Mythos neue Väter: Bügeln ist nicht Papas Ding

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Sie wechseln Windeln, rühren Brei an, manche wagen gar eine Vaterauszeit. Doch nach den Elternwochen werden viele Männer erschreckend rückständig - und die Frauen müssen die Familie wieder allein managen.

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Corbis

Vater mit Baby: "Was für Mütter selbstverständlich ist, ist für Väter erwähnenswert"

Berlin - Mama hat heute einen Jobtermin am Abend, ausnahmsweise. Papa hat sich dafür freigenommen. Er steht um 16 Uhr vor der Schule und holt das Kind ab. Einen schönen Nachmittag machen sich die zwei, Spielplatz, Eis essen. So etwas.

Wenn Mama dann heimkommt, nach einem langen Arbeitstag, dann steht das dreckige Geschirr in der Küche. Am nächsten Tag ist Adventssingen in der Schule, das Nachbarskind hat Geburtstag. Und kein Kuchen ist gebacken, kein Geschenk ist besorgt. Das muss die Mutter noch machen. Später, wenn die Wäsche aufgehängt ist.

Das ist nicht die hysterische Verdrehung einer frustrierten Mutter oder eine Familienszene aus den fünfziger Jahren - sondern heute in Deutschland in vielen Familien Realität. Studien sagen: Hausarbeit ist immer noch zum größten Teil Sache der Frauen, umso mehr, wenn Kinder im Haus leben. Das gilt auch dann, wenn sie - genau wie der Mann - Vollzeit arbeiten.

Ex-Familienministerin Renate Schmidt sagte einst: Die Angst vor dem "feuchten Textil, ob Windel, Wäsche oder Wischlappen" sei bei Männern ungebrochen.

Nach der Geburt ihrer Kinder bleiben die neuen Väter daheim. Die meisten ein paar Wochen, einige wenige sogar ein halbes Jahr. Sie nehmen dafür ein paar hämische Bemerkungen ihrer Kollegen in Kauf. Sie wissen ja, nach ein paar Monaten ist es vorbei, dann können sie wieder voll in den Job einsteigen. 90 Prozent der Väter tun das - und durchschnittlich verbringen sie dann sogar mehr Zeit im Büro als vor der Geburt, sagen Studien. Am Abend kommen die neuen Väter dann nach Hause und lesen den Kindern noch vor, toben mit ihnen. Manchmal gehen sie auch vor der Arbeit mit ihren Kindern zum Arzt.

Der Kopf ist immer voll - und das stresst

Aber: Mütter machen 77 Minuten Hausarbeit am Tag, Väter etwa die Hälfte, heißt es in einer Untersuchung des Hausgeräteherstellers Electrolux. In einer Allensbach-Studie aus dem Jahr 2010 gaben drei Viertel der Mütter an, die Hausarbeit ganz alleine oder zum größten Teil zu machen. Und wenn die Kinder krank sind, sind es die Mütter, die zu Hause bleiben und den Unmut ihres Chefs riskieren. In der Vorwerk-Familienstudie 2011 sagten 44 Prozent der befragten Männer, die trotz kranken Nachwuchses ins Büro gingen, ihre Frauen seien stattdessen daheim geblieben. Umgekehrt konnten nur vier Prozent der befragten Frauen im Job erscheinen, weil ihr Mann den maladen Nachwuchs hütete.

Viele Männer haben wohl inzwischen erkannt, wie anstrengend Familienmanagement sein kann und wissen die Arbeit ihrer Partnerin mehr zu schätzen. 2011 gaben 70 Prozent der Frauen in der Vorwerk-Studie an, dass sie das Gefühl haben, ihr Partner würde ihre Familien- und Hausarbeit anerkennen, 2005 fand das nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten.

Es geht allerdings um mehr als ein Ungleichgewicht beim Bügeln, Fegen und Staubsaugen. Es geht um die Organisation des Familienalltags. Und hier klagen viele Frauen: Vor allem das Mitdenken, dabei seien sie oft alleine. Kindergarten oder Schule auswählen, Impftermine vereinbaren, das Kind zum Schwimmkurs anmelden, rechtzeitig Winterstiefel kaufen, bevor sich das Kind mit den Sommerschuhen eine Lungenentzündung holt. Es sind Kleinigkeiten, aber sie summieren sich. Den Kopf immer voll, das ist es, was viele Mütter stresst.

Familienunfreundliche Arbeitszeitmodelle

Julia*, Mitte 30, politische Analystin, hat mit ihrem Mann einen dreijährigen Sohn. Sie sagt über ihren Partner: "Er ist tatsächlich ein Super-Papa, macht auch viel und bringt unseren Sohn immer in die Kita, aber die Organisation läuft über mich." Das fange mit dem frischen Schlafanzug an, der immer montags in die Kindergartentasche gesteckt werden müsse. "Der ist eigentlich nur verfügbar, wenn ich ihn selbst in die Tasche packe."

Anne*, Freiberuflerin, hat gerade ein Baby bekommen. Die Kleine, neun Wochen alt, schläft unruhig. Sie hat anstrengende Nächte, trotzdem gönnt ihr Mann ihr morgens nur selten ein paar Stunden Extraschlaf. "Es passiert nur selten, dass er mit Charlotte aufsteht, Frühstück macht, Charlotte wickelt, ihr Vitamin D gibt und eventuell auch noch die Spülmaschine ausräumt. Dafür brüstet er sich aber jetzt täglich etwa fünfmal, wie toll er sich einbringt!" Was für sie selbstverständlich sei, halte ihr Mann für erwähnenswert, so Anne.

Die Soziologin Jutta Allmendinger macht auch familienunfreundliche Arbeitszeitmodelle in Deutschland für die Zementierung dieser Rollen verantwortlich. Weil es in Deutschland in aller Regel die Frauen seien, die Teilzeit arbeiten, "mag es auf den ersten Blick rational wirken, wenn Frauen mehr Hausarbeit als Männer machen. Tatsächlich arbeiten die Frauen aber viel mehr in ihrem Job als die Teilzeitstunden, für die sie bezahlt werden. Sie nehmen sich Arbeit mit nach Hause. Die Frauen sind also oft doppelt bestraft", sagt sie.

Allmendinger fordert familienfreundlichere Arbeitszeitmodelle, eine Reduzierung der Arbeitszeit für alle, eine Wochenarbeitszeit von 32 Stunden etwa. "Dann würden beide Partner Vollzeit arbeiten, und beide könnten sich um Familie und um Haushalt kümmern." Wenn es indes weiterhin so schwierig bleibe für Frauen aus der Teilzeit herauszukommen, dann verfestige sich dieses Rollendenken und die Haushaltsaufteilung. "Und niemand kann dann mehr sagen, es sei die Schuld der Frauen, dass sie beides machen müssen."

Haben die Männer schlicht keine Lust, ignorieren sie die Not ihrer Frauen?

Julia und Anne räumen ein, vielleicht eine Mitschuld an dem Ungleichgewicht zu haben. "Ich neige dazu, die Organisation an mich zu ziehen, weil ich sie "ganz objektiv" natürlich auch besser mache als mein männliches Pendant. Daher kann es durchaus auch sein, dass ich das meiste organisiere, weil ich es eben immer gleich mache und mein Mann deshalb gar nicht zu richtig zum Zug kommt", sagt Julia. Auch Anne sagt: "Ich bin der Typ, der sagt 'Ich mach's lieber selbst', ich sollte meinem Mann vielleicht einfach mehr aufgeben. Mich nervt aber eben oft, dass ich ihm immer alles sagen muss."

"Frauen senden ambivalente Signale aus"

Beide Geschlechter seien oft noch in alten Rollenbildern verhaftet, erklärt der Soziologe Hans-Walter Gumbinger. Viele Männer hätten - und das trotz Vätermonaten und Promi-Papas - noch immer Probleme damit, Eigenschaften wie Fürsorglichkeit in ihr Männlichkeitsbild zu integrieren. "Männer haben es auch schwer, ihre Rolle zu finden; Frauen senden ambivalente Signale aus: Einerseits wollen sie einen engagierten Vater, gleichzeitig wollen sie einen mit traditionell männlichen Eigenschaften - der sich bloß nicht vollkommen gleichberechtigt um Kinder und Haushalt kümmert", so Gumbinger.

Immer noch hätten Frauen in Deutschland Angst, als "Rabenmutter" zu gelten. "Und auch dadurch regulieren die Mütter das Engagement der Väter."

Lukas* und Jana* aus Berlin haben die klassische Rollenverteilung umgedreht. Jana arbeitet Vollzeit, Lukas hat auf Teilzeit reduziert - nach Janas einjähriger Babypause. Sie sagt: "Nach einer Eingewöhnungszeit von einigen Monaten, hat er tatsächlich meine Aufgaben übernommen. Wäsche waschen, aufhängen, den Lebensmittel-Einkauf, sich drum kümmern, dass alles da ist, auch daran zu denken." Sie merke, wie sie sich jetzt hin und wieder aus der Verantwortung stehle. "Das ist komisch, weil ich plötzlich merke, was es ausmacht, wenn ein anderer diese Aufgaben übernimmt. Man fällt sofort in seiner Motivation zurück", sagt Jana.

Lukas* nervt vor allem eines: dass in allen Kinderbüchern die Mutter mit den Kindern zu Hause ist - und er sich deshalb Fragen seiner Tochter gefallen lassen muss.

*Namen geändert

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