Muslime in Deutschland "Gastarbeiter niedrigster Stufe"

Der Göttinger Professor Bassam Tibi ist einer der führenden Islam-Experten weltweit. Doch als deutscher Muslim fühlt er sich hierzulande nicht anerkannt. Kurz vor dem Start der ersten Islam-Konferenz erklärte Tibi nun, ins Exil in die USA zu gehen.

Von Sonja Pohlmann


Berlin - 30 Jahre deutsche Staatsangehörigkeit. Eine erfolgreiche Beamtenlaufbahn als Professor. Und ein akademisches Werk, das 32 Bücher umfasst - der Lebenslauf eines gescheiterten Migranten sieht anders aus. Und trotzdem empfindet sich Bassam Tibi als "Gastarbeiter niedrigster Stufe". Der 62-Jährige ist Muslim und wurde in Damaskus geboren. Seit mehr als 30 Jahren lehrt er Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen und gilt als einer der Begründer der soziokulturellen Islamforschung. Jetzt will er Deutschland den Rücken kehren - weil er sich hierzulande fremd fühlt.

Islam-Wissenschaftler Bassam Tibi: "Ich bin Luft in Deutschland".
DDP

Islam-Wissenschaftler Bassam Tibi: "Ich bin Luft in Deutschland".

"Ich bin Luft in Deutschland. Ich kämpfe seit 20 Jahren um meine Integration", sagte der Islam-Experte neulich verbittert auf einer Veranstaltung in Berlin. Künftig will er ausschließlich an der amerikanischen Cornell University lehren, die USA sollen seine neue Heimat werden.

Tibi verkündet seinen Wechsel zu einem brisanten Zeitpunkt. Denn während er sich als Opfer der mangelnden Integrationsfähigkeit Deutschlands personifiziert, wird zeitgleich in Berlin die erste "Deutschen Islam-Konferenz" vorbereitet. Sie soll ein wichtiger Schritt in Sachen Integrationspolitik sein. Denn die 3,2 Millionen Muslime in Deutschland sind nicht einheitlich organisiert. Einen festen Ansprechpartner für Fragen des Islams gibt es nicht. Die Konferenz am Mittwoch ist deshalb der erste Dialog zwischen Regierungsseite und Vertretern der fünf großen muslimischen Dachverbände, den es auf institutionalisierter Ebene gibt. Neben den Dachverbänden sind zehn weitere Einzelpersonen eingeladen. Darunter die Frauenrechtlerin Seyran Ates, die Islamkritikerin Neclan Kelek und der Schriftsteller Feridun Zaimoglu.

"Verachtung und Ausgrenzung" von Seiten der Universität

Tibi ist nicht dabei - obwohl er sich an der öffentlichen Debatte über den Islam stark beteiligt. So prägte er die Begriffe der "europäischen Leitkultur" und der "Parallelgesellschaft". Doch Tibis Thesen sind unbequem. "Die Funktionäre der Islamgemeinde in Deutschland wollen keine Integration im Sinne von Wertorientierung", sagt er. Stattdessen wolle der Islam die christlichen Vertreter zum Islam bekehren, ihre Religion erkenne er nicht als vollwertig an. "Unsere Politiker möchten das aber nicht wahrhaben, denn es verursacht Probleme", sagt der Islamexperte. Sie gingen viel zu naiv ins Gespräch mit dem Islam. Tibi erwartet deshalb auch von der Konferenz am Mittwoch keinen großen Wurf. Im Vordergrund stehe die Sicherheitspolitik - nicht die Integrationspolitik.

Er fordert die Politiker auf, sich für einen "Euro-Islam" einzusetzen: Eingewanderte Muslime sollen demnach die jeweiligen Rechts- und Verfassungsordnungen ihrer Aufnahmeländer respektieren.

Tibi hat sich angepasst - von Deutschland selbst fühlt er sich im Gegenzug allerdings nicht ausreichend respektiert. Vor allem von Seiten der Universität in Göttingen - sie begegne ihm mit "Ausgrenzung und Verachtung", schreibt er auf seiner Homepage. Grund für seinen Zorn sind vor allem die Reformen, die ihr Präsident im vergangenen Herbst ankündigte. Er wolle "Schwachstellen ausmerzen", sagte Kurt von Figura. Dazu gehört auch der Fachbereich für Politikwissenschaft, an dem nicht nur Tibi, sondern auch die renommierten Parteienforscher Peter Lösche und Franz Walter einen Lehrstuhl haben. Alle drei Professoren werden oft zitiert, weil sie ihre Wissenschaft anschaulich vermitteln können. Parteien und Organisationen schätzen zudem ihren Rat - doch Figura sieht das anders. Er wirft den Göttinger Politikwissenschaftlern "Profillosigkeit" vor.

Tibi will sich das nicht länger bieten lassen. Er beendet sein "scheinbar verlorenes Leben" an der Universität und konzentriert sich ab 2009 ganz auf die Elitehochschule Cornell University. Dort wird er auch seine Biographie verfassen. "A Life of Suffering as an Alien in Germany" soll der Titel sein.



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