Nach Amoklauf WM-Organisatoren überprüfen Sicherheitskonzept

Der Amoklauf im Berliner Regierungsviertel mit mehr als zwei Dutzend Verletzten hat die Debatte über die Sicherheit bei der Fußball-Weltmeisterschaft neu entfacht.  Die Polizeigewerkschaft fordert Eingangskontrollen bei öffentlichen Spiel-Übertragungen


Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte den Amoklauf "schrecklich", wertete ihn aber nicht als Anlass für eine Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen zur WM. Bundesinnenminister Schäuble werde nächste Woche ohnehin noch einmal seine Kollegen aus den Ländern treffen und später die Botschafter aller Teilnehmerländer der WM. Die Bundesregierung habe in enger Abstimmung mit den Ländern alle denkbaren Vorkehrungen getroffen, betonte die Kanzlerin. Es habe noch nie zuvor so umfangreiche sicherheitspolitische Abstimmungen gegeben wie jetzt.

Ein Amokläufer hatte in der Nacht zu Samstag nach der Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofs 28 Menschen niedergestochen. Sechs von ihnen erlitten lebensgefährliche Stichwunden.

WM-Stadion in Dortmund: Sicherheit geht vor
DPA

WM-Stadion in Dortmund: Sicherheit geht vor

Der Sicherheitschef des WM-Organisationskomitees, Helmut Spahn, kündigte umgehend erste Konsequenzen an. Die Gewerkschaft der Polizei forderte für alle größeren öffentlichen Fußball-Übertragungen Eingangskontrollen. "Wir werden bei unseren WM-Sicherheitskonferenzen über den Amoklauf in Berlin reden müssen", kündigte Spahn an. Es müsse geprüft werden, ob im Vorfeld "wirklich alles bedacht" worden sei. Jedoch sei es "unheimlich schwer, einen irrational handelnden Menschen in der Masse zu kontrollieren", räumte Spahn ein und warnte zugleich vor allgemeiner Panik. Insgesamt seien die Sicherheitsbehörden gut auf die WM vorbereitet.

Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) forderte, das Sicherheitskonzept "noch einmal zu überdenken". Sorgen mache ihm weniger die Sicherheit in den Stadien als vielmehr die bei öffentlichen Übertragungen etwa auf Marktplätzen.

Der Vorsitzende der Gewerkschkaft der Polizei, Konrad Freiberg, mahnte scharfe Kontrolle an: "Bei allen Open-Air-Übertragungen auf größeren Plätzen müssen die Fans auf Waffen durchsucht werden".

Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) sieht hingegen keinen Grund zur Änderung des Sicherheitskonzepts für die Fußball-Weltmeisterschaft. Es sei ein Konzept entwickelt worden, "das wirklich auf alle Möglichkeiten vorbereitet ist", sagte er am Samstag im NDR Info. "Wir haben alles Menschenmögliche getan, insofern, ich bin da sicher, müssen wir das Konzept insgesamt nicht ändern." Auch für Orte außerhalb der Stadien, wo die Spiele öffentlich auf Großbildleinwänden übertragen werden, seien besondere Vorkehrungen getroffen worden. Schünemann verwies auf die vorgeschriebene Videoüberwachung und Eingangskontrollen.

Sein Berliner Ressortkollege Ehrhart Körting (SPD) bezeichnete den Berliner Amoklauf als "singuläres Ereignis". Es gebe bislang "keine Überlegung, das WM-Sicherheitskonzept auf den Kopf zu stellen". Die vielen Volksfeste, die zur WM und auch sonst in Berlin geplant seien, und die vielen Menschen, die dorthin kämen, würden durch " Zäune, durch Einlassstellen, durch Security und Video" überwacht.

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth warnte davor, das WM-Sicherheitskonzept "jetzt spontanistisch zu ändern". Der Amoklauf sei "fürchterlich, aber es wäre heuchlerisch, den Menschen jetzt vorzumachen, mit verschärften Gesetzen gäbe es absolute Sicherheit". Stattdessen forderte Roth die Fans zu erhöhter Wachsamkeit auf: "Jeder muss sehen, was sein Nachbar macht."

Nach Ansicht des bayerischen Innenministers Günther Beckstein steht bei den Sicherheitsvorkehrungen zur WM die Gefahr terroristischer Anschläge im Vordergrund. Besonders im Visier von Terroristen dürfte aus seiner Sicht das Eröffnungsspiel am 9. Juni in München stehen. "Trotz der sorgfältigen Vorbereitungen werden wir hier einen Schuss Glück brauchen", betonte der Minister. Denn Terroristen suchten sich gerade "weiche Ziele", die schwer zu schützen seien. "Bekannte gefährliche Personen" würden derzeit gezielt überwacht.

Unterdessen zeichnet sich immer deutlicher ab, dass hessische Neonazis das WM-Spiel Iran gegen Portugal am 17. Juni in Frankfurt am Main mit einer Pro-Iran-Demonstration begleiten wollen. Laut einem "Focus"-Bericht soll die von einschlägig bekannten Rechtsextremisten organisierte Kundgebung unter dem Motto "Präsident Ahmadinedschad zu Gast bei Freunden" stehen. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad ist in der Neonazi-Szene wegen seiner antisemitischen Äußerungen beliebt.

Beckstein forderte erneut ein Einreiseverbot für Ahmadinedschad. Wenn dieser komme, drohten politische Verwicklungen. Ob der Präsident einreisen dürfe, müsse die Bundesregierung entscheiden.

sev/reuters/dpa/ap/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.