Nach der Flut ist vor der Flut (2) Der Regenwurm als Katastrophenschützer

Die prominentesten Fluthelfer in den Zeiten des Elbhochwassers hießen Gerhard Schröder und Jürgen Trittin. Der wohl unscheinbarste unter den Katastrophenschützern heißt Lumbricus terrestris. Doch die Verdienste des gemeinen Regenwurms um die Hochwasservorsorge scheinen nicht mehr so recht gefragt - und das hat schlimme Folgen.

Von Jochen Bölsche


Regenwürmer: Kleine Helfer mit großer Muskelkraft
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Regenwürmer: Kleine Helfer mit großer Muskelkraft

Dem Regenwurm sei Dank: Wie kein anderes Wesen sorgt der glitschige Wühler dafür, dass Mutterboden, wenn er nach Altväter Art beackert wird, zu 50 Prozent aus Hohlräumen besteht: Die Gänge, die der Kriecher in die Krume gräbt, verwandeln das Erdreich in einen Schwamm.

Wegen der vertikalen Wurmröhren können Felder und Fluren Unmengen von Regenwasser schlucken und speichern, um es dann ganz allmählich ans Grundwasser abzugeben. Der katastrophenträchtige Oberflächenabfluss wird somit auf ein Minimum verringert.

Schier unfassbar sind Menge und Muskelkraft der kleinen Katastrophenhelfer: Unter einem einzigen Hektar Grünland ackern bis zu einer Million Exemplare. Die Viecher brächten ein Gewicht auf die Waage, das dem von vier Kühen entspricht.

Und jeder einzelne Wurm bewegt Zeit seines Lebens Dutzende von Tonnen Erde. In einem Kubikmeter Boden bringen es die Gänge auf eine Länge von einem Kilometer.

Gemeinsam mit Myriaden von Mikroorganismen sorgen Würmer wie auch Wühlmäuse für die klassische Krümelstruktur des Bodens, Grundvoraussetzung für optimale Belüftung und Bewässerung. Die innere Oberfläche eines Bodenwürfels von nur 30 Zentimetern Kantenlänge kann bis zu zehn Quadratkilometer messen - auch dies eine Zahl, die das menschliche Vorstellungsvermögen arg strapaziert.

Schwämme schwinden, Schwemmen drohen

Renate Künast bemängelt die Politik der EU-Prämien
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Renate Künast bemängelt die Politik der EU-Prämien

Doch das moderne Agrobusiness hat dem Wurm den Garaus gemacht. Statt des Gründüngers, der die Wühler einst reichlich nährte, klatscht nun Kunstdünger auf die Äcker, und tonnenschwere Agrarmaschinen zerquetschen die Hohlräume der Kleinlebewelt, die überdies durch Pestizide dezimiert wird. Wo aber die Schwämme im Boden schwinden, droht jeder Dauerregen zur Schwemme zu werden.

Dass die moderne Agrarindustrie die Ackerkrume heute wie den letzten Dreck behandelt, hat fatale Folgen. Seit Jahrzehnten bescheinigen Wissenschaftler den zunehmend verdichteten Böden abnehmende "Retentionsfähigkeit". Auf Deutsch: Die Felder können die Wassermassen nicht mehr halten, die auf sie herniederpladdern - das Land wird mehr und mehr inkontinent, und folglich wächst die Gefahr von Erosion und Hochwasser.

Zusätzlich geschwächt wird das Rückhaltevermögen der Böden durch einen weiteren Negativtrend: die zunehmende Umwandlung relativ speicherfähiger Wiesen und Weiden in öde Agrarsteppen. Der Anteil des Grünlandes in Deutschland ist binnen zweier Jahrzehnte um etwa ein Viertel zurückgegangen.

Syphilis der Landwirtschaft

An die Stelle von Wiesen tritt vor allem der flach wurzelnde Futtermais, der ungefähr ein Drittel des Regenwassers oberirdisch abfließen lässt. Naturschützer sehen in den Stangenplantagen bereits eine Art "Syphilis der Landwirtschaft".

Die grüne Agrarministerin Renate Künast kennt die Ursachen der Seuche. "Für Mais werden in der EU hohe Prämien gezahlt, für Grünland bekommen die Bauern überhaupt nichts", erklärte sie jüngst bei einer "Nationalen Flusskonferenz" in Berlin: "Mit Blick auf das Hochwasser an Donau und Elbe ist das Wahnsinn."

Mustergültig hingegen verhalten sich schon jetzt ostdeutsche Landwirte, die durch schonende Bewirtschaftung mit Grubber und Gründünger das Speichervermögen des Bodens deutlich erhöht haben. Den Effekt haben Fachleute mit Hilfe von Computersimulationen gemessen: Die Hochwasserspitzen an der nahen Lausitzer Neiße sanken immerhin um einen Dezimeter.

Auf pfälzischen Äckern und Weinbergen wiederum unternahm der Wissenschaftler Steffen Schobel von der Abteilung Bodenkunde der Universität Trier Serien von viel versprechenden Experimenten mit dem Ziel, die Hochwassergefahr durch eine ganz spezielle Form der Landbearbeitung zu bannen.

Revolution mit "TLG 12"

Maisfeld: Die Syphilis der Landwirtschaft
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Maisfeld: Die Syphilis der Landwirtschaft

Mit einem so genannten Tiefenlockerungsgerät vom Typ "TLG 12" durchpflügten die Bodenkundler verdichtete Felder im Hunsrück bis in einen Meter Tiefe. Auf jeden der "höhenlinienparallel gelockerten Streifen" von fünf Metern Breite folgte ein "Wassersperrriegel": ein unbearbeiteter Erddamm von einem Meter Breite.

Nach ausgiebigen Beregnungsversuchen publizierte Schobel ein Resultat, das die Hochwasservorsorge revolutionieren könnte: Der gelockerte Boden kann dank vergrößerter Poren noch im zweiten Jahr nach der Bearbeitung pro Kubikmeter bis zu 50 Liter mehr Wasser zwischenspeichern als die ungelockerte Variante.

Schobel notierte: "Als Folge davon trat bei den Beregnungsversuchen auf der gelockerten Parzelle fast kein Oberflächenabfluss auf, da das Beregnungswasser fast vollständig (81,5 Prozent) in den Untergrund absickern konnte. Die ungelockerte Variante hingegen zeigte mit 43,5 Prozent Oberflächenabfluss die deutliche Brisanz verdichteter Böden für die Hochwasserentstehung."

Der Bodenkundler plädiert folglich für eine Hochwasservorsorge, die Bauern durch gezielte Zuschüsse zu einer Wirtschaftsweise animiert, mit der sich das Rückhaltevermögen der Landschaft spürbar erhöhen lässt. Schobel zu SPIEGEL ONLINE: "An dieser Schraube muss man drehen, denn wenn das Wasser erst in der Aue steht, ist es zu spät."

Wie kommt das Wasser in den Fluss?

Natürlich seien auch Deichbauten und -erhöhungen "schön und gut", räumt der Bodenkundler ein, "aber was ist, wenn die Deiche brechen?" Schobel bedauert wie viele seiner Kollegen, dass die Hochwasservorsorge bislang weitgehend den Hydrologen überlassen worden sei. Doch für die Wasserkundler sei "nur interessant, was im Fluss stattfindet". Nicht minder wichtig aber sei die Frage: "Wie kommt das Wasser in den Fluss?"

Diesem Problem widmet sich seit Jahren auch der in Trier lehrende Bodenkundler Dietmar Schröder. Er fordert, die Landwirtschaft gezielt in den Dienst des Hochwasserschutzes zu stellen.

Die ohnehin jetzt schon gezahlten Subventionen für Bauern in strukturschwachen Gebieten sollten - nach dem Muster der Schweiz - künftig an die Einhaltung "definierter Umweltleistungen" gebunden werden: schonende Bodenbearbeitung quer zum Hang, reduzierte Stickstoffdüngung, Tieflockerung verdichteter Flächen - allesamt Methoden, mit denen sich das Speichervermögen der Landschaft erhöhen lässt.

Der Professor glaubt zu wissen, was eine solche Agrarpolitik - neben verbesserter Hochwasservorsorge - bringen würde: volkswirtschaftliche Einsparungen nicht in Millionenhöhe, sondern "in Milliardenhöhe".

Zum 1. Teil der Serie: Millionen in den Sand gesetzt



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