Musik zum Zapfenstreich: Mit Tränen und Trompeten

"Des Großen Kurfürsten Reitermarsch" oder doch lieber "Smoke on the Water"? Beim Großen Zapfenstreich dürfen sich scheidende Politiker wünschen, welche Musik gespielt wird - und damit eine Botschaft senden. Manchmal fließen auch Tränen.

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ddp

Berlin - Dienstwagen fahren die geladenen Gäste vor, Chauffeure öffnen die Türen, Schaulustige versammeln sich, das Musikkorps des Wachbataillons der Bundeswehr steht bereit, Fackeln brennen in der Dunkelheit, Kommandos werden gesprochen und irgendwann ertönt Musik: Feierlich und würdevoll ist der Große Zapfenstreich, das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr, mit dem Bundespräsidenten, Bundeskanzler und Verteidigungsminister verabschiedet werden - und irgendwie auch pompös.

Für die Geehrten ist es auch ein Moment der Wehmut: der endgültige Abschied aus dem Amt. Tränen in den Augen? Hat es schon gegeben, etwa bei Gerhard Schröder. Auch Helmut Kohl war sichtlich gerührt. "Es sind unwiederbringliche Momente. Der Platz vor dem Dom in der Abenddämmerung, die Menschen, die Musik, das Zeremoniell: Meine Gefühle lassen sich nicht in Worte fassen", schreibt Kohl später in seinem "Tagebuch 1998-2005" über den 17. Oktober 1998 in Speyer. "Als Junge hat man uns beigebracht, dass ein Mann keine Rührung zu zeigen hat. Eine dümmliche Vorstellung, finde ich. Warum soll ein Mann in einer konkreten Situation nicht das Recht haben zu weinen? Wenn mir etwas nahe geht, sehe ich nicht ein, warum ich das verbergen soll."

Vielleicht hat die Rührung aber auch mit der Musik zu tun, die gespielt wird. Die Geehrten dürfen Wünsche äußern - und damit eine persönliche Botschaft senden. Was scheidende Politiker beim Großen Zapfenstreich hören wollten - eine Auswahl:

Helmut Kohl (1998): Der Pfälzer war der erste Regierungschef, der zu seinem Abschied mit dem Großen Zapfenstreich gewürdigt wurde - zuvor waren Bundeskanzler zu runden Geburtstagen gefeiert worden, etwa Konrad Adenauer zu seinem 90. Geburtstag. Auf Kohls Bitte spielte das Musikkorps "Des Großen Kurfürsten Reitermarsch" (Kuno Graf von Moltke), den Choral "Nun danket alle Gott" und Beethovens "Ode an die Freude", die auch als Europahymne bekannt ist.

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Politiker beim Großen Zapfenstreich: Abschied mit Pomp
Verteidigungsminister Rudolf Scharping (2002) wünschte sich den US-Marsch "Stars and Stripes Forever" und ebenfalls Beethovens "Europäische Hymne".

Scharpings Amtsnachfolger Peter Struck (2005) hatte gleich vier Stücke auf seiner Liste: den "Fliegermarsch" (Hermann Dostal), "Gruß an Kiel" (Friedrich Spohr), "Des Großen Kurfürsten Reitermarsch" (Kuno Graf von Moltke) und "Wann wir schreiten Seit an Seit", die Hymne der SPD von Michael Englert.

Für den CSU-Politiker Franz-Josef Strauß (1962), der als Verteidigungsminister über die SPIEGEL-Affäre gestolpert war, wurde der Große Zapfenstreich auf dem Fliegerhorst Wahn nahe Köln inszeniert. Nacheinander wurden die Märsche für das Heer ("Bayerischer Defiliermarsch"), für die Luftwaffe ("Starfighter-Marsch") und die Marine ("Panzerkreuzer Deutschland") gespielt. Es folgten der Choral "Ich bete an die Macht der Liebe" und das "Deutschlandlied". Werner Biermann schreibt in seinem Buch "Strauß - Aufstieg und Fall einer Familie": "Als das 'mystische Ritual' vorbei ist, steigen die Herrschaften nacheinander in ihre Fahrzeuge, die in langer Kolonne langsam vorfahren." Die Sozialdemokraten waren der Feier ferngeblieben, Erich Kuby schreibt in seinem Buch über Strauß: "Schonungslos stießen sie am Abschiedstag in die Wunde und erinnerten an den Mann der Skandale und Affären". Die FDP dagegen habe ihre Absage damit erklärt, dass ihre Prominenz "bereits im Urlaub" sei.

Auch Bundespräsident Horst Köhler hatte Tränen in den Augen, als er 2010 verabschiedet wurde. Sein Musikwunsch: der "St. Louis Blues" von William Handy.

Karl-Theodor zu Guttenberg (2011) lächelte, als es bei seinem Großen Zapfenstreich zum Abschied als Verteidigungsminister rockig wurde: "Smoke on the Water" von Deep Purple hatte sich der CSU-Politiker gewünscht - was sehr schräg klingt, wenn es von einer Blaskapelle gespielt wird. Aber auch zwei Märsche standen auf der Musikliste des Politikers, der über eine Plagiatsaffäre gestolpert war: "Großer Kurfürst" und "König Ludwig II."

Mit Frank Sinatras "My Way" endete der Große Zapfenstreich für Bundeskanzler Gerhard Schröder (2005). Ein paar Tränen kann der Sozialdemokrat dabei kaum unterdrücken. Die weiteren Stücke für Schröder: "Summertime" (George Gershwin) und die "Moritat von Mackie Messer" (aus Brechts "Dreigroschenoper").

Der zurückgetretene Bundespräsident Christian Wulff hat für diesen Donnerstagabend vier Wünsche angemeldet: den Song "Over the Rainbow", den Alexandermarsch (Alexander Leonhardt), "Da berühren sich Himmel und Erde" (Christoph Lehmann) und die "Ode an die Freude" von Beethoven. Und im politischen Berlin hoffen wohl die meisten, dass eines nicht zu hören sein wird: die Vuvuzelas, mit denen Internet-Aktivisten die Zeremonie im Park von Schloss Bellevue stören wollen.

hen

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1.
eduardschulz 08.03.2012
Zitat von sysopddp"Des Großen Kurfürsten Reitermarsch" oder doch lieber "Smoke on the water"? Beim Großen Zapfenstreich dürfen sich scheidende Politiker wünschen, welche Musik gespielt wird - und damit eine Botschaft senden. Manchmal fließen auch Tränen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820116,00.html
Alles, was mir zum Artikel, bzw. zu den Bildern einfällt: Wann endlich schafft die Bundeswehr diese bekn.chten Helme ab und tauscht sie gegen welche, die weiter in den Nacken reichen. Die Dinger sehen ja fast so aus wie die Salatschüsseln der ehem. NVA.
2. Zusammen mit Herrn Wulff...
kael 08.03.2012
Zitat von sysopddp"Des Großen Kurfürsten Reitermarsch" oder doch lieber "Smoke on the water"? Beim Großen Zapfenstreich dürfen sich scheidende Politiker wünschen, welche Musik gespielt wird - und damit eine Botschaft senden. Manchmal fließen auch Tränen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820116,00.html
...sollte auch der Große Zapfenstreich abgeschafft werden. Dieses pathetische und düstere Ritual mit Soldaten, Fackeln, Schellenbäumen und Tschinderassabum passt einfach nicht in unser modernes Land. Mich erinnert das jedes Mal zwangsläufig an die Aufmärsche in Hitler-Deutschland. Ich finde, wir haben Besseres aufzuweisen, um einen Abschied würdig zu gestalten.
3. Gegen Titelzwang!
Ali Mente 08.03.2012
Zitat von sysopddp"Des Großen Kurfürsten Reitermarsch" oder doch lieber "Smoke on the water"? Beim Großen Zapfenstreich dürfen sich scheidende Politiker wünschen, welche Musik gespielt wird - und damit eine Botschaft senden. Manchmal fließen auch Tränen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820116,00.html
Auf Botschaften eines Herrn Wulf kann ich gern verzichten!
4. .
RobinB 08.03.2012
Zitat von sysopddp"Des Großen Kurfürsten Reitermarsch" oder doch lieber "Smoke on the water"? Beim Großen Zapfenstreich dürfen sich scheidende Politiker wünschen, welche Musik gespielt wird - und damit eine Botschaft senden. Manchmal fließen auch Tränen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820116,00.html
Die letzten 3 "grossen Zapfenstreiche" gab es fuer Zurueckgetretene. Braucht man noch mehr zu sagen? Das Zeremoniell wird zum Abgesang der Gescheiterten. Eigentlich ein wuerdiges Ende einer gestrigen Tradition! In Zukunft werden alle, die wirklich Ehre auf sich geladen haben, einen Bogen um diese zwielichtige Ehrung machen...
5. Diskutieren?
mb52 08.03.2012
Zitat von sysopddp"Des Großen Kurfürsten Reitermarsch" oder doch lieber "Smoke on the water"? Beim Großen Zapfenstreich dürfen sich scheidende Politiker wünschen, welche Musik gespielt wird - und damit eine Botschaft senden. Manchmal fließen auch Tränen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820116,00.html
Was gibt´s denn da noch zu diskutieren? Das Unvermeidliche wird eintreten, Deutschland (zumindest größtenteils) fühlt sich von Wulff´s CDU vorgeführt und versteht die Welt nicht mehr. Zu diskutieren gibt´s nichts - nur zu hoffen. Zu hoffen auf die Staatsanwaltschaft.
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