Nach grünem Kommunalwahlerfolg: Özdemir peilt Bundestags-Direktmandat in Stuttgart an

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Stuttgart ist die neue Grünen-Hochburg - und davon will nun auch Parteichef Özdemir profitieren: Nach dem dortigen Grünen-Sieg bei den Kommunalwahlen will er jetzt um ein Bundestagsdirektmandat im Südwesten kämpfen. Das ist ein großes Ziel.

Berlin/Stuttgart - Alle sind sie gescheitert: Joschka Fischer schaffte es nicht einmal als amtierender Außenminister und Vizekanzler, seinen Frankfurter Wahlkreis zu gewinnen. Rezzo Schlauch, 1996 mit 39,3 Prozent beinahe zum Oberbürgermeister Stuttgarts gewählt, unterlag dort dreimal als Direktkandidat. Fritz Kuhn scheiterte auch in der Universitätsstadt Heidelberg stets gegen die Konkurrenz. Selbst für die prominentesten Grünen-Realos führte der Weg in den Bundestag nur über die Liste.

Anders der Parteilinke Christian Ströbele, der seit gefühlten 100 Jahren mit seinem Fahrrad durch Berlin fährt und genauso lange die gleichen Positionen vertritt: 2002 und 2005 lag er in Kreuzberg-Friedrichshain vor allen anderen Kandidaten. Er ist der einzige Grüne, der je ein Direktmandat holte.

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Grünen-Chef Özdemir: Schafft er ein Direktmandat in Stuttgart für den Bundestag?

Doch nun gibt es neue Hoffnung für die Partei, vor allem für ihr Realo-Lager: Grünen-Chef Cem Özdemir darf sich - nach dem überragenden Kommunalwahl-Ergebnis der Grünen in Stuttgart - Hoffnungen auf ein Direktmandat in der baden-württembergischen Landeshauptstadt machen. "Ich werde alle Hebel dafür in Bewegung setzen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Özdemir tritt am 27. September im Wahlkreis Stuttgart-Süd an.

25,3 Prozent holten die Grünen am Sonntag in Stuttgart - und lagen damit knapp vor der CDU und deutlich vor der SPD.

Bei der Europawahl siegte die CDU zwar mit gut 29 Prozent, aber auch hier kamen die Grünen auf 24 Prozent.

Özdemirs Chance bleibt allerdings auch seine einzige: Der Vorsitzende ist auf der baden-württembergischen Grünen-Liste nicht abgesichert. Auf einem Parteitag der Südwest-Grünen war er vergangenen Oktober überraschend zweimal im Kampf um einen aussichtsreichen Platz unterlegen. Für Özdemir, der im November an die Spitze der Partei gewählt wurde, ein Tiefschlag. Den könnte er nun in einen späten Triumph gegenüber jenem Parteifreund verwandeln, der ihm den vermutlich letzten aussichtsreichen Listenposition 8 wegschnappte. Sollte Özdemir seinen Wahlkreis gewinnen, würde den Grünen ein Platz auf der Liste abgezogen - und damit wäre der achtplatzierte Alexander Bonde, immerhin haushaltspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, wohl das Mandat los.

Auch der eine oder andere Spitzengrüne, so ist zu hören, dürfte Özdemir im Geheimen nicht die Daumen drücken. Denn sollten die Grünen weiter in der Opposition bleiben und Özdemir in den Bundestag einziehen, würde das bedeuten: noch mehr Gerangel in der Fraktion um die wichtigen Posten.

Ohnehin ist den Grünen klar, dass die Ergebnisse der Kommunal- und Europawahl nicht automatisch auf den 27. September hochzurechnen sind. Das Ergebnis der letzten Bundestagswahl in Stuttgart-Süd zeigt, wie viel Özdemir gegenüber den großen Mitbewerbern aufzuholen hat: 2005 kam der Grünen-Kandidat Peter-Stefan Siller auf gerade einmal 10,4 Prozent der Erststimmen, jeweils knapp 30 Prozent hinter CDU und SPD.

Optimismus in Berlin und Stuttgart

Dennoch gibt man sich sowohl in Berlin wie in Baden-Württembergs Landeshauptstadt optimistisch. Natürlich sei es "ein harter, sehr schwieriger Weg zum Direktmandat", sagt Özdemirs Ko-Vorsitzende Claudia Roth. "Aber ich weiß, wenn es einer schaffen kann dann Cem", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Auch Boris Palmer, grüner Oberbürgermeister Tübingen und 2004 OB-Kandidat in Stuttgart, ist optimistisch. "In einer Stadt, in der ein grüner OB-Kandidat 39 Prozent (Rezzo Schlauch 1996/Anm. der Red.) bekommt und die Grünen bei den Kommunalwahlen 25,3 Prozent bekommen, ist ein Direktmandat nicht aus der Welt", sagte er SPIEGEL ONLINE. Philipp Franke, Chef der Stuttgarter Grünen, schätzt Özdemirs Chancen so ein: Mit den Ergebnissen vom Wochenende seien die Grünen in Stuttgart "endgültig in der bürgerlichen Mitte angekommen", sagt er, "und damit gibt es für Özdemir eine reelle Chance".

Was für Özdemir spricht: Sein Wahlkreis hat einen hohen Anteil an gutgebildeten, wohlhabenden Wählern aus Hanglagen der Stadt, die bei der Kommunalwahl offenbar vor allem wegen des Grünen-Widerstands gegen das Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21" nicht für die bürgerlichen Parteien stimmten. Allerdings dürfte Özdemir wegen des hohen Migrantenanteils genauso gut in der Stuttgarter Innenstadt ankommen, die in Teilen ebenfalls zu seinem Wahlkreis gehört.

Gegen ihn spricht: Er kann bis zum 27. September nur bedingt in Stuttgart-Süd Wahlkampf machen. Als Parteichef ist Özdemir neben seiner Ko-Vorsitzenden Roth und den Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin eine der zentralen Figuren für die Grünen-Kampagne. Die Idee, eine zeitlang nur in Stuttgart Wahlkampf zu machen, haben Özdemirs Leute inzwischen offenbar wieder verworfen. Nun heißt es lediglich, man werde "die Präsenz in Stuttgart massiv verstärken". Dort hofft man auf soviel Özdemir wie möglich. "Aber es ist uns schon klar, dass er nicht jede Woche hier sein kann", sagt Kreischef Franke. Tübingens Rathauschef Palmer glaubt: "So wie ich die Stuttgarter Grünen aus meinem OB-Wahlkampf kenne, bin ich mir sicher, dass Cem eine phantastische Unterstützung erhalten wird."

Aber wird das reichen?

SPD-Kandidatin Vogt hat keine Angst vor Özdemir

Zumal wenigstens die SPD mit ihrer baden-württembergischer Parteichefin Ute Vogt eine prominente Kandidatin in Stuttgart-Süd präsentiert. Für die CDU, die 2005 knapp den Wahlkreis gewann, tritt diesmal ihr stellvertretender Kreischef Stefan Kaufmann an, ein Rechtsanwalt. Vogt, zuletzt Fraktionschefin im Landtag, will unbedingt wieder in den Bundestag - und zwar als Wahlkreis-Gewinnerin. Anders als ihr Grünen-Konkurrent ist sie allerdings mit Platz 1 auf der SPD-Liste maximal abgesichert. Özdemir sieht das als Vorteil für seine Kandidatur. "Das könnte für den Wähler ein wichtiger Aspekt sein", sagt er, weil im Falle seines Sieges dann zwei Abgeordnete aus Stuttgart-Süd im Bundestag säßen.

Ute Vogt jedenfalls gibt sich siegessicher. "Man muss jeden Konkurrenten ernst nehmen", sagte sie SPIEGEL ONLINE. "Aber es ist vor allem wichtig, volle Präsenz vor Ort zu zeigen." Und da sieht sich Vogt gegenüber Özdemir eindeutig im Vorteil. Nicht nur wegen seiner bundesweiten Parteichef-Verpflichtungen. Sie sei gerade erst nach Stuttgart-Süd gezogen, sagt Vogt, "das erwarten die Wähler". Özdemir dagegen will seinen Berliner Wohnsitz in jedem Fall behalten. Für die SPD-Kandidatin ist deshalb klar: "Der CDU-Kandidat ist mein Hauptkonkurrent."

Grünen-Chefin Roth sieht das anders: "Özdemir passt als Ur-Schwabe wie kein anderer nach Stuttgart". Der lokale Vorsitzende Franke hält auch aus inhaltlichen Gründen dagegen. Die Grünen hätten in Stuttgart "gute wirtschaftliche Konzepte", mit denen man sich nicht hinter CDU und SPD verstecken müsste.

Für den Kandidaten selbst liegt bis zum 27. September noch eine "lange und steinige Strecke" vor ihm. "Wenn ich gewinnen würde, wäre es sicher eine Überraschung", sagt Cem Özdemir.

Aber diesmal "eine schöne."

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