Muslime gegen Terror "Manchmal habe ich Angst vor meiner Religion"

Nachdem zuletzt intensiv darüber debattiert wurde, wie gut oder schlecht Muslime in Deutschland integriert sind, haben sich viele Betroffene jetzt selbst zu Wort gemeldet. Mehr als 20.000 Menschen demonstrierten am Sonntag in Köln gegen Terror und islamischen Extremismus.

Aus Köln berichtet David Costanzo


Demonstrantin: "Auf keinen Fall duldet der Islam Terror"
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Demonstrantin: "Auf keinen Fall duldet der Islam Terror"

Köln - Sie laufen einfach los. Eigentlich hätte der Demonstrationszug um 13 Uhr an der Kölner Ditib-Moschee starten sollen. Aber schon kurz nach Zwölf sind so viele Menschen da, dass der Platz vor dem Bethaus knapp wird. Nun ziehen sie vorbei an den Ordnern, die vergeblich mit den Armen rudern und "Halt, Halt" schreien, vorbei an den verdutzten Polizisten, die noch nicht einmal den Verkehr umgeleitet haben.

Über 20.000 vorwiegend türkischstämmige Menschen protestieren am Sonntag in Köln gegen Gewalttaten islamistischer Extremisten. Organisiert wurde die Demonstration unter dem Motto "Hand in Hand für Frieden und gegen Terror" vom Dachverband der Türkisch-Islamischen Union (Ditib).

Viele sind die ganze Nacht durchgefahren

Die Demonstranten sind mit Bussen aus dem ganzen Land gekommen: Aus Nordhorn, aus Heidenheim, aus Hofheim und aus Berlin. Viele sind die ganze Nacht durchgefahren. Doch jetzt sie sind hellwach. "Islam heißt Frieden", rufen die Teilnehmer in Sprechchören. Sie tragen Transparente mit der Aufschrift "Wir sind gegen Terror".

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Demo gegen islamische Extremisten: Der Flaggenmarsch

"Wer einen Menschen tötet, tötet die ganze Menschheit", heißt es im Koran. Diese Sure zitieren die Demonstranten heute am häufigsten. "Terroristen und Extremisten missbrauchen den Namen des Islam", sagt Recep Karadeniz aus Berlin. "Die müssen gerecht bestraft werden." "Wir wollen hier zeigen, dass die große Mehrheit der Muslime in Deutschland so denkt", pflichtet ihm sein Landsmann Özcan Halkat bei. "Manchmal habe ich wegen der Extremisten Angst vor meiner eigenen Religion", sagt er.

Auffällig sind auch die vielen Fahnen. Drei Flaggen dominieren den Zug. Vor allem die türkische schwenken die Teilnehmer, weil Ditib die türkischen Muslime in Deutschland vertritt und enge Verbindungen zur Regierung in Ankara hat. Ebenfalls häufig zu sehen ist die deutsche Fahne, weil der Verband und seine Gläubigen "das Grundgesetzt achten und die deutsche Demokratie respektieren", wie der Ditib-Vorsitzende Ridvan Cakir sagt. Ebenfalls stark vertreten sind die Farben der EU, weil die Veranstaltung auch eine Demonstration für den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union sein soll. Ditib-Verantwortliche haben die Fahnen organisiert. Es sind Tausende, sie kosten zehn Euro und sind nach wenigen Minuten vollständig ausverkauft.

"Nicht die Moslems per se sind gefährlich"

Das Fahnenmeer bewegt sich durch die Kölner Innenstadt zur Abschlusskundgebung auf dem Rudolfplatz. Dort verurteilt Verbandschef Cakir vor der Menge den Mord an dem islam-kritischen Filmemacher Theo van Gogh in den Niederlanden Anfang November: "Die Tötung von Menschen kann keine religiöse Begründung haben." Es sei eine Verleumdung, wenn der Islam als Quelle von Radikalismus und Terrorismus dargestellt wird. "Auf keinen Fall duldet der Islam Terror."

Demonstranten in Köln: "Islam heißt Frieden"
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Demonstranten in Köln: "Islam heißt Frieden"

Theo van Goghs Ermordung hatte auch in Deutschland die Debatte um die Integration der hier lebenden Ausländer angefacht. Entsprechend äußern sich vor den Demonstranten auch Grünen-Chefin Claudia Roth sowie die Innenminister von Bayern und Nordrhein-Westfalen, Günther Beckstein (CSU) und Fritz Behrens (SPD). Sie alle hatten die Demonstranten auf Türkisch begrüßt und verabschiedet.

Roth warnt, man dürfe keine gesellschaftliche Gruppe unter Generalverdacht stellen. "Nicht die Moslems per se sind gefährlich, sondern die, die Gewalt wollen", sagte sie. Man müsse anerkennen, dass Deutschland von der Einwanderung profitiert habe.

Einen schweren Stand hingegen hat zunächst Bayerns Innenminister Beckstein. Der CSU-Politiker wird mit Buh-Rufen und einem massiven Pfeifkonzert empfangen. Doch schon nach seinem zweiten Satz, "Wir nehmen euch mit offenen Armen auf", applaudieren die Demonstranten. Die Muslime müssten in Deutschland nicht ihre Kultur aufgeben, sagt Beckstein. "Aber sorgt dafür, dass eure Kinder Deutsch lernen", mahnt er. Und nachdem er den Zuschauern "Ein herzliches grüß Gott" wünscht, bekommt er ebenso viel Beifall wie seine Kollegen.

Derart versöhnt war am Ende des Tages auch die Polizei, trotz des chaotischen Starts. Nach Angabe der Beamten verlief die Demonstration friedlich. Grund zum Eingreifen gab es nicht.

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