Doppelrücktritt im Bundesvorstand: Das Piraten-Problem heißt Ponader

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"Ich halte es schlicht nicht mehr aus": Ein Doppelrücktritt im Vorstand erschreckt die Basis der Piraten - und ist doch keine Überraschung. Denn die Parteispitze hat sich durch Dauerstreit selbst gelähmt. Das größte Problem der Freibeuter ist weiter ungelöst.

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dapd

Geschäftsführer Ponader: Der Vorstand der Piraten ist nicht mehr arbeitsfähig

Hamburg - Sie haben mal wieder nichts gelernt. Zwei ihrer Vorstände treten zurück, beide haben sich schwergetan mit dem Schritt, seit längerem damit gerungen. Und was machen die Piraten? Zoffen sich munter weiter.

Noch als Parteichef Bernd Schlömer in Berlin am Nachmittag vor der Presse die Wogen zu glätten versuchte, lästerte sein Stellvertreter Sebastian Nerz auf Twitter: "Er hat nichts - aber auch absolut gar nichts - verstanden. NULL. NADA. NICHTS. Das ist unglaublich. Einfach nur *gar nichts*. Krass." Gemeint war weder Schlömer, noch der gerade zurückgetretene Matthias Schrade. Nerz zielte auf Johannes Ponader.

Der politische Geschäftsführer hat die Hälfte der Bundesvorstands der Piraten so sehr gegen sich aufgebracht, dass die nun auch öffentlich schimpft. Selbst Schatzmeisterin Swanhild Goetze, die sich im Buvo, wie die Piraten ihren Vorstand nennen, immer im Hintergrund hält, sekundierte Nerz via Twitter: "Übrigens - sollte Johannes Ponader jemals als Vorsitzender oder Stellvertreter in den Buvo gewählt werden, dann kandidiere ich nicht mehr."

Der Doppelrücktritt von Julia Schramm und Matthias Schrade, beide Beisitzer im Bundesvorstand, löst keines der Probleme der Piraten, sondern verschärft nur eines: Es geht um Ponader. Zumindest vier der acht Vorstandskollegen sind der Auffassung, sie könnten mit ihm nicht mehr zusammenarbeiten.

Und Julia Schramm? Klar, die Ungeschicklichkeiten rund um ihr Buch "Klick Mich", die ihr einen Riesen-Shitstorm mit wüsten Beschimpfungen einbrachte, erschwerten die Arbeit. Matthias Schrade? Ja, der unermüdliche Dauerredner nervte manchmal. Aber alles nichts im Vergleich zu Ponader, dem der halbe Bundesvorstand einen Egotrip und Unverbesserlichkeit unterstellt.

Die Parteispitze ist gelähmt

Ponader hatte in aller Öffentlichkeit den Abschied von Hartz IV zelebriert und angekündigt, seinen Lebensunterhalt bei knapper Kasse aus Spenden von Anhängern zu bestreiten. Die Aktion war nicht abgesprochen und traf bei den Kollegen auf volles Unverständnis. Ponader sagte SPIEGEL ONLINE kürzlich, er sei politisch nicht seinen Vorstandskollegen verpflichtet, sondern der Basis. Er ging in Talkshows, auch wenn ihm die Kollegen abrieten. "Beratungsresistent" sei er, heißt es aus dem Vorstand. Auch Schrade schrieb in seiner Rücktrittserklärung darüber ("Ich halte es schlicht nicht mehr aus"). Immerhin hat Ponader mittlerweile die Aktion gestoppt.

Doch was seit Freitagmittag passierte, auf Twitter, in den Erklärungen und in hektischen Telefonaten zwischen Vorstandsmitgliedern, legt für jedermann offen, was seit Wochen zu spüren war: Die Spitze der Piratenpartei ist tief zerstritten und nicht mehr arbeitsfähig.

Schon die jüngste Vorstandssitzung am Mittwoch zeigte das. Schramm hielt sich fast komplett zurück, sie schien schon abgeschlossen zu haben mit ihrem Amt, ein Hinweis auf ihren Rücktritt fand sich aus Versehen schon im Protokoll. Schrade meldete sich noch ab und an zu Wort, meist um Ponader zu widersprechen. Und lange Zeit ging es vor allem um einen Antrag Ponaders zu einer weiteren Spendenaktion - diesmal für inhaltliche Arbeit. Dass eine Mehrheit des Vorstands das Ansinnen ablehnte, war ziemlich schnell klar. Es war auch nicht die erste Sitzung, die darum kreiste. Doch Ponader machte weiter, präsentierte drei Alternativvorschläge, hakte immer wieder nach. So lähmt sich ein Gremium selbst.

Köpfe statt Themen

Den Frust über Ponader können manche Vorstandsmitglieder nicht mehr unterdrücken. Nerz, eigentlich ein Typ, der nicht gerne in der Presse poltert, brachte vor zwei Wochen erstmals öffentlich einen Rücktritt ins Spiel. Es klang nach "Ponader oder ich". Er wollte eine Entscheidung erzwingen, die Rechnung ging aber nicht auf. Dann meldete sich Parteichef Schlömer zu Wort. Auf SPIEGEL ONLINE forderte er Ponader auf, "mal zu arbeiten, anstatt Modelle vorzustellen, die die Berufstätigkeit umgehen".

Spätestens da war klar: So kann es bei den Piraten nicht weiter gehen. Die Partei, die so vieles anders machen will und nach dem Motto "Themen statt Köpfe" lebt, streitet in Wahrheit fast nur noch über ihre Köpfe. Die inhaltliche Arbeit kommt, auch wenn Dutzende Arbeitsgruppen ständig debattieren, kaum voran.

Daran wird auch der Doppelrücktritt nichts ändern. Eigentlich kann es nur noch eine Lösung geben: Ponader tritt ab. Das will er aber nicht. Er verweist auf seine Unterstützung an der Basis.

In einer langen Erklärung zu den Rücktritten, die Ponader am Freitagnachmittag veröffentlichte, schreibt er: "Dieser Moment ist natürlich vor allem Anlass für eine kritische Betrachtung meiner Arbeit." Er habe in den vergangenen Monaten zwar selbst einige Fehler gemacht, der Weg gehe aber nicht zurück. "Er geht nur nach vorne." Dann macht er Vorschläge, er wolle noch enger mit den Kollegen im Bundesvorstand zusammenarbeiten.

Das wollen viele an der Spitze jedoch nicht mehr. Der Weg nach vorne, für sie wäre das: Ponader tritt zurück.

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insgesamt 244 Beiträge
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1. Lösungsvorschlag
twister-at 26.10.2012
Auch um die marode Kasse der PP aufzubessern empfehle ich, sich jetzt mal 4 Wochen lang sämtliche Twitterkommentare usw. zu verkneifen und stattdessen alle Interessierten, die Presse usw. zum "Pirate-Deathmatch" einzuladen. Für die Sexisten noch Julia Schramm oder Marina W. zum Schlammcatchen überreden und dann Eintritt nehmen, fertig. Das würde auch die Peinlichkeit solcher Twitterschlammschlachten wieder wettmachen, den das wäre wenigstens noch lustig.
2. Rechtspartei
W. Robert 26.10.2012
Nö, Ponader steht für die netten frechen Jungs aus Berlin, die den gegenwärtigen Piraten-Hype überhaupt erst losgetreten haben. Das Problem sind schlecht getarnte Militaristen und Reaktionäre im Vorstand, die die Partei absolut unwählbar machen. Die Piraten sind eine dreiste Mogelpackung, zumindest Nerz, Schlömer und auch Siepenbusch sind unerträglich. Die haben die Partei auf Mainstream-Rechts gebügelt, und es wird Zeit, das auch den letzten naiven Heavy Metal Bierbäuchen aus der Provinz klarzumachen.
3. Oh Je, der!
hashemliveloirah 26.10.2012
Nicht fein, aber es geht nicht anders, mit Verlaub: Dieses Bild zum Artikel: solche hatten wir alle schon in der Schule! Und die waren genau so: alles besser wissen und vor allem eines wissen: - wie man's (die anderen) nicht macht und - wie man es(selber) besser gemacht hätte (wenn sie etwas hätte arbeiten wollen.....
4. optional
WhereIsMyMoney 26.10.2012
Bei dieser Partei sehe ich nur Loser, denen es um Selbstvermarktung geht, und schon lange nicht mehr um ihr Hauptthema. Dass Madame Schramm nciht sofort rausgeschmissen wurde, zeigt dass diese Typen überhaupt keine Ideale haben. Was sehr schade ist, denn ihr Hauptthema ist sehr wichtig. Es ist traurig dass wir nicht mehr Debatten darüber führen.
5. Selbstinszenierung, Eitelkeiten und
antmanhh 26.10.2012
...Unklarheiten im Geiste bezüglich des eigenen Seins - dann kommt in der Summe genau das dabei heraus. Hoffentlich schenken die Piraten irgendwann auch anderen, leiseren Tönen Gehör. Die gibt es in den eigenen Reihen ganz bestimmt.
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