es an diesem Tag die Macht der Frauen. Und das ausgerechnet in den heiligen vier Wänden des stärksten aller Bayern, Horst Seehofer.

Ort des Geschehens: der Kabinettssaal im vierten Stock. An diesem Dienstag tagten dort planmäßig die Spitzen der Regierung. Einer fehlte, Seehofer. Der bayerische Ministerpräsident war zur Wiederwahl Angela Merkels als Bundeskanzlerin nach Berlin gereist. Seinen Platz vor der breiten Fensterfront hatte deshalb Ilse Aigner eingenommen, Ministerin für Wirtschaft und Energie und zugleich stellvertretende Ministerpräsidentin.

Alles normal eigentlich, ein Ministerpräsident lässt sich eben von seinem Vizeregierungschef vertreten. Gar nicht so normal in Bayern oder besser: bei der CSU. Jedenfalls dann nicht, wenn der Stellvertreter eine Frau ist und wenn noch dazu an den zentralen Plätzen am Kabinettstisch weitere Frauen sitzen - und fast kein Mann.

An diesem Dienstag sah es so aus: Rechts von Aigner saß Ministerialdirektorin Karolina Gernbauer, links von Aigner Staatskanzleichefin Christine Haderthauer. Nicht weit von ihnen entfernt: Europaministerin Beate Merk, Sozialministerin Emilia Müller und Gesundheitsministerin Melanie Huml. Dazwischen, fast verloren, Abteilungsleiter Winfried Brechmann. Die männlichen Ministerkollegen wie etwa Finanzminister Markus Söder saßen an dem ovalen Tisch deutlich weiter entfernt vom Machtzentrum.

Ein Umsturz ist natürlich nicht geplant

Im Saal muss aufgekratzte Stimmung geherrscht haben. Es wurde der Wunsch geäußert, die Szenerie "fotografisch festzuhalten", wie Staatskanzleichefin Haderthauer nach der Sitzung sagte. Sie sprach von einer "Damenriege" und sagte, dass sie sich gefreut habe, "eine Frau auf diesem Platz zu sehen" - gemeint war der Sessel Seehofers. Haderthauer fügte sogleich artig hinzu, dass diese frauendominierte Runde selbstverständlich in dem Bewusstsein stattgefunden habe, "dass das ein vorübergehender Zustand ist". Aigner ließ sich gar mit dem Satz zitieren, man plane "keinen Umsturz".

Kleine Frotzeleien also, und trotzdem dürften sie einen ernsten Hintergrund haben.

Wenn in der vergangenen Legislaturperiode Seehofers Stellvertreter den Amtspflichten nachkam, war der damalige Wirtschaftsminister Martin Zeil von der FDP zur Stelle - ein Mann, dem schon allein wegen seiner Parteizugehörigkeit keine weitergehenden Ambitionen im Freistaat nachgesagt werden konnten. Inzwischen ist Ilse Aigner stellvertretende Ministerpräsidentin. Sie gilt neben Finanzminister Söder als potentielle Nachfolgerin Seehofers, entsprechend wird jeder Auftritt der Ministerin aufmerksam verfolgt

Zudem haben die Frauen in der CSU zuletzt Niederlagen einstecken müssen. Zuletzt folgte dem ausgeschiedenen Vorstandsmitglied Beate Merk mit Peter Gauweiler ein Mann nach, auch beim Poker um die Posten in der Großen Koalition in Berlin gingen die CSU-Frauen weitgehend leer aus. Die drei Ministerien in der Hand der Christsozialen werden von Männern geführt, allein einer der drei Staatssekretärposten ging an eine Frau. Die seit Jahrzehnten von Männern dominierte Partei ist mal wieder etwas männlicher geworden. So viel geballte Frauenpower wie heute im Kabinettsaal der bayerischen Staatskanzlei wird die CSU wohl so bald nicht mehr erleben.

Finanzminister Söder scheint daran auch nicht besonders interessiert zu sein. Zwar attestierte er seiner Rivalin Aigner, die Sitzung "prägnant" geleitet zu haben, konnte sich aber diesen Satz nicht verkneifen: "Aber einmal reicht jetzt auch."

Alle in alten Mustern denkenden Männer in der CSU können beruhigt sein, bei der Weihnachtsfeier des Kabinetts am Dienstagabend sind die üblichen Machtverhältnisse wiederhergestellt: Das erste Wort hat Seehofer.



insgesamt 7 Beiträge
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stefanbodensee 17.12.2013
1. stefanbodensee
Ja, die liebe Frau Aigner, eine wirklich sympathische und engagierte Person. Auch während Ihrer früheren Tätigkeit im Rahmen des Verbraucherschutzes hat sie sich immer wieder proaktiv für die Rechte derselbigen eingesetzt und diese 'vehement' verteidigt. Sie ist so viel anders als unser aktueller MP Horst 'die Fahne' Seehofer - und wird sicher vieles anders machen, sollte sie einmal seine Nachfolgerin werden. Gut, daß wir Ilse haben, wir freuen uns auf sie. Gezeichnet, die Industrielobby ... ähhh...Entschuldigung .... die Verbraucher ...
philemajo 17.12.2013
2. Politisches Finale dahoam
Nun ist sie endlich aus dem kalten Berlin mit seinen Saupreisn zurück im warmen CSU-Schoß und wird direkt mit einer Vertretungsstunde belohnt! Peinlich ist nur, dass ein solch gewöhnlicher Tagesordnungspunkt wie eine Vertretung von Horst dem Großen als historischer Moment erachtet wird. Wahrscheinlich klopft man sich gerade eifrig auf die Schultern ob der bayerischen Fortschrittlichkeit. Und dass der Söder den vom Lehrer übergangenen Klassenstreber miemt, ist irgendwie auch bezeichnend für diese Partei ...
Der_Junge_Fritz 17.12.2013
3. Politflaschen
Wie ich diese Politflaschen verachte. Was ist eigentlich aus ihren unzähligen 10-Punkte-Aktionsplänen bezüglich dem Verbraucherschutz und all der Lebensmittelskandale geworden? Nichts....
gerrittaffer 17.12.2013
4. Ist der KATER aus dem Haus...
wäre die richtige Überschrift gewesen! Was mich aber viel mehr stört ist, dass überall von den Geschlechtern die Rede ist und niemand sich für die Fähigkeiten unserer Volksvertreter interessiert. Durch diesen immer weiter um sich greifenden Feminismus (von Emanzipation kann ja schon lange keine Rede mehr sein) werden diese Gremien allerdings keinen Deut besser, nicht mal in Bayern.
ludwig49 17.12.2013
5. Ob Mann oder Frau...
...auf die Qualität der Politik hat das bisher keinen großen Einfluss. Die einen tragen Krawatte, die anderen einen Schal um den Hals. Mehr ist nicht.
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