Muslime im Visier von Islamisten "Die Frontlinie verläuft nicht zwischen Islam und Westen"

In einem neuen Video von Islamisten werden auch Muslime in Deutschland bedroht. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, wie sein Verband mit der neuen Gefahr umgeht – und was islamische Verbände im Kampf gegen den Terror tun müssen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Mazyek, in dem neuen Drohvideo der "Globalen Islamischen Medienfront" wird das Logo des Zentralrats der Muslime gezeigt. Auch ihr Gesicht wird eingeblendet. Haben Sie Angst ?

Mazyek: Natürlich, wir werden in dem Video bedroht. Die Sicherheitsbehörden müssen jetzt auswerten, inwieweit Konsequenzen gezogen werden müssen - auch für einzelne Vertreter muslimischer Organisationen in Deutschland. Es ist schon eine neue Qualität, wenn plötzlich mein Konterfei auf Drohvideos im Internet kursiert.

SPIEGEL ONLINE: Für wie groß halten Sie die Gefahr?

Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek: "Die islamische Community ist gefestigt genug"
DDP

Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek: "Die islamische Community ist gefestigt genug"

Mazyek: Wir nehmen dieses Video sehr ernst und betrachten es mit größter Sorge. Dass Extremisten Muslime in Deutschland ins Visier nehmen, passiert allerdings nicht zum ersten Mal. Wir fühlen uns durch das neue Video in der Erkenntnis betätigt, dass es diesen Menschen nicht um den Islam geht, sondern nur darum, Hass und Zwietracht unter den Menschen, unter den Muslimen zu säen.

SPIEGEL ONLINE: Sie seien nicht wahrhaft islamisch, sondern förderten eine Religion der Demokratie, heißt es in dem Video. Wie erklären Sie es sich, dass es plötzlich im deutschsprachigen Raum so eine Strömung gibt?

Mazyek: Diese Extremisten versprechen sich von ihrer Propaganda, am radikalen Rand der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland zu fischen. Ich denke aber, dass die islamische Community in Deutschland zu gefestigt ist, als dass sie damit Erfolg haben können.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht zu naiv? Tatsächlich verkehrten die Terrorverdächtigen aus dem Sauerland in islamischen Gruppierungen in Deutschland.

Mazyek: Das sind schreckliche Einzelfälle. Die allermeisten muslimischen Organisationen und Moscheen sind Partner im Kampf gegen Terrorismus, schließlich stehen sie auch selbst im Zentrum der Bedrohung.

SPIEGEL ONLINE: Attentäter berufen sich aber ausnahmslos auf den Islam.

Mazyek: Der Islam dient Ihnen dabei doch nur als Transportmittel. Sie instrumentalisieren die Religion, um ihre Botschaften zu verbreiten, und glauben angesichts der Situation in Deutschland, wo das Zusammenleben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen auch nicht immer reibungslos klappt, auf fruchtbaren Boden zu stoßen. Alle demokratischen Kräfte in unserem Land müssen deshalb deutlich machen, dass das nicht unsere Sprache ist, wir uns in jeder Hinsicht wehren und alle rechtlichen Mittel ausschöpfen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Propangadisten wie die der Globalen Islamischen Medienfront zurück in die Gesellschaft zu holen sind?

Mazyek: Wir haben ein existentielles Interesse daran, extremistische Tendenzen im Keim zu ersticken und unsere muslimische Gemeinschaft davor zu immunisieren. Deshalb versuchen wir unsere Mitglieder in gemeinsamen Gesprächen - ähnlich wie beim Kampf gegen Rechtsextremismus - darin zu schulen, wie man Extremisten entlarvt. So analysieren wir zum Beispiel, wo sie den Koran missbräuchlich zitieren, und sprechen dann darüber, wie der Vers richtig zu interpretieren ist. Diese Bemühungen müssen noch intensiviert werden. Es muss klar sein, dass die Frontlinie nicht zwischen dem Islam und dem Westen verläuft. Stattdessen müssen Muslime und Nichtmuslime gegen Extremisten kämpfen.

Das Interview führte Anna Reimann



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