Muslime in Deutschland Gebetsruf überm Gewerbegebiet

Ein Minarett-Verbot wie in der Schweiz? Auch in Deutschland stoßen Muslime häufig auf Probleme, wenn es um den Bau von Moscheen geht. Und nicht selten regelt die Bau- oder Straßenverkehrsordnung, wie weit die Integration gehen darf. Ein Streifzug durch Städte und Gemeinden.

DPA

Von , Andrea Brandt, , und Leon Scherfig


Frankfurt am Main/Viersen/Kehl - Bülent Arslan, 34, ist als Unternehmensberater viel unterwegs. Er kennt die Viertel in deutschen Städten, die bisweilen wirken wie Kopien jener türkischen Heimat, aus der seine Eltern stammen; und genauso vertraut ist ihm jenes bürgerliche Milieu, wie es die fein herausgeputzten City-Arkaden von Remscheid repräsentieren. Arslan beobachtet beim Mittagessen die Menschen, die vorbeihasten: Rentner, Frauen mit Weihnachtspaketen, vereinzelt Anzugträger, weit und breit kein Kopftuch - deutsche Provinz, sehr deutsch. Für Muslime, so glaubt er, sei das Leben in Deutschland "nicht leichter, sondern schwieriger" geworden.

Bülent Arslan ist ein Mann der Gegensätze, gläubiger Muslim und praktizierender Christdemokrat. Der Politiker aus Viersen am Niederrhein ist Vorsitzender des Deutsch-Türkischen Forums der nordrhein-westfälischen CDU. Er kennt die Provinz, die Großstadt und ein Gefühl - nicht viel mehr als eine subtile Ahnung, wie er sagt, die aber stärker werde: "Es ist auf beiden Seiten da: Ihr seid uns fremd, ihr macht uns Angst." Der Volkswirt und Vater zweier Kinder berichtet von einer "unterschwelligen Diskriminierung" im Alltag und in seiner Partei.

Zweimal hat er mit Rückendeckung der Unionsspitze versucht, als Bundestagskandidat aufgestellt zu werden. Zweimal fiel er bei der Nominierung durch. Er hat seitdem die Hoffnung aufgegeben: "Es ist unglaublich schwierig, als Muslim von der CDU-Basis akzeptiert zu werden."

Rauf Ceylan glaubt zu wissen, wovon Arslan spricht. Er ist Professor für Religionswissenschaften mit dem Schwerpunkt islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück und sieht eine "latente Islam-Angst in großen Teilen der deutschen Bevölkerung". Zwar werde der politische Dialog - zum Beispiel über Integrationsgipfel - immer besser, doch sei das Sache der politischen und religiösen Elite. "Wir haben das Volk auf der Straße vergessen", mahnt der Islamforscher.

Wie der gemeine Bürger denkt, das wird sichtbar allenfalls, wenn irgendwo Konflikte entstanden sind. Wenn um Kopftücher, Gebetsräume oder Schwimmunterricht für muslimische Schülerinnen gestritten wird - oder wenn wie vergangene Woche eine Debatte aus der Schweiz über die Grenze schwappt.

Das Meinungsforschungsinstitut Infratest hat im Auftrag des SPIEGEL im Prinzip die gleiche Frage gestellt, die in der Schweiz 57,5 Prozent mit "Ja" beantworteten. Sie lautete: Sollte auch in Deutschland der Bau von Minaretten verboten werden? 44 Prozent der Befragten sprachen sich für ein Verbot aus, wie es in der Schweiz vorige Woche durch eine Volksinitiative beschlossen worden ist. 45 Prozent stimmten für den Bau weiterer Moscheetürme.

Es ist nicht leicht, dieses Unentschieden im deutschen Volksempfinden zu interpretieren. Werden Minarette tatsächlich als Zeichen der Überfremdung gesehen, wie der Religionswissenschaftler Ceylan fürchtet? Er berichtet von einem freikirchlichen, evangelischen Gotteshaus in Duisburg, das von einer muslimischen Gemeinde "übernommen" worden sei - offiziell ganz ohne Probleme. "Aber an den Stammtischen und in privaten Kreisen hört man dort überall den Spruch, dass die Muslime nun die Macht in Deutschland übernehmen würden", sagt Ceylan.

Ein Streifzug durch die Provinz bis in die Großstädte soll zeigen, wie die Diskussion um Moscheen und Minarette in letzter Zeit in Deutschland geführt wurde - und dass Integrationsarbeit hierzulande auch von der Straßenverkehrsordnung abhängen kann.

Minarette ja, aber nicht höher als der Kirchturm

In Baden-Württemberg zum Beispiel setzt man zwar ganz entschieden auf interkulturellen Dialog. Wenn die muslimische Gemeinde sich aber im innerstädtischen Wohngebiet ausbreiten möchte, so geschehen im badischen Kehl, wird ihr dann doch wärmstens empfohlen, ein Grundstück im Gewerbegebiet vorzuziehen - schon wegen der optimalen Parkmöglichkeiten. Die Muslime von Kehl mochten die Offerte nicht abschlagen und haben nun einen 1,1 Millionen Euro teuren Neubau in Bahnhofsnähe, beste Verkehrsanbindung und viel "gestalterische Freiheit" inklusive. Wobei diese Freiheit ein Ende fand, als der Gemeinderat bemerkte, dass das auf 35 Meter veranschlagte Minarett den Turm der nahen Friedenskirche überragen würde. Das machte eine Vertiefung des interkulturellen Dialogs notwendig, in dem man sich auf 31 Meter einigte. Denn klar ist im Ländle: Minarette ja, aber nicht höher als der Kirchturm.

Ein Massenproblem ist jedoch auch das nicht. 600.000 Muslime und 260 Moscheen gibt es in Baden-Württemberg - aber nur die wenigsten Gotteshäuser, knapp 40, ziert ein Minarett. Etwa die Alperenler-Moschee in Rheinfelden, unmittelbar an der Schweizer Grenze.

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Seite 1
Neurovore 10.12.2009
1. ....
"...45 Prozent [der Befragten Deutschen] stimmten für den Bau weiterer Moscheetürme..." (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,665722,00.html) *Seufz* ... SPON, was ist denn los bei Euch. In Eurer Umfrage waren noch weit über 50% gegen den Neubau von Allahtürmchen. Jetzt plötzlich verschweigt Ihr Eure Ergebnisse und aus anderen "Meinungsumfragen" sind 45% nicht nur _gegen_ ein Minarettverbot, sondern sprechen sich (siehe Zitat) _für_ den Bau neuer Moscheetürme aus? Nochmal: *Seufz*
TC Matic 10.12.2009
2. ...
Zitat von sysopEin Minarett-Verbot wie in der Schweiz? Auch in Deutschland stoßen Muslime häufig auf Probleme, wenn es um den Bau von Moscheen geht. Und nicht selten regelt die Bau- oder Straßenverkehrsordnung, wie weit die Integration gehen darf. Ein Streifzug durch Städte und Gemeinden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,665722,00.html
M.E. sollten Menschen integtriert werden/sich intergrieren, aber doch nicht Gebäude!
frubi 10.12.2009
3. .
Zitat von sysopEin Minarett-Verbot wie in der Schweiz? Auch in Deutschland stoßen Muslime häufig auf Probleme, wenn es um den Bau von Moscheen geht. Und nicht selten regelt die Bau- oder Straßenverkehrsordnung, wie weit die Integration gehen darf. Ein Streifzug durch Städte und Gemeinden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,665722,00.html
Ist doch in Ordnung. Muslime müssen sich, wie alle Deutschen Bürger auch, an geltende Gesetze halten. In diesem Rahmen dürfen die ihre Moscheen bauen. Was ist daran falsch oder schlimm? Mir persönlich ist es ziemlich egal, ob ich nun an einer Kirche oder an einer Moschee vorbei gehe. Als Nicht-Gläubiger wollen mich sowieso beide Parteien in die Hölle schicken. Mir ist diese ganze Diskussion sowieso zu wieder. Man unterhällt sich immer über Kopftücher, Minerette etc. anstatt die eigentlichen Probleme anzusprechen. Letztlich hat das deutsche Bürgertum doch Angst vor einer feindlichen Übernahme durch den Islam, vor jugendlichen Raufbolden auf den Straßen und vermummten Frauen in den Einkaufszentren. Die Muslime fühlen sich oft diskriminiert, ausgestoßen und ohne jegliche Chance auf Ausstieg. Also kurz: der Umgang miteinander ist damit so gut wie nicht möglich solange die alte Denke in den Köpfen der Menschen herrum schwirrt. Wir müssen einfach damit aufhören, in jedem Türken einen Islamisten zu sehen und die Deutschen mit Migrationshintergrund müssen die Ängste der "Ur"-Deutschen mehr verstehen. Fertig. Etwas mehr Verständniss für den Gegenüber würde uns allen ganz gut tun. Dann brauchen wir auch keine HaF Diskussionsrunden mehr.
Robert Rostock, 10.12.2009
4. Umfrage vs. Anklickwettbewerb
Zitat von Neurovore"...45 Prozent [der Befragten Deutschen] stimmten für den Bau weiterer Moscheetürme..." (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,665722,00.html) *Seufz* ... SPON, was ist denn los bei Euch. In Eurer Umfrage waren noch weit über 50% gegen den Neubau von Allahtürmchen. Jetzt plötzlich verschweigt Ihr Eure Ergebnisse und aus anderen "Meinungsumfragen" sind 45% nicht nur _gegen_ ein Minarettverbot, sondern sprechen sich (siehe Zitat) _für_ den Bau neuer Moscheetürme aus? Nochmal: *Seufz*
Wie oft denn noch (war ja bereits im Minarett-Thread Thema): Es gibt einen Unterschied zwischen einer von Infratest gemachten halbweg repräsentativen Umfrage und einem Anklickwettbewerb auf einer Internetseite. Die Ted-Abstimmungen beim Großen Preis der Volksmusik zeigen doch auch nicht den Musikgeschmack der Deutschen.
Smoke 10.12.2009
5. tatsächliche Stimmung in Deutschland
Zitat von Robert RostockWie oft denn noch (war ja bereits im Minarett-Thread Thema): Es gibt einen Unterschied zwischen einer von Infratest gemachten halbweg repräsentativen Umfrage und einem Anklickwettbewerb auf einer Internetseite. Die Ted-Abstimmungen beim Großen Preis der Volksmusik zeigen doch auch nicht den Musikgeschmack der Deutschen.
Wie oft denn noch. Genau diese halbwegs repräsentativen Umfrage haben doch ergeben, dass die Schweizer Bevölkerung das Minarettverbot ablehnt. Die Wahl hat dann etwas ganz anderes ergeben...
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