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27. September 2002, 15:27 Uhr

Nach der Flut ist vor der Flut (1)

Millionen in den Sand gesetzt

Von Jochen Bölsche

Die todbringenden Fluten waren kaum abgezogen, TV-Sender zeigten noch immer Politiker in grünen Gummistiefeln und schwitzende Helfer mit Sandsäcken - da dachten deutsche Hochwasserexperten schon an die nächste Flut. Und es befiel sie das Grauen.

Hochwasser-Ruinen in Wesenstein
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Hochwasser-Ruinen in Wesenstein

Dass Hochwasser niemals ganz zu vermeiden sein werden, dass sintflutartige Niederschläge wegen des Klimawandels künftig gar häufiger auftreten könnten als bislang - das ist den Fachleuten im Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) am Dresdner Weberplatz bewusst. Sie alle kennen das geflügelte Wort: "Nach der Flut ist vor der Flut."

Doch seit kurzem plagt den Dresdner Institutsdirektor Bernhard Müller und seine Mitarbeiter die Frage, ob in den nächsten Monaten die richtigen Lehren gezogen werden aus der so genannten Jahrtausendflut, die allein in Deutschland mehr als 20 Todesopfer gefordert und Hab und Gut im Schätzwert von 23 Milliarden Euro vernichtet hat.

"Der Blick sollte so früh wie möglich in die Zukunft gerichtet werden," drängt Müller. Experten wie er fürchten: Andernfalls könnten Fehlschlüsse und Fehlplanungen, Politikerversagen und Kompetenzwirrwarr dazu führen, dass ein Großteil des Geldes aus den Zehn-Milliarden-Euro-Programmen zum "zweiten Aufbau Ost" von Gerhard Schröder in den Sand von Deutschlands Flussauen gesetzt wird - und dass weniger populäre, aber besonders effektive Vorkehrungen unterbleiben.

Hochwasser entsteht im Hinterland

Der Landschaftsökologe Jochen Schanze, Hochwasser-Koordinator im Dresdner IÖR, warnt gegenüber SPIEGEL ONLINE vor der "konkreten Gefahr" von Fehlinvestitionen durch das Berliner "Fünf-Punkte-Programm". Dieses Regierungsprojekt sei - wie die gesamte öffentliche Diskussion der letzten Wochen - "sehr stark bezogen auf die Hauptflussströme", etwa auf Deichverstärkungen und Polderbau an den Ufern.

Das Konzept vernachlässige jedoch die Vorsorge auf der "riesigen Zahl von Einzelflächen" in den höheren Lagen, auf denen die Hochwasser ihren Ausgang nehmen.

Beispiel Elbe: Über dem gesamten Einzugsgebiet, 150.000 Quadratkilometer groß, bewohnt von 25 Millionen Deutschen und Tschechen, Polen und Österreichern, gehen jene ungeheuren Wassermassen nieder, die sich später drunten in den Tälern der Elbzuflüsse und in der Elbniederung so verheerend auswirken können - jedenfalls dann, wenn das Rückhaltevermögen der Landschaft nicht ausreicht, nach Stark- und Dauerregen die Bildung von Hochwasser zu vermeiden.

Intelligentes Management gefragt

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Statt immer nur auf jenes knappe Zehntel des Bundesgebietes zu starren, das von Gewässern und Überschwemmungsgebieten bedeckt ist, müssten Politiker daher ihr Augenmerk verstärkt auf die übrigen 90 Prozent der Fläche richten, auf denen ein intelligentes Wasser-Management sehr wohl zur Risikominderung beitragen könne - und zwar zu vergleichsweise niedrigen Kosten. "Günstige Maßnahmen am Oberlauf könnten teure Maßnahmen am Unterlauf ersetzen," glaubt Schanze.

Damit schon oben weniger Nass in die Fließgewässersysteme rauscht, fordert Schanze eine Abkehr von jenem Glaubenssatz, der Jahrhunderte lang das Wirken von Deutschlands Wasserbauern bestimmt hat: Regenwasser müsse durch Bachbegradigung und Dränage, Gullys und Kanalisationsrohre möglichst schnell und schnurstracks in die großen Flüsse abgeleitet werden. Genau dieses Denken hat zu den katastrophalen Hochwasserspitzen beigetragen.

Schanze empfiehlt das glatte Gegenteil der überkommenen Praxis: das Abflusstempo abzubremsen - zum Beispiel durch eine Vielzahl dezentraler "grüner Rückhaltebecken". Damit meint der Landschaftsökologe "intelligente" Erdwälle mit Öffnungen, die so bemessen sind, dass sie ein Kleingewässer in normalen Zeiten ungehindert passieren lassen. Bei Stark- oder Dauerregen hingegen wird der Bach automatisch in einer Bodenmulde angestaut und erst allmählich freigegeben - ein patentes, sich selbst regulierendes System, das dazu beitragen kann, manch einem Unterlieger feuchte Keller, nasse Füße oder Schlimmeres zu ersparen.

Überschwemmungen, hausgemacht

In einer Studie mit dem Titel "Hausgemachte Überschwemmungen" empfiehlt auch das Umweltbundesamt solche und andere "Maßnahmen der dezentralen Versickerung von Niederschlagswasser". Dadurch ließe sich das Risiko verringern, dass es in den Flüssen zu den tückischen "Abflussspitzen" kommt.

Auch die klassischen Talsperren und Flusspolder müssten verstärkt in die Katastrophenvorsorge einbezogen werden, fordert die Fachvereinigung "Wasser-Experten Berlin-Bandenburg" (WE-BB). Eine solche Strategie setzt jedoch ein "aktives Hochwassermanagement" voraus, das bislang fehlt.

Denn das Fluten und Entleeren von Stauseen und Stauräumen, notfalls auch das Sprengen von Deichen und das Öffnen von Poldern müsste, so die WE-BB, großräumig und "über Verwaltungsstrukturen hinaus" gesteuert werden können. "Eventuell sogar richtig" sei, so das vorsichtige Urteil der Vereinigung, die Kritik an dem Management der Talsperren oberhalb Dresdens gewesen: Diese Stauseen waren bereits zu Beginn der Starkregenperiode randvoll gefüllt - und damit nicht mehr rückhaltefähig.

Laserstrahl statt Pegel

Gerhard Schröder am 14. August im zerstörten Grimma
AP

Gerhard Schröder am 14. August im zerstörten Grimma

Während der Hochwasserkatastrophe in Dresden erwies sich auch, dass behördliche Abwasser- und Hochwasserexperten seit Jahrzehnten nebeneinander her gewerkelt hatten: Nicht nur Wasser aus Elbe und Weißeritz drang in die Häuser ein, sondern auch Grundwasser sowie Kloake aus der Kanalisation. "Wechselwirkungen" zwischen Hoch-, Grund- und Abwasser seien, kritisieren die Fachleute, bisher "nicht oder nur nachrangig berücksichtigt" worden.

Dass Hochwasservorsorge generell "ein Schwachpunkt in Deutschland" ist, zeigt sich laut WE-BB auch am Fehlen eines flutsicheren Pegelsystems. Massenhaft riss die Wasserwalze die Messlatten an der Elbe mit sich, so dass es an Daten für eine effiziente Hochwasser-Vorhersage mangelte.

Katastrophenvorsorge, folgern die Fachleute, verbiete jede Knauserigkeit. Unabdingbar sei der rasche Aufbau eines automatisierten, "berührungsfreien" Messsystems - zum Beispiel mit Laser-Sonden an den Ufern. Einsparungen im Messwesen könnten sich sonst schon bald "als extrem teuer erkauft" erweisen.

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