Politik

Nach der Flut ist vor der Flut (3)

Das schwarze Dreieck schlägt zurück

Keiner spricht mehr vom Baumsterben. Doch vor allem im Erz- und im Riesengebirge ist der Wald noch immer massiv durch Umweltgifte geschädigt. Im Quellgebiet vieler Elbzuflüsse haben die Forsten ihre Funktion als Wasserspeicher weitgehend eingebüßt - eine von vielen bislang übersehenen Hochwasser-Ursachen.

Von Jochen Bölsche

Dienstag, 01.10.2002   11:04 Uhr

Sie reisen in Rübezahls Heimat, um sich am Schneevergnügen und am Après-Ski zu erfreuen. Doch der Anblick der Bergwelt wirkt auf viele Besucher wie ein Schock. Im polnischen Riesengebirge fand die deutsche Reisereporterin Corinne Ullrich in der jüngsten Saison eine "geradezu apokalyptische Landschaft" vor: "Wo sind wir hier? In einem Science-Fiction-Film? Auf dem Mond?" Die Skifahrer, gruselte sich die Journalistin, bewegten sich wie "auf einem Friedhof" - zwischen lauter gespenstischen Baumskeletten mit totem Geäst.

Als nicht minder trist empfinden Touristen Teile des Erzgebirges. Dort, wo "dichter Wald seit Menschengedenken die Bergrücken besiedelte", registrierte der Berliner Wissenschaftler Ulrich Miksch in diesem Jahr riesige Kahlschläge, die ihn an ein "Hochgebirge nahe der Baumgrenze" erinnerten.

VEB Dreckschleuder

Der Wald-Untergang in Zentraleuropa ist die Spätfolge einer Jahrzehnte währenden Luftvergiftung durch Abgase - vor allem aus Braunkohlekraftwerken und anderen ehemals volkseigenen Dreckschleudern, speziell im Dreiländereck zwischen Polen, Tschechien und Deutschland.

Doch im "Schwarzen Dreieck", wie Berliner Umweltbeamte die Region nennen, wie auch im benachbarten Riesengebirge ist das Totholz beileibe nicht nur ein ästhetisches Problem. Denn mit den Baumbeständen ist zugleich der wirksamste aller natürlichen Wasserspeicher lädiert worden - und das in einer Gegend, die zum Quellgebiet ungezählter kleiner und großer Elbzuflüsse zählt.

"Wir müssen umgehend das Erzgebirge wieder aufforsten," entfuhr es dem Dresdner Naturschützer Eberhard Doerry, nachdem am 13. August im lokalen Öko-Zentrum plötzlich der Strom ausgefallen war: Die sonst so friedliche Weißeritz, die im Erzgebirge entspringt, hatte sich in einen reißenden Strom verwandelt und Dresdens Innenstadt überflutet - samt des Umweltzentrums in der Schützengasse, in dem fast zwei Dutzend Öko-Organisationen ihren Sitz haben.

Gipfel ohne Wipfel

Den Dresdner Fachleuten ist geläufig, was im Nationalen Forstprogramm Deutschland (NFD) der Bundesregierung steht: "Wälder mildern Hochwasserspitzen und geben die gespeicherten Wassermengen zeitlich verzögert und gleichmäßig wieder ab." Ein einziger Hektar Wald könne "bei günstiger Struktur bis zu zwei Millionen Liter Wasser" zurückhalten - also 200.000 Eimer à zehn Liter; nebeneinander gestellt würden sie eine fünfzig Kilometer lange Eimerkette ergeben.

Während Brachland zwölf Prozent, Weideland 30 Prozent und Ackerland sogar 35 Prozent der Niederschläge ungebremst abfließen lässt, schlucken Wälder nahezu alle Niederschläge; lediglich ein Rest von fünf Prozent fließt ab.

Etwa 30 Prozent der Regenmenge, die über gesunden Wäldern niedergehen, verdunsten bereits im Kronendach. 40 Prozent werden von Baumwurzeln und Krautschicht aufgenommen, 25 Prozent speichert der Humusboden. Allerdings: "Kommt es zu starken Auslichtungen der Bestände," warnt ein NFD-Papier, "wird die ausgleichende Funktion für den Wasserhaushalt gemindert."

Denn jede Kronenverlichtung, jeder Humusschwund - typische Symptome der Waldschäden - führe, so warnt das Umweltbundesamt (UBA), zu einer "Verringerung der Interzeptionsverdunstung" durch das Laub und zur "Abnahme der Wasserspeicherkapazität des Waldbodens". Dies wiederum bewirke "dementsprechend schnellere Abflüsse" der Niederschläge - durch die Wälder, durch die Auen schnurstracks in die Flüsse.

Und auch im Winter, wenn es schneit, verschärfen die drangsalierten Forsten die Hochwassergefahr drunten im Unterland. Dann kommt es in den Gegenden, wo kein gesunder Wipfel mehr die Gipfel schützt, zu höheren Schneeansammlungen am Boden und, mangels Schattenwurf, auch "zu einer schnelleren Schneeschmelze" (UBA).

Rübezahls Rache

Eine rasche Wiederaufforstung der Berghänge mit gesundem Mischwald ist sicherlich kein Allheilmittel; Fachleute wie der Dresdner Landschaftsökologe Jochen Schanze warnen vor der naiven Annahme, intakte Bergwälder allein könnten ein "Extremereignis" wie die Elbflut im August verhindern. Bei vielen "kleineren Ereignissen" aber, so Schanze, könnten die Art der Bodennutzung und der Zustand des Bewuchses das Überschwemmungsrisiko durchaus eindämmen.

Dass die Bergwälder im Schwarzen Dreieck und in Rübezahls Bergen so massiv geschädigt sind, verwundert vor allem Besucher aus dem Westen Deutschlands, wo seit langem kaum mehr vom Waldsterben geredet wird. Denn seit dort in den achtziger Jahren Millionensummen für Abgas-Entschwefelung und für Auto-Katalysatoren ausgegeben worden sind, ist der Ausstoß einer Reihe von Luftschadstoffen deutlich zurückgegangen, und das gute Gefühl hat sich breit gemacht, die Gefahr sei gebannt.

Im SED-Staat wiederum, wo die Verfeuerung schwefliger Braunkohle die Bergwälder besonders stark strapaziert hat, war das Baumsterben bis zur Wende tabu. Die wenigen aktiven Umweltschützer, die das Thema ansprachen, wurden von der Stasi observiert und gemobbt.

Schwefelschwaden und Katzendreck

Erst während der neunziger Jahre, als die Industrie im Osten weithin zusammenbrach, schwanden allmählich auch die Schwefelschwaden im Schwarzen Dreieck, ebenso wie der berüchtigte "Katzendreckgestank", der bis nach Bayern hinein zu verspüren war. Zu diesem Zeitpunkt waren abgestorbene Bestände bereits durch großflächigen Kahlschlag beseitigt worden.

Als im kalten Winter 1995/96 der Schwefelausstoß noch einmal empor schnellte, gaben die Luftgifte vielen vorgeschädigten Bäumen den Rest. Forstleute registrierten abermals ein "vollflächiges Absterben auf 1600 Hektar". Bei neuen "Zwangseinschlägen" wurden allein aus dem deutschen Teil des Erzgebirges 400.000 Festmeter Fichtenholz abtransportiert.

Dass der Schwefelgehalt der Luft seit ein paar Jahren sinkt, beruhigt Waldschützer indessen kaum, zumal eine positive Entwicklung in den besonders exponierten Kammlagen "noch nicht zu beobachten" ist. Die durch den sauren Schwefelregen vorgeschädigten Böden ließen "bis heute nur eine eingeschränkte Nutzung der Wälder zu", konstatiert das Berliner Umweltministerium in einem "Aktionsprogramm Erzgebirge/Fichtelgebirge". Drastischer als die Ministerialbürokraten drückt sich der Kieler Forstwissenschaftler Ralf Stölting aus: "Die Wälder im Erzgebirge sind faktisch abgestorben."

Mit einer Wiederbelebung ist vorerst kaum zu rechnen. Denn - schlimm für Wald wie Wasserhaushalt - ein weiterer Luftschadstoff macht den Umweltpolitikern zunehmend zu schaffen: Erhöhte Stickstoffeinträge aus der Luft, vor allem Abgase aus Automotoren und Agraremissionen aus der Massentierhaltung, haben mittlerweile, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, eine zweite Phase des Waldsiechtums eingeleitet.

Das zweite Waldsterben

Zwei Wochen nach dem Elbhochwasser schlug die Uno-Wirtschaftsorganisation für Europa (ECE) Alarm: Nach einer Erholungspause, heißt es im jüngsten Europäischen Waldbericht, habe sich der Gesundheitszustand der Bäume aufs Neue verschlechtert. "Geht das Waldsterben wieder los?", bangten Zeitungen wie das "Hamburger Abendblatt".

Tatsächlich registrieren Forstwissenschaftler nahezu überall in Mitteleuropa neu erkrankte Waldbäume. "Seit wir Erhebungen machen, war die Schadenssituation noch nie so hoch", sagt der Göppinger Forstbeamte Thomas Herrmann. Dem Wald gehe es "schlechter denn je", meldet die Umweltschutzorganisation "Robin Wood", die in den achtziger Jahren mit Schornstein-Besetzungen und anderen spektakulären Aktionen für Aufmerksamkeit gesorgt hatte.

Mittlerweile müssen die Öko-Aktivisten fürchten, auf verlorenem Posten zu kämpfen: "Die Öffentlichkeit hat sich mit technischen Maßnahmen wie dem Einbau von Filteranlagen in Kraftwerke und dem Auto-Katalysator beruhigen lassen." Leider lasse auch "das Interesse der Politik zu wünschen übrig", klagt der baden-württembergische Forstkammer-Präsident Erich Bamberger: "Die Waldbesitzer sind in ihrer Notsituation heute ohne Verbündete."

"Nicht der Bergwald braucht uns, wir brauchen ihn" - noch scheint dieser neuerliche Alarmruf von Umweltschützern und Forstleuten auf taube Ohren zu stoßen. Das könnte sich ändern, wenn sich die Natur weiterhin so grausam rächt wie zuletzt mit dem Überquellen der Quellflüsse im Schwarzen Dreieck. "Der andauernde Stickstoffeintrag," orakelt Forstpräsident Bamberger, "wird zu erschreckenden Folgen führen". Auch er denkt vor allem an das "Schwinden der Wasserrückhaltefähigkeit" des Waldes.

Zum 1. Teil: Millionen in den Sand gesetzt
Zum 2. Teil: Der Regenwurm als Katastrophenschützer

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