Von Annett Meiritz
Berlin - Piraten verkünden wichtige Entscheidungen gern verschlüsselt: "~~~~", twitterte Gerhard Anger am Dienstagabend. Vier Tilden, mit diesen Symbolen unterschreiben Piraten in ihren internen Online-Verzeichnissen. Abgeleitet aus der Programmiersprache, bedeutet es so viel wie: Da bin ich, ich bin dabei. Das Signal war nur für Insider zu verstehen: Der ehemalige Vorsitzende des Berliner Landesverbands ist zurück, sollte das heißen.
Für alle, die den Wink nicht kapierten, schob der Berliner Pirat die Auflösung hinterher: "Ja, ich werde für den nächsten Landesvorstand kandidieren", erklärte er. Die Entscheidung kommt überraschend. Anger hatte im Februar 2012 den Landesvorsitz abgegeben, die Partei darüber erst am Tag der Abstimmung informiert. Anger, der leitender Angestellte einer Software-Firma ist, begründete den Schritt damals mit dem "enormen Druck", der auf dem Parteiamt laste. Dem könne er nicht mehr standhalten.
"Ich ertrage diese emotionale Belastung nicht" - dieser Satz aus der Abschiedsrede Angers stand lange stellvertretend für das unglamouröse Image von Piraten-Vorstandsämtern. Gremien sind bei den Freibeutern nur verwaltend tätig, die Führungskräfte arbeiten unentgeltlich und ohne jegliche Entscheidungskompetenz. Die Dauer-Shitstorms gibt es meist gratis dazu.
"Ich würde uns nicht mehr wählen"
Der 36-Jährige hatte den Landesverband in die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im vergangenen September geführt. Dort erzielten die Piraten ein Ergebnis von 8,9 Prozent und zogen erstmals in ein deutsches Landesparlament ein. Doch bis vor kurzem sah es so aus, als wollte Anger seine Partei am liebsten verlassen. Die Piraten hätten ihre Ideale verraten, wütete er vor zwei Monaten in einem Podcast. Von der Arbeit der Berliner Fraktion sei er enttäuscht, das Versprechen auf Transparenz habe man gebrochen. "Ich würde uns nicht mehr wählen", sagte er damals.
Woher kommt nun der plötzliche Sinneswandel? Seit Wochen munkelten Berliner Piraten über eine mögliche Rückkehr ihres früheren Vorsitzenden. Anger wollte sich am Mittwoch nicht äußern, deutete aber vor einigen Tagen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE seine Rückkehr an. Es habe viele Bitten von der Basis gegeben, er möge den Job wieder übernehmen. "Da überlegt man schon, ob man es noch einmal machen will", sagte Anger. Er fühle sich mittlerweile auch "besser gewappnet" gegen die Herausforderungen des Amtes.
Parteitag im September
Viel Konkurrenz muss der Pirat wohl nicht fürchten. Bislang haben sich gerade einmal zehn Piraten für die fünf Posten im Vorstand beworben, darunter kaum aussichtsreiche Kandidaten. Die anhaltenden Querelen um den Berliner Vorstand dürften viele von einem Engagement abschrecken. Die Hauptstadtpiraten mit knapp 4000 Mitgliedern haben in den vergangenen Monaten einen Vorsitzenden nach dem anderen verschlissen.
Angers Nachfolger, Hartmut Semken, trat nach umstrittenen Äußerungen über Extremismus und einer Lüge gegenüber Parteifreunden zurück. Zudem steht die Listenplatzvergabe für die Bundestagswahl an, in Berlin spekulieren einige Piraten lieber auf ein Mandat als auf einen ehrenamtlichen Verwalter-Posten.
Angers Entscheidung blieb am Dienstag nicht die einzige Überraschung. Auch die frühere Schatzmeisterin Katja Dathe will wieder für einen Posten im Landesvorstand kandidieren. Kurz vorher hatte sie angekündigt, ihr Mandat im Bezirksparlament Berlin-Mitte niederzulegen. Sie halte die Arbeit in jenem "Bürokratiemonster" für "überflüssig und kontraproduktiv", schrieb sie in einem Blogeintrag.
Die alte Garde der Berliner Piraten will also wieder zurück an die Spitze des Landesverbands. Entscheiden wird darüber die Basis. Die Berliner Piratenpartei wird Mitte September ihren Landesparteitag abhalten, auf dem der neue Vorstand gewählt werden soll.
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