Nach der Entschuldigung: Neue Prügel von und für Fischer

Von Holger Kulick

Nach seiner Entschuldigung erhält Bundesaußenminister Fischer massive Rückendeckung von SPD und Grünen. Aber die Union prügelt weiter auf Fischer ein, vor allem nachdem dieser zugegeben hat, nicht nur zur Selbstverteidigung zugeschlagen zu haben.

Fischer (mit schwarzem Helm) beim Angriff auf den Polizisten

Fischer (mit schwarzem Helm) beim Angriff auf den Polizisten

"Joschka Fischer entschuldigt sich", setzte sogar die "Bild"-Zeitung brav auf ihre Titelseite, als gelte es, dem angegriffenen Außenminister die Absolution zu erteilen. Im Berliner "Tagesspiegel" setzte Fischer aber inzwischen noch einen Satz drauf, um zu erläutern, wie das mit der Polit-Randale damals war: "Das war nicht so, dass man immer gewartet hat, bis man geschlagen wurde." Die Union zog daraufhin Vergleiche zu den aktuellen Gewalttaten rechter Jugendlicher.

Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Jürgen Rüttgers stellte die Taten Fischers auf eine Stufe mit der Gewalttätigkeit von Rechtsextremisten: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Regierung, in der ein prominentes Mitglied in seiner Jugend linke Gewalt ausgeübt hat, jungen Leuten, die heute rechte Gewalt ausüben, Vorbild sein kann." Ins gleiche Horn bläst die CSU und will Fischers "Putzdienst" in Frankfurter Hausbesetzerzeiten nicht als "Jugendsünde" relativieren. Zur Erklärung: "Auf den Putz hauen" sollten damals solche Gruppen der radikalen Linken, zu denen auch Fischer zählte.

Vote
Prügelknabe Fischer

Dass Joschka Fischer 1973 einen Polizisten verprügelt hat,...

Fischers Vergangenheit schade im Kampf gegen rechte Gewalt, sagte auch der bayerische CSU-Fraktionschef Alois Glück: "Ich frage mich, mit welcher Glaubwürdigkeit man gewaltbereiten Jugendlichen heutzutage noch ein Unrechtsbewusstsein vermitteln soll, wenn Fischer erst durch zu erwartende Veröffentlichungen die Flucht nach vorne antritt und sich halbherzig von seinen Gewalttaten distanziert", sagte Glück.

Erwartungsgemäß Zuspruch aus den eigenen Reihen

Dagegen nahm Grünen-Chefin Renate Künast ihren Parteifreund Fischer in Schutz. "Das ist auch die Vergangenheit einer ganzen Generation in dieser Republik", sagte Künast. Im Westen der Republik hätten die Jahre 1967/68 "eine ganz besondere Bedeutung" gehabt. Da habe es "auf beiden Seiten Auseinandersetzungen" gegeben, die heute niemand wiederholen würde. Auch Polizeibeamte würden heute nicht mehr so agieren wie damals.

Joschka Fischer - sogar ein revolutionärer Held?

Cooler Held? Außenminister Joschka Fischer
REUTERS

Cooler Held? Außenminister Joschka Fischer

Auch die SPD stellte sich eindeutig hinter den Bundesaußenminister. "Er war aufmüpfig, er war ein Militant, das hat er nie verdrängt, und ich finde es gut, dass er jetzt offen dazu spricht", sagte SPD-Generalsekretär Franz Müntefering im WDR. Die Entschuldigung hätte allerdings ein bisschen eher kommen können. Alle hätten jedoch gewusst, dass Fischer dort gewesen sei. "Wer in der Hausbesetzungsszene war in Frankfurt in der Zeit, das war keiner, der Joghurt essend am Straßenrand gesessen hat", sagte Müntefering und ehrte Fischer förmlich: "Wenn man sich auf der Welt umguckt, da werden sehr viele sein, die in ihrer Jugend auch schon mal Revolutionäre waren oder andere Ideale gehabt haben, die dazugelernt haben."

Cohn-Bendit: "Das ist mehr als eine Entschuldigung"

Heute müsse man Fischer bewerten, wie er als Außenminister handle, und nicht, wie er vor 30 Jahren gelebt habe, erneuerte Daniel Cohn-Bendit seine Rückendeckung für Fischer. Politiker dürften nicht als "moralische Jungfrauen" betrachtet werden. Fischer habe immer ein reflektives Verhältnis zu einer eigenen Biografie gehabt und stehe zu den Brüchen. "Und das ist in der Tat mehr als eine Entschuldigung, weil es bedeutet, aus der eigenen Geschichte auch fähig zu sein, Lernprozesse einzusetzen, das heißt, zu lernen."

Die Journalistin Bettina Röhl, die Fischers Action-Bilder auf ihre Homepage ins Internet gestellt hat, hielt dagegen im ARD-Morgenmagazin dem Außenminister vor, sich mit "Phrasen" für etwas zu entschuldigen, was so einfach nicht zu entschuldigen sei. "Es ist viel Neues in Arbeit!", kündigt die Meinhof-Tochter im Internet an - und das klingt, als habe sie mit Fischer noch eine Rechnung offen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite