Auto-Attacke in Münster Islamistische Hintergründe

Die Rechten haben die Toten von Münster für ihre Zwecke missbraucht und ernten jetzt den verdienten Shitstorm - oder? Vielleicht liegen die Dinge doch nicht so einfach.

Polizeiabsperrung in Münster
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Polizeiabsperrung in Münster

Eine Kolumne von


Nachdem sich die Polizei in Münster Klarheit über die Lage verschafft hatte, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister: "Es spricht nichts dafür, dass es irgendeinen islamistischen Hintergrund gibt." Der Fahrer des Wagens war kein Islamist, er war ein psychisch kranker Deutscher. Aber dennoch irrt der Innenminister: natürlich liegt hier ein "islamistischer Hintergrund" vor.

Wer sich jetzt über die Rechten und über die Instrumentalisierung der Tat erregt, macht es sich zu leicht.

Es tut körperlich weh, ausgerechnet die sonderbare Beatrix von Storch in Schutz nehmen zu müssen - aber der Shitstorm, der jetzt auf ihr immer gramvoll aussehendes Haupt niederging, mag zwar verdient gewesen sein - weil diese Frau wirklich zur dunklen Seite der Macht gehört -, aber er war nicht voll gerechtfertigt. Storch hat wieder einmal bewiesen, dass sie die sogenannten sozialen Medien verstanden hat. Das gilt nicht für alle ihre Kritiker.

"WIR SCHAFFEN DAS!" plus ein grimmig-rotes Hass-Emoji - der Tweet der AfD-Politikerin ist ein gutes Beispiel dafür, wie komplex Kommunikation heute funktioniert. Nur drei Worte und ein Symbol - aber jeder begreift sofort den gewaltigen Zusammenhang: Globalisierung, Migration, kulturelle Konflikte, Terrorismus und natürlich Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik.

Ein Echo entsteht nur in einem Raum, in dem es hallen kann

Man hat Storch und einigen anderen AfD-Gestalten, die sich nach Münster ähnlich äußerten, eine zirkuläre Logik vorgeworfen. War der Täter ein Muslim, hatten die Rechten recht. War es kein Muslim, hätte es einer sein können und die Rechten behalten recht. So einfach - so irre.

Aber das stimmt so nicht.

Ein Auto fährt in eine Menschenmenge. Es gibt Tote und Verletzte.

Woran denken Sie? Eben. Der "islamistische Hintergrund" entsteht in unserem Kopf. Jens R. hatte sich offenbar entschlossen, einen lauten und schrecklichen Suizid zu begehen und andere Menschen mit in den Tod zu reißen. Er bediente sich einer Methode, die der islamistische Terror berüchtigt gemacht hat.

Die Anschläge der vergangenen Jahre haben die Gesellschaft konditioniert - es ist uns nicht mehr möglich, von einer Tat wie der am Samstag zu hören, ohne sofort den islamistischen Terror mitzudenken. Das ist der "islamistische Hintergrund" der Amokfahrt von Münster. Storchs Tweet konnte nur deshalb Reaktionen auslösen, weil der Gedanke an Terror uns mittlerweile näherliegt als jede andere mögliche Erklärung eines solchen Vorfalls.

Das Netz ermöglicht ein Gespräch. Die Teilnahme daran ist freiwillig.

Die Mechanismen unterscheiden sich nicht sehr von den auch sonst zwischen den Menschen üblichen: Lautstärke, Macht und Skrupellosigkeit bringen Vorteile, aber auch Klugheit, Kenntnisse oder Brillanz können sich Gehör verschaffen. Das Gespräch selbst erzeugt eine soziale Realität. Der Hinweis, wir sollten doch bitte nur die klugen Beiträge würdigen und die anderen ignorieren, ist sympathisch, aber unsinnig.

Relevanz, Bedeutung, Gewicht, Wichtigkeit - das entsteht nicht nur aus dem Inhalt, sondern auch aus dem Echo. Und ein Echo entsteht nur dort, wo ein Raum ist, der hallen kann.

Wer die wohlmeinden Kommentare nach Münster liest, könnte zu dem Schluss kommen, wenn man nur Beatrix von Storch und ihren Leuten das Internet wegnimmt, seien alle Probleme gelöst. Auch wenn die Versuchung groß ist - das wäre zwecklos. Das Reaktionäre - nicht nur das Konservative - war immer ein Teil der (west)-deutschen Politik und Öffentlichkeit. Es gab immer jemanden wie Beatrix von Storch. Früher waren solche Leute in der CDU.

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Darf man die jüngeren Leser an Alfred Dregger erinnern, der vom "Tag der Niederlage" schwadronierte, als es um den 8. Mai ging, den Tag der Kapitulation des Naziregimes, und der "alle Deutschen" aufforderte, bei der Betrachtung ihrer Geschichte "gegen die Verdrängung der vollen Wahrheit Front zu machen" und sich gegen die "Einseitigkeit unserer Nationalmasochisten" zu wehren. Und darf man an Franz Josef Strauß erinnern, der gesagt hat: "Wir wollen von niemandem mehr, weder von Washington noch von Moskau, von keinem europäischen Nachbarn, auch nicht von Tel Aviv, ständig an unsere Vergangenheit erinnert werden."

Die AfD musste das alles nur abschreiben. Die ganzen Zimmermanns, Gauweilers, Kanthers, Schönbohms - diese Deutschnationalen, die immer schon zur politischen Kultur des Westens gehört haben, die sind ja nicht einfach verschwunden, tot, im Altersheim, mit dem Rollator im Harz unterwegs. Die haben ein Erbe hinterlassen. Die "neue" Rechte ist darum nicht so neu, sondern einfach nur die alte. Und sie wächst immer nach.

Man hätte stutzig werden können - wenn man gewollt hätte

Die Onlineausgabe der "Welt" brachte am Tag nach dem Unglück von Münster die Schlagzeile "Festnahme: Polizei verhindert Terroranschlag auf Berliner Halbmarathon". Ein Informant hatte den Kollegen das offenbar gesteckt.

Von "zwei extra scharf geschliffenen Messern" war dort die Rede. Da hätte man schon stutzig werden können. Wenn man gewollt hätte. Die Kollegen von der "Welt" wollten aber nicht. Sie wollten am Tag nach Münster eine Meldung über die Bedrohung durch den Islamismus bringen.

Nur - als die Berliner Polizei sich dann äußerte, klang das alles ganz anders. Die Beamten hatten in einer vorbeugenden Maßnahme sogenannte Gefährder festgesetzt. Es hatte weder Gefahr bestanden noch irgendwelchen Anschlagspläne gegeben. Nix Terrorismus.

Aber Beatrix von Storch hatte schon wieder was Neues zum Twittern bekommen.

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insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
usupator 09.04.2018
1. Trumpismus
ich denke Beatrix von Storch möchte eine Taktik kopieren die bannon und co in ihrem Wahlkampf für Trump benutzten. die linke und lieberale Gesellschaft und oder Medien provozieren.
neurieder 09.04.2018
2. Im Kopf also! So einfach ....
... wird aus fast Allem der sogenannte "islamistische Hintergrund". Das ist schon ein wenig weit hergeholt, finden Sie nicht?
Referendumm 09.04.2018
3. Guter Kommentar
Beim Lesen der Schlagzeile dachte ich zunächst: Schwachsinn, aber der restliche Text vom Jakob Augstein trifft es sehr gut - leider. Und nochmals: Ein Alexander Gauland war jahrelang (immerhin 40 Jahre !) Mitglied der CDU, dort teils sogar in hoher Funktion tätig, und die aktuellen Erklärungsversuche, warum er "abdriftete" sind reiner Quatsch, denn jeder ändert sich im Laufe der Zeit. Das ist auch gut so - manchmal eben auch schlecht. Auch andere CDU-Größen haben kein Problem, jetzt in der AfD mitzumachen. Terror will ja auch genau das bezwecken, dass man anders denkt, anders handelt als bisher usw.. Es gibt noch eine Parallele: Sowohl im Falle des Anschlages von Anis Amri in Berlin wie im Falle des Amoktäter von Münster, Jens R.: Komplettes Behördenversagen, obwohl es vorab ausreichende Hinweise gab. Was sollen Nachbarn denn noch tun, als Tage vorher die Polizei zu informieren?
Pless1 09.04.2018
4.
So wie Frau von Storch die Attacke missbraucht, um das weltoffene Deutschland im allgemeinen und Frau Merkel im besonderen zu diskreditieren, so missbraucht Herr Augstein die Diskussion über die Entgleisung von Frau von Storch, um einmal mehr undifferenziert alles mit Schmutz zu bewerfen, was irgendwie konservativ ist. Nach dem gleichen Prinzip: das eine hat zwar mit dem anderen nichts zu tun, aber es wird schon etwas hängenbleiben. Schade, wirklich Schade, dass der Name Augstein einmal mit so einem Niveau verbunden werden muss!
Leonbeck 09.04.2018
5. Wo ist der islamistische Hintergrund?
Sorry, aber ich sehe ihn in dem Artikel nicht. Nur weil die "Waffe" ein Fahrzug ist? Hatte dann der Germanwings-Pilot auch einen solchen, weil er ein Flugzeug nutzte, nach dem 11. September 2001? Viel wichtiger finde ich, daß die AFD sich Ihrer Verantwortung als Bundestagspartei endlich bewußt werden muß und nicht wie eine Horde Neuntklässler spekulative Polemik in die Netze streut. Das dient nicht dem so gerne zitierten Volke, sondern schürt Unfrieden und Vorurteile zum Nachteil der Nation.
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